https://www.faz.net/-gqe-824n3

Fusionen am laufenden Band : Die Pharma-Branche hat Fieber

Will den Konkurrenten Perrigo kaufen: der amerikanische Generika-Hersteller Mylan Bild: AFP

In der Medizinbranche gab es in diesem Jahr schon viele Milliardenübernahmen. Doch nicht immer sind die Fusionen sinnvoll. Was passiert, wenn Unternehmen zu sehr auf ihre Aktionäre hören.

          3 Min.

          Häufen sich Fusionen und Übernahmen, ist schnell die Metapher vom Fusionsfieber zur Hand. Häufen sich die Übernahmen in der Medizinbranche, kommt das Bild noch eher in den Sinn, hat Fieber doch mit dem Kerngeschäft von Pharma zu tun. Bei genauerem Denken tut sich aber ein anderer Blickwinkel auf. Hohe Temperatur ist schließlich Symptom einer Unpässlichkeit, einer Schwäche. Und in der Tat stellt sich die Frage, ob die Arzneibranche mit ihrer Serie von Großübernahmen aus Schwäche handelt.

          Das jüngste Beispiel liefert dafür jedenfalls ein Argument: Mylan, größter Anbieter verschreibungspflichtiger Nachahmermedikamente (Generika) in Amerika, will für 29 Milliarden Dollar den Konkurrenten Perrigo übernehmen. Der steht vor allem für rezeptfreie Produkte, im Branchenjargon OTC genannt (over the counter). Mylan verspricht „strategischen Nutzen“. Fachleute bestreiten den. Mylan sei schließlich im OTC-Geschäft nicht präsent, sagen etwa Analysten von Citi. „Wahrscheinlich hat der Druck von Aktionären auf Mylan, das Unternehmen zu verkaufen, als Katalysator gewirkt, an Perrigo heranzutreten.“ Eine Übernahme als Flucht nach vorne – denn seit Monaten spekuliert der Markt, Mylan drohe eine Offerte durch Konkurrent Teva aus Israel.

          Trifft die Vermutung zu, dann nährte das die allgemeine Skepsis gegenüber Fusionen und Übernahmen. Immer wieder kommen Studien zum Ergebnis, die Mehrheit der Zusammenschlüsse sei als Misserfolg zu werten – generell, nicht nur auf die Pharmabranche bezogen. Aber die mischt in der aktuellen Fusionswelle wieder einmal munter mit. 2014 legte sie laut Datendienstleister Dealogic qua Übernahmevolumen um 40 Prozent gegenüber Vorjahresniveau zu. In diesem Jahr war sie bis Anfang April unter allen Branchen die weitaus aktivste: mit 22 milliardenschweren Übernahmeplänen im Wert von zusammengenommen 105 Milliarden Dollar. Das berücksichtigt zwar noch nicht eine inzwischen angekündigte Großfusion im Ölsektor, aber auch noch nicht den Mylan/Perrigo-Plan.

          Begründungen, warum eine Übernahme sinnvoll sei, finden sich immer. Früher hatte Mylan noch betont, sich auf Generika zu konzentrieren. Das Unternehmen ist durch Zukäufe in diesem Sektor rapide gewachsen, 2007 übernahm es die entsprechende Sparte der deutschen Merck KGaA. Lange galten Generika als besonders vielversprechend, weil die Gesundheitspolitik sie zunehmend als Alternative zu den teureren Originalpräparaten sehe. Doch sind ihrerseits die Generikapreise durch politische Eingriffe gesunken.

          Nun gibt die Pharmabranche das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten als große Chance aus. Der Patient werde zunehmend in Eigenverantwortung handeln müssen, heißt es. In Deutschland bewegt sich der Generikahersteller Stada immer mehr hin zu OTC. Bayer übernahm in einer der beiden größten deutschen Übernahmen des vergangenen Jahres die rezeptfreie Sparte der amerikanischen Merck&Co (die nichts mit Merck KGaA zu tun hat).

          Kapital ist im Überfluss da

          Für OTC-Geschäfte werden inzwischen enorme Summen gezahlt: das 20- bis 40 Fache des jährlichen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda), rechnen Berater von AT Kearney in einer noch unveröffentlichten Studie vor. Diese Multiples sind eine Art Fieberthermometer im Fusionsrausch: Ein Wert von 20 steht schon für deutlich erhöhte Temperatur, 40 für Delirium.

          Doch Kapital ist im Überfluss da. Und im Nachhinein ist der Misserfolg einer einzelnen Übernahme kaum nachweisbar, denn der Käufer teilt die erworbenen Geschäfte gerne auf verschiedene bestehende Sparten auf. Die Skepsis der Investoren hat indes abgenommen. Normalerweise leidet bei Zukäufen der Aktienkurs des Bieters tendenziell erst einmal, jedenfalls bei teuren. Und was passiert jetzt? Merck KGaA erwirbt den Laborausrüster Sigma-Aldrich für 19 Mal Ebitda, aber die Merck-Aktie legt am Tag der Bekanntgabe zeitweise mehr als 9 Prozent zu. Bayer zahlt für seinen OTC-Zukauf in Amerika das 21-Fache des Ebitda von 2013, doch die Aktie blieb unbeeindruckt.

          Die Bank Morgan Stanley hat ermittelt, wie in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten Übernahmeankündigungen in der Pharmabranche wirken: 2001 bis 2005 gaben die Kurse des Erwerbers im Durchschnitt jeweils nach; in den anschließenden vier Jahren ergab sich ein uneinheitliches Bild; seit 2010 legten sie hingegen in jedem Jahr im Schnitt deutlich zu. „Die Aktienmarktreaktion auf Fusionen und Übernahmen im Gesundheitssektor ist in der jüngeren Vergangenheit auffällig positiv“, resümiert Morgan Stanley. Übernahmen, heißt es, beflügelten das Wachstum in einer Branche, die organisch nur noch moderat wachse.

          Manchmal hat die Kauflust mit branchenspezifischen Erwägungen aber überhaupt nur noch am Rande zu tun – das zeigen die aktuellen Fusionskandidaten Mylan und Perrigo eindrücklich. Beide tätigten in den vergangenen beiden Jahren Übernahmen, mit denen sie steuerlich günstig ins Ausland umzogen. Beide operieren weiter aus Amerika; aber Mylan ist formell niederländisch geworden, Perrigo irisch. Zum Fieber führte hier das Steuernsparen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump steht innenpolitisch unter Druck, weil er die Pandemie anfangs kleingeredet hatte.

          Vorwürfe gegen Trump : Wie man mit Masken Politik macht

          Kauft Washington überall Atemschutzmasken auf und leitet Bestellungen um? Deutsche und französische Politiker behaupten das. Aber ist an den Beschuldigungen etwas dran – oder ist es nur Anti-Trump-Polemik?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.