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Fukushima : Im Kontrollraum drei Jahre danach

Vor neuem Anlauf: Steuerungszentrale des japanischen Kernkraftbetreibers Tepco Bild: REUTERS

Japans Regierung will bald die ersten Atomkraftwerke wieder starten. Dazu braucht allerdings auch der Betreiber Tepco ein neues Image. Er arbeitet hart daran. Nun hat er erstmals ausländische Journalisten in die Kontrollräume der Fukushima-Reaktoren gelassen.

          Ausgerechnet Tepco? Die Elektrizitätswerke von Tokio, Tepco, sollen der japanischen Regierung helfen, das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomkraft zurückzugewinnen. Einer, der dem eher durch Pannen und Vertuschungen in die Schlagzeilen geratenen Energiekonzern dabei helfen soll, ist der Amerikaner Dale Klein. Klein, früher Chef der amerikanischen Atomaufsicht, hat drei Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima die Atomruine in Fukushima Daiichi besucht. Dort verfolgt er aufmerksam, ob und wie weit Tepco seine Ratschläge beherzigt.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Mit Klein hat der Konzern ausländische Journalisten eingeladen. Erstmals dürfen sie in die Kontrollräume der Reaktoren 1 und 2. „Hier haben wir vor drei Jahren die Schlacht geschlagen“, berichtet ein Tepco-Mitarbeiter. Die Männer im Kontrollstand haben damals verloren. In den Reaktoren 1, 2 und 3 ist es am 12.März zur Kernschmelze gekommen. Der Tsunami hatte die Stromversorgung lahmgelegt. Notaggregate auf sicheren höheren Lagen gab es nicht. Untersuchungsberichte, die das gefordert hatten, verschwanden unkommentiert in Schubladen.

          Ohne Schutzanzug kann bis heute keiner in Kontrollräume

          Für die Journalisten hat Tepco die damalige Lage nachgestellt. Ein Stromausfall setzt den Kontrollraum in komplette Dunkelheit; es gibt kein Fenster, kein Tageslicht. Mit Bleistift notierten die Ingenieure damals die Wasserstände in den Reaktoren auf die Schalttafeln – die im zarten Grün lackiert sind, das Ende der 60er Jahre auch für Bäder und Waschräume sehr beliebt war. 12. März, 0.30 Uhr gab es die letzte handschriftliche Notiz. Im Gang zum Kontrollraum hängen die Auszeichnungen an Tepco für „herausragende“ Arbeit. Der kontaminierte Fußboden und die Wände sind mit rosa Plastikplanen verklebt. „Bitte verstehen Sie, dass es sehr schwer war, unter diesen Bedingungen zu arbeiten“, sagt Tepco-Sprecher Kenichi Matsui. „Die Männer waren verzweifelt.“

          Zehn Mann arbeiteten damals in einer Schicht. Die Ingenieure versuchten damals alles, um eine Kernschmelze zu verhindern. Heute ist die Strahlung mit 4,5 Mikrosievert pro Stunde immer noch weit über dem, was als ertragbar gilt. Zwischen dem Kontrollraum und dem Reaktor, in dem es zur Kernschmelze kam, liegen knapp 50 Meter. Ohne Schutzanzug kann hier bis heute niemand herein.

          Ohne Fenster und Tageslicht: Vor drei Jahren setzte ein Stromausfall den Kontrollraum in komplette Dunkelheit.

          Kraftwerkschef Akira Ono wendet den Blick in die Zukunft und versucht, Vertrauen zu schaffen. „Wir können jetzt die ersten Schritte zum Abbau der Anlage machen“, sagt er. Bereits ein Drittel der 1533 Behälter mit jeweils 64 bis 70 Brennstäben, die in den Abklingbecken des durch das Erdbeben am 11. März 2011 teilweise zerstörten Reaktors vier lagerten, sind mittlerweile geborgen. Große weiße Castoren auf dem Gelände des Atomkraftwerks zeigen, wo Tepco sie zwischenlagert. „Sie machen da einen guten Job“, lobt der amerikanische Berater Klein das Unternehmen.

          Auch beim Rückbau der Reaktoren 1 bis 3, in denen es zur Kernschmelze kam, gibt es erste Zeichen der Hoffnung. Die beiden Reaktoren 5 und 6 dienen den Tepco-Ingenieuren als Versuchsobjekte für den Rückbau. Die beiden Reaktoren waren damals nicht in Betrieb. Dass das Unternehmen damit nun endlich beginnt, hat auch mit dem Druck der japanischen Regierung zu tun. Ministerpräsident Abe hat zum dritten Jahrestag des verheerenden Erdbebens und Tsunamis angekündigt, dass er weiter auf Atomkraft setzt und die ersten der 48 abgeschalteten japanischen Atomreaktoren schon bald wieder ans Netz gehen lassen will. Dazu braucht er die Zustimmung der betroffenen Kommunen. Und die bekommt er nur, wenn aus den Ruinen des Tepco-Kraftwerks Fukushima Daiichi nicht am laufenden Band Meldungen über Pannen, Pech, Vertuschungen und Schlamperei bekanntwerden.

          Die Medienvertreter und Tepco-Mitarbeiter in Schutzkleidung

          Die knapp 20 ausländischen Journalisten werden also in den Reaktor 5 geführt, der im März 2011 wegen Wartungsarbeiten nicht in Betrieb war. Tepco-Mitarbeiter führen zu den Kammern, in denen der Dampf geleitet wird, der bei Überdruck auf die Turbinen abgeleitet wird und wo das Kühlwasser kondensiert. Reaktor 5 ist derselbe Bautyp wie 1 bis 3. In den havarierten Reaktoren gibt es Lecks. Der Tepco-Mitarbeiter zeigt mit einem Leuchtstift, wie hoch das kontaminierte Wasser dort möglicherweise steht. In Reaktor 1 bis knapp unter die Decke. In Reaktor 2 sieht die Lage besser aus. Und Reaktor 3? „Reaktor 3 haben wir bisher nicht erkunden können“, räumt Matsui ein.

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