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Kommentar zur Praxair-Fusion : Adieu, Linde

Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hat die amerikanische Dominanz in Kauf genommen, um Lindes Zukunft zu sichern – und sich ein Denkmal zu setzen. Bild: dpa

Die Fusion des Industriegaseherstellers Linde mit Praxair verlagert die Kontrolle der deutschen Industrie-Ikone nach Amerika. Die deutschen Aktivitäten mit 7000 Mitarbeitern, davon die Hälfte im Raum München, degradieren zum Filialbetrieb.

          Linde kehrt zurück zu den Wurzeln. Denn Praxair, mit dem der deutsche Industriegasehersteller nun fusioniert, war einmal Linde. Die von Carl von Linde 1907 gegründete amerikanische Tochtergesellschaft wurde im Ersten Weltkrieg konfisziert, 1917 in den Chemiekonzern Union Carbide eingebracht und 1989 über die Börse in die Unabhängigkeit entlassen. Nach hundert Jahren sind die zuletzt harten Konkurrenten wieder vereint.

          Mit den deutschen Wurzeln des 1879 gegründeten Kältetechnik-Unternehmens indes hat das Zusammenwachsen nichts mehr zu tun. Mit Novemberbeginn ist Linde in bisheriger Form als deutsche Aktiengesellschaft Geschichte. Mit Linde plc. entsteht ein dominantes, weltumspannendes Imperium, das in Frankfurt und an der Wall Street gelistet ist. Mit einem Börsenwert von 81 Milliarden Euro ist es in Deutschland ein Schwergewicht, nur SAP und Siemens sind größer. In New York ragt Linde hingegen nicht heraus.

          Die Transaktion findet nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Der Charme der Branche hält sich eben in Grenzen. Dabei sind Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Helium oder Argon für viele unentbehrlich: in der Produktion, ob in der Auto-, Chemie- oder Stahlindustrie; für Patienten mit Atembeschwerden; für haltbare Paprikachips in der aufgeblähten Plastiktüte. Es ist der Stoff, mit dem viel Geld zu verdienen ist. 80.000 Mitarbeiter erzielen mit 27 Milliarden Euro Umsatz eine stolze operative Rendite um 25 Prozent. Davon träumen andere Branchen. Die Erträge abzusichern ist Motivation der Fusion. Der neue Konzern ist auf dem Weltmarkt für Flüchtiges mit 24 Prozent Anteil unangreifbar Nummer eins vor Air Liquide/Airgas aus Frankreich.

          Tatsächlich übernehmen die Amerikaner die Kontrolle

          Nur vordergründig hat sich der transatlantische Zusammenschluss mit dem Sitz im irischen Dublin geographisch in der Mitte gefunden. So ließ sich, von steuerlichen Vorteilen abgesehen, der propagierte „Zusammenschluss unter Gleichen“ besser verkaufen. Seit Bekanntgabe der Fusionspläne, die der Linde-Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle mit dem Praxair-Vorstandschef Steve Angel einfädelte, gibt es Zweifel an der Parität. Im Streubesitz und unter verängstigten Linde-Beschäftigten rumort es, denn tatsächlich übernehmen die Amerikaner die Kontrolle. Reitzle, zutiefst von der Notwendigkeit der Fusion überzeugt, hat die amerikanische Dominanz in Kauf genommen, um Lindes Zukunft zu sichern – und sich ein Denkmal zu setzen.

          Der Preis dafür ist hoch. Der 69 Jahre alte Reitzle wird zwar für zwei Jahre Verwaltungsratsvorsitzender. Praxair-Manager Steve Angel und Finanzchef Matt White als Vize jedoch haben die Kontrolle. Es wird ein Praxair-Mann sein, der das Europa-Geschäft beaufsichtigt, das weit entfernt von der De-facto-Zentrale Danbury in Connecticut liegt. Dafür führt ein Linde-Vorstand dann den amerikanischen Markt, vor der eigenen Haustür.

          Die deutschen Aktivitäten mit 7000 Mitarbeitern, davon die Hälfte im Raum München, degradieren zum Filialbetrieb. Der neue Konzern wird sich der Beobachtung aus der einstigen Heimat entziehen. Die Finanzkommunikation erfolgt weitgehend von Danbury aus auf Minimalniveau. Dank der in Deutschland strengeren Ad-hoc-Politik kann der Konzern jedoch nicht ganz abtauchen. Und Linde bleibt als Name ja immerhin erhalten.

          Aus dem Auge, aus dem Sinn!

          Kann sich jemand an Hoechst erinnern, einst eine Industrie-Ikone? Einer der großen deutschen Chemiekonzerne fusionierte 1999 mit Rhône-Poulenc zu Aventis, die fünf Jahre später mit dem Pharmakonzern Sanofi zusammenging. Hoechst war schnell vergessen. Für Linde-Chef Angel hätte das den Vorteil, die Integration nach amerikanischem Willen zügig durchzuziehen. Die deutsche Belegschaft genießt zwar mit einer Standort- und Beschäftigungsgarantie bis 2021 Artenschutz. Danach jedoch dürfte es ungemütlich werden. Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb wird es in Europa zwar weiterhin geben, doch degradiert man zu Erfüllungsgehilfen für Sparmaßnahmen. Angel war auch bei Praxair nicht zimperlich und hat sie zu einem der ertragsstärksten Unternehmen der Branche gemacht. Der Anlagenbau bringt stabile, aber nur einstellige Umsatzrenditen. Angel dürfte das unliebsame Geschäft schnell zur Disposition stellen.

          Ganz verschwinden wird Linde aus Deutschland nicht, weil ein Hauptsitz für das operative Geschäft Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Dax ist. Doch könnte sich das Thema auf Dauer erledigen. Linde plc. wird im S&P-500-Index in New York gehandelt, weshalb große institutionelle Investoren den Handelsplatz Wall Street bevorzugen. Sinkt das Handelsvolumen in Frankfurt, ist der Verbleib im Börsenoberhaus gefährdet. Dann heißt es: Aus dem Auge, aus dem Sinn!

          Reitzle müht sich, das zu verhindern. Den Investoren vorschreiben kann er aber nichts, auch wenn diese dank der Fusionsphantasien satte Kursgewinne erzielt haben. Das zählt auch künftig. Der Verwaltungsratschef wird dieses Mantra in den Sitzungen in Guildford bei London vor sich hertragen. Von dort kommen die Gremien-Beschlüsse, nicht aus Dublin. Immerhin: In München behält Reitzle seine Wohnung. Für Linde heißt es: Adieu.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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