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Kommentar : Gasprom will wieder mitspielen

  • -Aktualisiert am

Der Energiekonzern stimmt zu, Zentral- und Westeuropa weiter mit Gas zu versorgen. Grund für den Sinneswandel: Russland ist auf zahlungskräftige Europäer angewiesen.

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          Die Gaswirtschaft hat ihre eigene Zeitrechnung. Bei ihr beginnt das Jahr am 1. Oktober. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter und die Sehnsucht der Menschen nach Wärme größer. Es spricht manches dafür, dass das neue Gasjahr weniger aufregend wird als die zurückliegenden.

          Europas Verbraucher dürfen sich jedenfalls über niedrige Preise freuen, auch wenn der Preis für Gas längst nicht so tief liegt wie der für Öl. Das zeigt: Die oft kritisierte Bindung des Gaspreises an den Ölpreis ist längst nicht mehr so eng, wie sie noch vor ein paar Jahren war. „Take or pay“ nach dem Motto „bezahlt wie bestellt“ wird immer öfter von der Maxime „bezahlt wie geliefert“ abgelöst. Gasprom hatte sich lange dagegen gestemmt. Dass der für die Versorgung Europas mit Erdgas wichtige russische Staatskonzern diese Blockade aufgegeben hat, zeigt, dass Flexibilität auch in Moskau kein Fremdwort mehr ist.

          Signal der Entspannung

          Gasprom hat in den vergangenen Wochen mehrfach unter Beweis gestellt, wie schnell man sich an neue Bedingungen anpassen kann. Erst am Freitag einigte der Konzern sich nach kurzen Verhandlungen unter Vermittlung der EU mit der Ukraine auf neue Konditionen für deren Belieferung und den Transit weiterer Gasmengen nach Zentral- und Westeuropa.

          Noch ist der Vertrag nicht unter Dach und Fach, auch fehlt die Preisklausel für das erste Quartal 2016. Aber nachdem Gasprom noch vor einem halben Jahr mit einer Unterbrechung der Lieferungen gedroht hatte, ist die jüngste Einigung ein Signal der Entspannung. Dass sie zeitlich mit der außenpolitischen Syrien-Initiative des russischen Präsidenten vor den Vereinten Nationen zusammenfiel, war sicher kein Zufall. In seinem Bestreben, bei der politischen Neuordnung Syriens ein Wort mitzureden, wollte sich Wladimir Putin offensichtlich nicht durch neuen Streit mit der EU und Kiew stören lassen. Unpolitisch ist das Geschäft mit Gasprom deshalb noch lange nicht. Der Staatskonzern wird derzeit lediglich weniger offensichtlich für die politischen Geschäfte des Kremls eingespannt.

          Es ist kein Jahr her, dass Präsident Putin den Bau einer Gasleitung durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und Österreich stoppte, weil Gasprom nicht nach EU-Regeln spielen wollte, die Erzeugung und Transport nicht in einer Hand zulassen. Stattdessen befahl Putin den Bau einer Leitung in die Türkei. Der EU beschied er, sie möge sich das Gas an der griechisch-türkischen Grenze abholen. Im Schatten der Ukraine-Krise und der EU-Sanktionen wurden Firmenpartnerschaften wie der Anteilstausch von BASF und Gasprom abgesagt.

          Wenige Monate später scheint alles vergessen. Moskau hat von Konfrontation auf Kooperation geschaltet. Gasprom und BASF holen ihre Tauschoperation nach. Mit dem österreichischen Versorger OMV will sich der Gasriese nun enger verbandeln. Den Europäern, denen Putin noch vor wenigen Monaten die Brocken vor die Tür geworfen hatte, bietet Gasprom den Bau zweier weiterer Stränge durch die Ostsee an. Kapazitäten der durch Ostdeutschland führenden Gasleitung Opal hat Gasprom auf einmal ausgeschrieben. Das hatte die EU lange vergeblich verlangt.

          Fallende Ölpreise schwächen das Staatsbudget

          Gasprom hat eine bemerkenswerte Wandlung vom Neinsager zum Mitspieler vorgenommen. Die Wende kam so sprunghaft wie die Abkehr im vergangenen Jahr. Manches spricht dafür, dass der Positionswechsel auf Dauer angelegt ist und den nächsten politischen Wetterumschwung - Ukraine, Syrien - überstehen könnte. Denn der Grund für die Wiederannäherung ist nicht Gefallsucht oder pure Freundlichkeit, es ist die wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Verhandlungen Russlands mit der Türkei über den Leitungsbau verlaufen schwieriger als erwartet. Für die Geschäftsanbahnung mit dem neuen und im vergangenen Jahr mit viel Vorschusslorbeer bedachten Großkunden China gilt das ebenso. Zu Hause lassen Kunden und Regionalverwaltungen den Staatskonzern auf offenen Rechnungen sitzen. In der Zwischenzeit drücken fallende Öl- und Gaspreise auf die Erlöse aus dem Ausland und schwächen das auf Devisen angewiesene Staatsbudget.

          Die Kunden in Europa sind dagegen solvent und zahlungsbereit. Gasprom muss dafür zwar die Regeln der EU und das laufende Kartellverfahren wegen Marktmissbrauchs akzeptieren, aber womöglich kann das Verfahren auch durch Wohlverhalten an anderer Stelle entspannt werden. Gasprom hat zudem den europäischen Markt im Auge: Stoßen die Russen ihre Kunden vor den Kopf, wenden diese sich womöglich noch stärker anderen Lieferanten zu. Gas wird schließlich immer mehr zu einem weltweit gehandelten Produkt. Will Putin zudem bis 2019 sein strategisches Ziel erreichen, die Ukraine mit Gasexporten in den Westen zu umgehen, bleibt ihm zeitlich und technisch keine andere Route mehr als die durch die Ostsee.

          Noch ist nichts unterschrieben. Aber der Nutzen für Russland ist ein schlagendes Argument für eine erneuerte Kooperation mit der EU, die die Tür nie zugeschlagen hatte. So könnte das neue Gasjahr 2016 als eines der Entspannung in Erinnerung bleiben. Der Anfang ist gemacht.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

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