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Für bis zu 900 Passagiere : Der neue TGV heißt AGV

AGV steht für „Automotrice à Grande Vitesse” Bild: REUTERS

Zehn Jahre haben Techniker und Ingenieure am neuen Superschnellzug AGV des franzöischen Herstellers Alstom gearbeitet. Jetzt wurde der Zug vorgestellt. Die Franzosen hoffen, auch die Deutsche Bahn von ihm zu überzeugen. Diese will im Juni über einen Großauftrag entscheiden.

          Schneller, leiser, komfortabler und energiesparender ist er nach Angaben von Alstom: Der neueste französische Hochgeschwindigkeitszug, der AGV heißt, soll die Marktführerschaft des französischen Herstellers bei den ganz schnellen Transportmitteln auf dem Gleis festigen, nach Möglichkeit auch ausbauen. Am Dienstag ist der erste Prototyp des 360 Stundenkilometer schnellen AGV in der Nähe von La Rochelle erstmals der Öffentlichkeit gezeigt worden.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Es handelt sich um die vierte Generation der französischen Hochgeschwindigkeitszüge, die 1981 unter dem Begriff TGV (train à grande vitesse) ihren Anfang nahmen. Der AGV ist in mehrfacher Hinsicht eine Neuerung für Alstom: Der „automotrice à grande vitesse“ wird nicht mehr von Lokomotiven vor und hinter den Zugwaggons angetrieben, sondern von Motoren, die unter den Passagierwaggons angebracht sind. Jeder Waggon kann sich also selbst vorantreiben.

          Diese bereits von Siemens im ICE 3 verwendete Technik führt zu einem effizienteren Energieeinsatz und trägt zusammen mit einem geringeren Gewicht und einer verbesserten Aerodynamik dazu bei, dass der AGV rund 15 Prozent weniger Energie braucht als sein jüngster Vorgänger der TGV-Reihe. Erstmals hat Alstom seinen neuesten Zug auch allein mit eigenen Mitteln entwickelt. An den TGV zuvor war immer auch der Hauptkunde, die staatliche französische Bahngesellschaft SNCF, beteiligt. „Das ist ein sehr ungewöhnlicher Ansatz in der Bahnindustrie. Doch der Markt für Hochgeschwindigkeitszüge diversifiziert sich. Wir mussten unsere Produktpalette verbreitern und erneuern“, sagte Alstom-Vorstandsvorsitzender Patrick Kron bei der Einweihungsfeier.

          Vor der Enthüllung in La Rochelle

          Potentielle und erklärte Kunden waren nicht zu übersehen

          Potentielle und erklärte Kunden waren in La Rochelle denn auch nicht zu übersehen: Luca Cordero di Montezemolo, der nicht nur Präsident von Fiat und Ferrari ist, sondern auch von Italiens führender privater Bahngesellschaft NTV, war ebenso anwesend wie Karl-Friedrich Rausch, Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn. NTV ist der Erstkunde des AGV, hat 25 Züge für 650 Millionen Euro bestellt; zusammen mit der Instandhaltung beträgt der Auftragswert 1,5 Milliarden Euro.

          Die Deutsche Bahn will im Juni darüber entscheiden, wer zehn bis fünfzehn neue superschnelle Züge liefern soll. „Alstom ist ein Wettbewerber unter mehreren“, sagte Rausch. „Heute wird ein neues Produkt im Hochgeschwindigkeitsverkehr vorgestellt. Das kommt ja nicht so häufig vor und ist daher interessant“, begründete Rausch seine Teilnahme in Frankreich. Das Rennen sei aber noch völlig offen. Und nach der Veranstaltung fügte der Bahnvorstand an: „Das Konzept des AGV ist gut, der Ansatz vernünftig, jetzt muss man sehen, ob auch die Zahlen dahinter stimmen“.

          Sarkozy spricht von einem „besonders emotionalen Moment“

          Auch die SNCF will ihren Fuhrpark erneuern. Im kommenden Jahr wird die staatliche Gesellschaft eine Entscheidung über einen mehrjährigen Milliarden-Auftrag fällen. Der AGV wird dabei sein, deutete Guillaume Pépy in La Rochelle gegenüber Journalisten an. Die unbeantwortete Frage lautet, ob darüber hinaus auch ausländische Wettbewerber eine Chance bekommen. Im November konnte die SNCF auf jeden Fall eine exklusive und private Vorstellung des AGV genießen - deutlich früher als die Wettbewerber.

          Präsident Sarkozy nannte den jüngsten Superschnellzug aus dem Hause Alstom den „modernsten und leistungsstärksten“ Zug der Welt. Er sprach von einem „besonders emotionalen Moment“, weil er 2004 den bankrottbedrohten Alstom-Konzern durch eine staatliche Aktienbeteiligung aufgefangen hatte.

          Siemens: „Wettbewerb belebt das Geschäft“

          Siemens will den Spitzenplatz dem AGV nicht ohne weiteres überlassen. Der Münchner Konzern demonstriert aber Gelassenheit. „Wettbewerb belebt das Geschäft“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Sie wies darauf hin, dass Siemens schon seit mehr als zehn Jahren Hochgeschwindigkeitszüge anbiete. Auslandsaufträge wurden in Spanien, China und Russland gewonnen. Für die zuletzt bis 2001 ausgelieferten ICE3-Züge der Deutschen Bahn hatte sich Siemens in einem Konsortium mit dem kanadischen Konzern Bombardier in einer Ausschreibung durchgesetzt. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte die Bahn die Züge mit Komponenten verschiedener Zulieferer noch selbst zusammengebaut.

          Auch Alstom setzt auf seine lange Erfahrung im Bau mit Hochgeschwindigkeitszügen und auf die Verfügbarkeit des Zuges in verschiedenen Versionen: Zwischen sieben und vierzehn Waggons für 250 bis 650 Passagiere kann er, je nach Kundenwunsch, aufweisen. Und dann hoffen die Franzosen natürlich auf die Attraktivität der schnellen Reise: Die Fahrt zwischen Moskau und Petersburg könnte der AGV etwa von 8 auf 2,5 Stunden verringern; jene von Toulouse nach Paris von 5 auf 2,5 Stunden.

          Der Markt für schnelle Züge wächst

          -Westeuropa ist mit Abstand noch die weltgrößte Region für Hochgeschwindigkeitszüge mit einem Marktanteil von 70 Prozent, doch die Schwellenländer holen auf, und auch in den Vereinigten Staaten wächst das Interesse.

          -In Westeuropa existiert derzeit ein Streckennetz für Hochgeschwindigkeitszüge von 3000 Kilometern Länge, auf dem knapp 970 superschnelle Züge fahren. Jährlich transportieren sie mehr als 100 Millionen Passagiere. Bis 2020 sollen geschätzte 6000 Kilometer Streckennetz hinzukommen - das wäre eine Verdreifachung der heutigen Ausbreitung.

          -In Asien setzt nicht mehr nur Japan, wo die ersten Hochgeschwindigkeitszüge fuhren, auf den schnellen Gleistransport, sondern inzwischen auch Korea und China. Das Reich der Mitte hat sich vorgenommen, in den kommenden 15 Jahren ein 3000 Kilometer langes Streckennetz für Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen.

          -Unterdessen bestätigte Argentinien seine Pläne, die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke des Kontinents zwischen Buenos Aires und Cordoba zu bauen, welche die Reisezeit von 14 auf dei Stunden verringern soll.

          -Im vergangenen Jahr befürwortete auch der Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen San Francisco und Los Angeles.

          -Die Deutsche Bahn arbeitet nach Angaben von Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch daran, in ihrer „Railteam“ genannten Allianz mit anderen europäischen Bahngesellschaften den Kunden von 2009 an das Sammeln von Bonusmeilen zu gestatten. chs.

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