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Fusion von Kliniken : Thriller in der Gesundheitsbranche

Streit mit der Belegschaft: Patientenzimmer in der Uniklinik Gießen Bild: Müller, Verena

In letzter Minute ist die Fusion der Klinikketten Helios und Rhön gescheitert. Die Schwelle der Mindestzustimmung blieb unerreichbar. Ein zweiter Anlauf wäre riskant.

          Aus Hollywoodfilmen ist die Szene vertraut: Braut und Bräutigam stehen vor dem Traualtar, wenn die Gemeinde dazu aufgefordert wird, entweder jetzt Einwände gegen die geplante Verbindung vorzubringen - oder für immer zu schweigen. Es ist die Sekunde offener Rechnungen und verschmähter Liebhaber. In der deutschen Gesundheitsbranche, von öffentlichen Anbietern dominiert und kleinteiligen Vorschriften reguliert, geht es selten so dramatisch zu. Doch in der vergangenen Woche hat sie einen echten Thriller erlebt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bernard Broermann, der Eigentümer der Klinikkette Asklepios, hat seinen Einwand gegen die geplante Übernahme des Wettbewerbers Rhön-Klinikum durch den Gesundheitskonzern Fresenius im entscheidenden Moment deutlich kundgetan - nicht mit einer Wortmeldung, sondern mit einer Pflichtmitteilung an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht: Der Kauf von mehr als 5 Prozent der Anteile an Rhön machte die zuvor auf 90 Prozent festgesetzte Schwelle der Mindestzustimmung zu dem Angebot von Fresenius fast unerreichbar. Bei rund 84 Prozent lag sie schließlich - Broermanns Aktienpaket wird auf 8 Prozent geschätzt. Die seit Monaten vorbereitete Elefantenhochzeit mit einem Transaktionsvolumen von 3,1 Milliarden Euro, mit dem die mit Abstand größte private Klinikkette Deutschlands zusammengefügt werden sollte, war in letzter Minute geplatzt.

          Glaube an ziemlich zügige Lösung

          Nun versuchen die beiden Männer, die den Handel eingefädelt haben, den Schaden zu begrenzen. Besonders nachdrücklich tritt Eugen Münch auf, der Gründer und Mehrheitsaktionär von Rhön; vorsichtiger gibt sich Ulf Schneider, der Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns Fresenius. „Ich glaube, dass es ziemlich zügig eine Lösung geben wird“, versichert Münch. „Wir halten an dem Zusammenschluss mit Fresenius fest.“ Für Münch wäre die Fusion die Krönung seines Lebenswerks; seine Vision ist es, das öffentliche Gesundheitssystem durch einen in ganz Deutschland vertretenen privaten Anbieter und eine auf dessen Dienste zugeschnittene Zusatzversicherung zu ergänzen. Gemeinsam würden Rhön und Helios, die Kliniksparte von Fresenius, den nach seiner Ansicht dafür nötigen Marktanteil von rund 10 Prozent aller Krankenhausbetten in der Akutversorgung erreichen. Den privaten Sektor würde die neue Kette dominieren: Sie würde über rund doppelt so viele Betten wie der größte Verfolger, die Asklepios-Kette, verfügen.

          Auf diskrete Schützenhilfe darf Münch nun ausgerechnet von Kritikern seines Unternehmens hoffen: Die von der CDU geführte hessische Landesregierung hatte von der Fusion eine Lösung der seit Jahren schwelenden Auseinandersetzungen um Gehälter und Stellenstreichungen an der Uniklinik Gießen-Marburg erwartet, die Rhön vor sechs Jahren zu 95 Prozent übernommen hat. Weder das Land noch das Unternehmen sind mit der Situation zufrieden, erst recht nicht die Beschäftigten. „Das ist viel besser, als mit Rhön weiter zusammenzuarbeiten“, sagte die zuständige Ministerin nach der Veröffentlichung des Angebots von Fresenius deshalb voreilig - und hat die Gesprächsbasis damit zusätzlich belastet, falls es beim Stand der Dinge bleibt.

          Für Ulf Schneider jedoch geht es weniger um die Zukunft des Gesundheitssystems oder politische Stellungsspiele als um einen weiteren von vielen Zukäufen, mit denen er Fresenius in den vergangenen Jahren auf einen rasanten Wachstumskurs gebracht hat. Bisher ist ihm jeder dieser Schritte gelungen. Die dafür am Kapitalmarkt aufgenommenen Mittel haben die Zukäufe danach stets nach Plan wieder eingespielt. Auf die ungewohnte Situation, in einem Übernahmepoker düpiert zu werden, reagiert er unterkühlt. „Wir werden unsere Handlungsmöglichkeiten in den kommenden Tagen eingehend prüfen“ - mehr war von ihm bislang kaum zu hören. Es würden Gespräche zwischen ihm, Münch und Asklepios-Gründer Broermann angepeilt, heißt es aus der Unternehmenszentrale in Bad Homburg. Doch die Aussichten auf eine rasche Einigung halten viele Beobachter für gering. „Der Schachzug von Asklepios war mehr als ein Säbelrasseln“, schreibt der Commerzbank-Analyst Volker Braun. Welche Ziele der für seine Verschwiegenheit berüchtigte Milliardär Bernard Broermann - jenseits der Vereitelung der Fusion - mit seinem Einstieg bei Rhön im Detail verfolgt, ist allerdings noch nicht klar. Er wolle sich „alle Gestaltungsmöglichkeiten offenhalten“, ließ er bisher lediglich wissen.

          Klinikmarkt in Bewegung

          Doch selbst mit der Zustimmung Broermanns wäre die Situation für Fresenius vertrackt. Denn im zweiten Anlauf wäre der Druck auf den designierten Käufer noch größer, was Spekulanten ausnutzen könnten - schon im ersten Durchgang hat Fresenius zur Unterstützung des Angebots kurz vor Ende der Annahmefrist Rhön-Aktien für mehr als 100 Millionen Euro gekauft, die danach fast ein Fünftel ihres Wertes verloren. Außerdem kann Fresenius ein zweites Angebot aus juristischen Gründen nur dann vor Ablauf einer Frist von zwölf Monaten abgeben, wenn der Vorstand von Rhön damit einverstanden ist. Genau danach aber hört sich die Reaktion des Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Pföhler auf die gescheiterte Übernahme nicht an; sie unterscheidet sich vielmehr stark von der eindeutigen Position des Gründers und Großaktionärs Eugen Münch. „Wir müssen jetzt nach vorne schauen“, sagt Pföhler. „Der Klinikmarkt ist in Bewegung geraten - und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir stark genug sind, selbst einen aktiven Part zu spielen.“

          Die meisten Krankenhausbetten sind in öffentlicher Hand

          Dass der Vorstand nicht in die Einzelheiten der von Münch geführten Verhandlungen mit Fresenius eingebunden war, mag eine Ursache für den unterschiedlichen Tonfall sein. Er habe die Meinung des Vorstands zur Kenntnis genommen, ihn aber nicht an den Gesprächen beteiligt, räumte Münch vor drei Wochen vor der Hauptversammlung von Rhön ein.

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