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Gamescom : Ballern und Bildung

  • -Aktualisiert am

Screenshots aus dem Computerspiel Call of Duty Vanguard Bild: Activision

Die Gamescom ist auch in der digitalen Variante lebendig – nicht gerade zum Vorteil mancher Politiker. Dabei profitiert die Branche von staatlicher Hilfe.

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          Wenn sie Kriegsspiele vorstellen, ist das für Entwicklerstudios ein schmaler Grat, zu sehen war das auch auf der Eröffnungsveranstaltung für die Computerspielmesse Gamescom. Der Zweite Weltkrieg sei bekannt für seine „epischen Schlachten“, sagt David Swenson auf der Bühne, der für das amerikanische Entwicklerstudio Sledgehammer Games arbeitet und die neue Variante der bekannten „Call of Duty“-Reihe des Spieleproduzenten Activision Blizzard mitgestaltet hat. Der Werbeblock für bessere Grafiken und realistische Explosionen an historischen Fronten wie Stalingrad mag Videospiellaien verstören, die Zielgruppe sicher nicht. Schließlich sind Weltkriegsschauplätze für Computerspielfans altbekannt, schon die erste „Call of Duty“-Variante von vor 18 Jahren spielte dort.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Deshalb haben sich die Macher nun an realen Personen orientiert, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben und drum herum – Stichwort schmaler Grat – fiktive Geschichten gestrickt, die im Jahr 2021 auch noch Ansprüche der Zielgruppe an Diversität erfüllen. So ist eine der vier Hauptfiguren der im November erscheinenden „Call of Duty“-Auflage „Vanguard“ die Scharfschützin Polina Petrova, die der sowjetischen Soldatin Ljudmila Pawlitschenko nachempfunden ist. Gesprochen wird sie von der in der Spieleszene beliebten und bekannten Laura Bailey, die für ihre Synchronisation schon einige Preise abgeräumt hat. Solche Verpflichtungen sind für Fans durchaus Kaufargumente, verbringen sie doch viele Stunden mit den Stimmen in ihren Lieblingsspielen.

          Für den Spielehersteller Activision ist „Call of Duty“ immens wichtig, die Reihe trägt einen großen Teil zu den Umsätzen bei, die im ersten Halbjahr 2021 knapp 2,3 Milliarden Dollar betragen haben. Allein aus der Mobilvariante des Spiels erwarten sich die Macher Umsätze von 1 Milliarde Dollar in diesem Jahr, im zweiten Quartal wurden im „Call of Duty“-Universum so viele Stunden gespielt, wie im gesamten Jahr 2019. Gleichzeitig wetteifert Activision seit Jahren mit dem Kriegsspiel-Konkurrenten „Battlefield“ von Electronic Arts, im Herbst treffen die Neuauflagen aufeinander. Beide Spiele haben Verfechter, die in ihrer Treue zum einen Spiel und der Ablehnung des anderen ähnlich wie Ultra-Gruppierungen von Fußballvereinen wirken.

          Kleine Entwicklerstudios haben hart zu kämpfen

          Unter den 20 meistverkauften Spielen für Konsole und PC in Deutschland waren 2020 zwei „Call of Duty“-Ausgaben, an der Spitze lag die neueste Variante des Fußballspiels Fifa von EA Sports. Blockbuster-Spiele und ihre Vorstellungen erreichen die meisten Zuschauer auf der digital ausgetragenen Gamescom, doch ist diese noch viel mehr. Am Donnerstag und Freitag wurde auf dem Gamescom-Kongress auch über Bildungsmöglichkeiten in der Schule durch Computerspiele oder Suchtgefahr am Bildschirm gesprochen; es ging um die Möglichkeit, mit Spielen Inklusion zu fördern oder auf den Klimawandel oder das Artensterben aufmerksam zu machen.

          Gleichzeitig stellen sich auf der Gamescom Entwickler von kleinen Spielen vor. Sie haben hart zu kämpfen: Zwar hat die Games-Branche in Deutschland davon profitiert, dass in der Corona-Krise mehr Zeit am Bildschirm verbracht wurde, doch hat sich der Umsatzzuwachs nicht in Marktanteilgewinne gegenüber ausländischen Entwicklerstudios übersetzt. Der Games-Markt in Deutschland ist 2020 um fast ein Drittel auf 8,5 Milliarden Euro gestiegen, aber es dominieren auf dem Heimatmarkt die großen Unternehmen aus dem Ausland. Von den 4,5 Milliarden Euro, die hierzulande für Computerspiele ausgegeben werden, landen weniger als 5 Prozent bei deutschen Entwicklern.

          Die digitale Variante der Gamescom bevorzugt dabei die ausländischen Aussteller, für die der Aufwand, sich dort zu präsentieren, sonst viel größer ist. Zwar können nun auch deutsche Indy-Games-Hersteller theoretisch ein internationaleres und größeres Publikum erreichen, doch stößt man beim Flanieren durch Messehallen eventuell eher auf etwas Neues als auf den zahlreichen digitalen Kanälen der Computerspielmesse. Überfordernd können die Eindrücke aufgrund der schieren Menge der Angebote sowohl in der digitalen als auch in der Vor-Ort-Variante werden.

          Spott für Laschet und Scheuer

          Gleichwohl ist die Veranstaltung ein Gesprächs- und Austauschangebot für alle möglichen Zielgruppen, und dazu gehört eine politische Komponente: Im Chat auf der Livestreamingplattform Twitch ist das Risiko hierbei deutlich geworden. Als NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und der für die Gamer zuständige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ihre Grußworte an die Spieler richteten, kübelte ihnen der Spott entgegen, unzählige kritische Kommentare wurden eilig gelöscht. Manche Kommentatoren merkten allerdings an, dass die Computerspiel-Community doch froh sein solle, dass sich die Politik überhaupt für sie interessiere.

          Der Game-Verband, der die Gamescom veranstaltet, steht der Politik auch angesichts der jährlich fließenden Förderung in Höhe von 50 Millionen Euro für Entwicklungen positiv gegenüber. Das langjährige Trommeln des Lobbyverbands für staatliche Unterstützung hat dazu geführt, dass Förderanträge seit Herbst bearbeitet werden – bei rund 140 Anträgen wurden bislang 40 Millionen Euro bewilligt. Mehr Gründungen und mehr Arbeitsplätze in der Branche führt Game-Geschäftsführer Felix Falk auf die Förderung zurück. Immerhin knapp 4000 Live-Zuschauer hat die Debatte der Bundesgeschäftsführer und Generalsekretäre von CDU, SPD, FDP, Linke und Grünen erreicht, in der über Digitalisierung oder eine Absenkung des Wahlalters debattiert wurde. Im Chat zur Wahlarena ist es dann auch deutlich konstruktiver zugegangen als bei den Grußworten zur Eröffnung.

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