https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/funktionskleidung-ein-t-shirt-aus-zwei-tassen-kaffee-12023846.html

Funktionskleidung : Ein T-Shirt aus zwei Tassen Kaffee

  • -Aktualisiert am

Die Reste aus den Filtern der Gastronomiekette Starbucks sind nach Ansicht des Unternehmens Singtex Industrial aus Taiwan zu wertvoll für den Müll. Bild: JUSTIN GUARIGLIA/IHT/Redux/laif

Mit den Abfällen aus Starbucks-Filialen fertigt Jason Chen in seinem Unternehmen Singtex Industrial Sportbekleidung. Auf diese Idee kam er zufällig. Nun entdecken immer mehr Hersteller die Kaffeefaser.

          5 Min.

          Als sein Arzt ihm rät, mehr Sport zu treiben, ist das für Jason Chen in Ordnung. Auch als er seine Ernährung umstellen soll, hat er keine Einwände. Den Kaffee aber lässt er sich nicht nehmen. Vier Tassen trinkt er täglich. Und das sind acht T-Shirts weniger, die er hätte verkaufen können. Mindestens. „Aus jeder Tasse Kaffee schneidern wir etwa zwei bis drei T-Shirts.“

          Was man trinken kann, das kann man auch anziehen. Für Jason Chen, den Geschäftsführer des taiwanischen Textilherstellers Singtex Industrial, gibt es da keinen Zweifel. Unter dem Slogan „Drink it, wear it“ verkauft Singtex seit gut vier Jahren umweltfreundliche Funktionskleidung aus Kaffeefasern. Puma, Timberland, The North Face, sie alle haben die Kaffeesatzmischung aus Taiwan für sich entdeckt und werben mit deren Vorteilen. „Die Fasern treffen den Nerv von Herstellern und Verbrauchern“, sagt Yin Cheng-ta vom Taiwan Textile Research Institute (TTRI). „Sie nehmen schlechte Gerüche auf, trocknen schnell und schützen vor UV-Strahlung. Zudem benötigt es für die Herstellung weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Fasern.“

          Umstellung auf High-Tech

          Taiwan ist der sechstgrößte Textilexporteur der Welt. Obwohl sich die Branche dort inzwischen wieder leicht erholt hat, kämpfen die überwiegend kleinen und mittelständischen Hersteller mit der starken regionalen Konkurrenz. Mehr als 80Prozent von ihnen produzieren längst auf dem chinesischen Festland oder in Südostasien. 1997 zählte die TTRI noch mehr als 7700 Arbeitsplätze in Taiwans Textilbranche. Heute sind es noch etwa 4200. Im Jahr 1989 sah das noch anders aus. Damals waren die Löhne niedrig, und Taiwan war einer der beliebtesten Textillieferanten. Ein günstiger Zeitpunkt. Gemeinsam mit seiner Frau Mei-hui gründete Jason Chen die Singtex Industrial. Er ließ herkömmliche Stoffe nach herkömmlichen Verfahren herstellen. „Genau wie alle anderen auch“, sagt Chen.

          Etwa zehn Jahre lang geht das gut. Dann steigen auf der Insel die Löhne, die Exporte brechen ein. Für Taiwan, das aufgrund des kleinen Heimatmarktes mehr als 80 Prozent seiner Textilien ausführt, ist das eine Katastrophe. Den Textilherstellern des Landes geht es plötzlich schlecht. Sie müssen von Massenproduktion auf Spezialanfertigungen umstellen und mit ausländischen Marken konkurrieren. Die digitale Welle schwappt zudem durchs Südchinesische Meer. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird sich die Insel zu einer der führenden Regionen für High-Tech-Hersteller entwickeln. Klassische Bekleidung „made in Taiwan“ herstellen zu lassen, wird indes zu teuer. Fasern, Garne und Gewebe sind die Zukunft. Nach Angaben der Marktbeobachter des TTRI kommen heute zwischen 60 und 70 Prozent der auf der gesamten Welt gefertigten organischen Textilien aus Taiwan.

          Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung

          Dass ausgerechnet sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen organischer Kleidung wird, verdankt Chen dem Zufall. Die Idee, die ihn vor der Pleite rettet, findet er im Kaffeesatz einer Starbucks-Filiale. Dort beobachtet seine Frau Mei-hui, wie sich eine Kundin die Filter mit dem Kaffeesatz einpacken lässt. Eine Zeitlang im Kühlfach gelagert, erklärt ihr die Dame, wirke der Kaffeeabfall als Geruchsneutralisierer. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren? Sportkleidung, die möglichst viel Schweiß möglichst schnell nach außen befördert. Chen, dank seines Arztes inzwischen passionierter Marathonläufer, findet die Idee brillant.

          Weitere Themen

          Wer löst das Taiwan-Paradox?

          Taiwan und China : Wer löst das Taiwan-Paradox?

          Während Peking mit Krieg droht, lassen die Bewohner der Insel die ethnonationalen Kategorien des Festlands immer weiter hinter sich. Nur noch fünf Prozent sehen sich heute als Chinesen.

          Topmeldungen

          Diese Phase ist entscheidend.

          Versagen der Grundschule : Verantwortungslose Schulpolitik

          Ein Fünftel der Kinder fällt am Ende der vierten Klasse als bildungsunfähig aus dem System, weil die Schule versagt hat. Das müssen die Kultusminister ändern – und zwar schnell.
          Einsatzkräfte am Fields-Einkaufszentrum in Kopenhagen nachdem dort Schüsse gefallen sind

          Kopenhagen : Mindestens drei Tote nach Schüssen in Einkaufszentrum

          In einem Einkaufszentrum in Kopenhagen sind am Sonntag mindestens drei Menschen getötet worden. Nach Angaben der Polizei wurden drei weitere Menschen schwer verletzt. Kurz nach den Schüssen wurde ein 22 Jahre alter Däne festgenommen.
          Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko (r.) am 25. Juni 2022 in St. Petersburg

          Ukraine-Liveblog : Lukaschenko: "Praktisch eine Armee mit Russland"

          Selenskyj: „Die Ukraine gibt nichts verloren“ +++ Ukraine bestätigt Truppenabzug aus Lyssytschansk +++ Steinmeier: Ukraine nicht an Verhandlungstisch drängen +++ Tote in russischer Grenzstadt Belgorod nach Explosionen +++ alle Entwicklungen im Liveblog.
          TV-Sendung „Anne Will“: "Bilanz der Corona-Politik – Ist Deutschland auf die nächste Welle besser vorbereitet?" v.l.: Christine Aschenberg-Dugnus (FDP), Karl Lauterbach (SPD), Anne Will (Moderatorin), Christina Berndt (Wissenschaftsredakteurin „Süddeutsche Zeitung“), Ricardo Lange (Intensiv-Pfleger).

          TV-Kritik zu „Anne Will“ : Entschieden vage

          Die 7-Tage-Inzidenz steigt, und auch auf den Intensivstationen liegen wieder mehr Corona-Kranke: Eine Diskussion über den Herbst unter pandemischen Vorzeichen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.