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Welttoilettentag : Das Geheimnis der Klospülung

  • -Aktualisiert am

Drück mich: Diese Knöpfe, korrekt: Bedienungsplatten, sind in ihrem Metier eine Berühmtheit. Bild: Marcus Kaufhold

Jeder Mensch muss auf die Toilette. Einem Unternehmen ist es gelungen, mit einem unscheinbaren Teil den Weltmarkt zu erobern. Jeder kennt es. Aber kaum jemand kennt das Besondere daran.

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          Dieses Teil kennt jeder. Viele drücken es täglich, aber kaum wurde je ein Wort darüber gesprochen oder geschrieben. In den Zeitungsarchiven findet man darüber nichts. Millionen deutscher Toilettenspülungen lassen sich über die weiße Armatur aktivieren: den großen Knopf für viel, den kleinen für wenig Wasser. Das Teil wurde Schätzungen zufolge ähnlich oft verkauft wie der VW Golf, aber es ist vergleichsweise fragwürdig, warum eigentlich.

          Das ist nicht nur zum Welttoilettentag an diesem Donnerstag eine Geschichte. Es gibt Dutzende von sogenannten Betätigungsplatten für Toiletten. Jeder hat eine Toilette, jeder braucht so etwas. Aber nur eine eroberte den Markt in diesem Ausmaß. Die Spur führt nach Pfullendorf. Dort lässt der Schweizer Konzern Geberit AG fertigen. Er stellt Klospülkästen aus durchsichtigem, stabilem Plastik her, die Installateure hinter den Wandfliesen verschwinden lassen. Der Hinterwand-Spülkasten war eine große Erfindung vor mehr als fünfzig Jahren. Unbescheiden nennt das ein Konzernsprecher einen „Paradigmenwechsel in den europäischen Bädern“.

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          Der Spülkasten machte den Weg frei für den steilen Aufstieg von „Sigma01“, beziehungsweise seine fast gleich aussehenden Vorgänger, die Samba und Twinline hießen. Es ist ebenjene Betätigungsplatte mit einem großen Kreis und einem kleinen, der den anderen ein wenig überlappt. Das hat nicht viel zu bedeuten. Man mag zwar an eine Sonnenfinsternis denken, den sich langsam vorschiebenden Mondschatten, oder an den Befruchtungsvorgang von Samen- und Eizelle, an die Kraftfelder von Jing und Jang. Aber all das ist Quatsch. Der Hersteller erklärt, was die Kreise bedeuten sollen: Die „unverwechselbare Formensprache“ nehme „gestalterische Anleihen bei perlenden Wassertropfen“.

          Es war die erste Betätigungsplatte mit Wassersparknöpfen, die der ganzen Welt gefiel. 60 Millionen Unterspülkästen will Geberit seit der Erfindung verkauft haben. Millionen Jahr für Jahr. Sechs von zehn: Sigma01. In Europa sei man Marktführer. Zwar gibt es immer wieder neue Betätigungsplatten mit erstaunlichen Funktionen. Einige sind in den Farben Silber und Gold, andere lassen sich individuell gestalten, manche fernsteuern, manche haben Geruchsabsaugefilter. Ein Modell „Sigma70“ sei „dank geringem Hub mit minimalem Kraftaufwand auszulösen“. Andere sind mit Luftdruck stromfrei steuerbar. Doch was interessiert es die Kunden. Sie wollen das Modell mit den perlenden Wassertropfen. All die schönen Innovationen nützen wenig. „Von außen wird Geberit als innovatives Unternehmen wahrgenommen, intern jedoch wesentlich weniger stark“, urteilten einmal die Autoren des „Change Communications Jahrbuchs“.

          Überwiegend werden Toilettensysteme von Geberit eingebaut

          Geberit hat eine Cash Cow. Der Aktienkurs verharrt nicht weit unter dem Allzeithoch auf 335 Franken. In Zürich, wo die Zentrale des Konzerns sitzt, gibt es weitere Antworten auf die Frage nach dem Erfolg. Sigma01 sei günstig, halte „über Jahre bis Jahrzehnte“. Der Erfolg wäre kaum möglich gewesen ohne eine Art Monopolstellung, die Geberit mit seinen Spülkästen hat. „Dieser ist bei vielen von Deutschlands Installateuren als Standard gesetzt“, verrät ein Unternehmenssprecher. Und was er nicht sagt: So ist es auch im Ausland.

          Die marktbeherrschende Stellung scheint in vielen Ländern deutlich. Der Betriebswirtschaftsprofessor Daniel Schallmo von der Universität Ulm analysierte, dass überwiegend Toilettensysteme von Geberit eingebaut würden, „da Installateure nur noch Geberit können“. Denn in vielen Ländern schule ausschließlich Geberit Sanitärinstallateure, und die von dem Unternehmen vergebenen Zertifikate seien dort etwa mit den deutschen Meisterbriefen vergleichbar. So ist es etwa in Ägypten, wo westliche Touristen durchaus häufig die weißen Plastikknöpfe des „Sigma01“ betätigen, die sie gut von zu Hause her kennen.

          Diese Anekdote führt zu einem ernsten Thema, das mit Toiletten zu tun hat: der Unterversorgung mit Toiletten in weiten Teilen der schwach oder nicht entwickelten Welt. Rund 2,5 Milliarden adäquate Toiletten fehlen auf der Welt, allein etwa 500 bis 600 Millionen in Indien, schätzt Johannes Rück von dem Entwicklungshilfeverein „German Toilet Organization“. Der stellt armen Menschen „lokal angepasste Toiletten“ zu Verfügung, lehrt sie die Benutzung und klärt über die Hygiene auf. „Sanitärversorgung ist eine sehr tabubehaftete, kulturabhängige Geschichte“, sagt er. „Nur weil man einem Menschen, der in den Busch geht, ein Klo hinstellt, nutzt er es noch nicht.“ Ein Sponsor des Vereins ist der Sanitärzubehörhersteller CWS Boco aus dem hessischen Dreieich. „Sigma01“ kommt nicht zum Einsatz, wenn die „Toilet Organization“ Klos verteilt. Johannes Rück sagt über Geberit: „Wir haben einen ganz anderen Fokus.“

          Aber zurück zum Thema. Vielleicht ist eine Betätigungsplatte auch einfach ein so unwichtiges Ding, dass es möglichst unauffällig und billig sein sollte. Das ist „Sigma01“. Hersteller wie Hans Grohe oder Villeroy hätten auch gern so ein Ding. Allerdings hätten sie alle auch gern, dass die Kunden Platten kauften, die mehr als rund 30 Euro kosten. Manche Modelle sind zehnmal so teuer. Aber sie bleiben oft Ladenhüter.

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