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Das kann teuer werden : Für Bayer ist Monsanto ein milliardenschweres Risiko

Weltweit demonstrierten Menschen gegen die Übernahme von Monsanto durch Bayer. Hier in Bordeaux zu sehen Bild: AFP

Die Risiken einer Übernahme eines solch umstrittenen Unternehmens lagen auf der Hand – doch Bayer überrascht mit erstaunlich wenig Rücklagen für Rechtsrisiken. Haben die Anwälte etwas übersehen?

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          Dewayne Johnson wird zum Hoffnungsträger für Kläger gegen den von Bayer übernommenen Glyphosat-Hersteller Monsanto. Ein Geschworenengericht in San Francisco hatte Monsanto dazu verurteilt, 289 Millionen Dollar an den krebskranken Mann zu zahlen. Nimmt man die Summe, die Johnson erhalten soll, zur Grundlage, könnte die Übernahme von Monsanto für Bayer ein Milliardenrisiko werden. In Amerika sieht sich Monsanto rund 5200 Einzelklagen ausgesetzt. Johnsons Klage wurde vorgezogen – der 46 Jahre alte Mann ist sterbenskrank und hätte eine spätere Jury-Entscheidung vermutlich nicht mehr erlebt.

          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Jury war überzeugt, dass das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat die Ursache für die Erkrankung von Johnson ist. Für den Mutterkonzern Bayer ist das ein Fehlurteil. „Das Urteil steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach kein Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom“, sagte ein Bayer-Sprecher.

          Tickende Zeitbombe?

          Haben Bayer-Chef Werner Baumann, die Leverkusener Konzernjuristen und die Scharen externer Anwälte – allen voran die Top-Kanzlei Sullivan & Cromwell – in der juristischen Prüfung des Deals eine tickende Zeitbombe übersehen? Angesichts der Bedeutung der Übernahme ist dies kaum vorstellbar. Zudem ist es üblich, dass sich M&A-Anwälte mit ihren Fachleuten für Prozesse und Produkthaftung über Rechtsrisiken abstimmen.

          Mit der Wissenschaft im Rücken fühlte sich Bayer offenbar ausreichend vor einer Niederlage in den Glyphosat-Klagen geschützt – zumal es seitens der Anteilseigner von Monsanto keine Haftungszusagen gegeben haben dürfte. „Hier geht es um eine öffentliche Übernahme, es besteht keine Möglichkeit, von allen einzelnen Monsanto-Aktionären Garantien oder Freistellungen einzufordern“, sagt Mark Hilgard, Vorstandsmitglied der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, der F.A.Z. Vielmehr habe Bayer das Unternehmen gekauft, „wie es steht und liegt“. Wer ein amerikanisches Unternehmen übernehme, müsse wissen, dass er sich damit Risiken wie Sammelklagen und Strafschadensersatz einhandeln könne, meint der Frankfurter Anwalt.

          Kaum Rücklagen für Rechtsrisiken

          Das amerikanische Schadensersatzrecht unterscheidet sich vom deutschen. Während hierzulande die Kompensation des Geschädigten im Vordergrund steht, kann die Justiz in den Vereinigten Staaten daneben einen empfindlich hohen Strafschadensersatz verhängen: die „punitive damages“. Johnson soll 39 Millionen Kompensation erhalten, den größeren Teil bekommt Monsanto als Strafzahlung aufgezwungen. Laut Hilgard ist es keine Überraschung, dass sich die 250 Millionen in einer „runden Summe“ zusammensetzen. „Die Justiz bestraft Monsanto für ein früheres Verhalten, will verhindern, dass das Unternehmen künftig abermals so handelt, und alle anderen Wettbewerber mit der hohen Strafsumme abschrecken.“ Bedenklich findet er, dass „punitive damages“ auch die Forschung und weitere Investitionen von Unternehmen ausbremsen und sogar zum Erliegen bringen können. Kompensation und Strafe dürfen jedenfalls nicht in einem krassen Missverhältnis zueinander stehen. Über die richtige Balance streiten Justiz und Hochschulen in Amerika seit langem. Selbst die renommierte Harvard Law School kam in einer Erhebung zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Vielfach werde angenommen, dass ab einem Faktor 10 ein Missverhältnis von Wiedergutmachung zur Strafe vorliege, berichtet Hilgard.

          Monsanto jedenfalls hat für die Rechtsrisiken kaum Rücklagen gebildet: Im letzten Quartalsbericht von April 2018 wies das Unternehmen Rückstellungen von insgesamt 254 Millionen aus, ohne einzelne Positionen wie die Glyphosat-Klagen auszuweisen. Ob die Rückstellungen nach dem Urteil vom Freitag nun erhöht werden, wollte die Bayer-Tochtergesellschaft auf Nachfrage nicht mitteilen.

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