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Bücher für Blinde : Leser mit Fingerspitzengefühl

  • -Aktualisiert am

Ein Text des französischen Schriftstellers Victor Hugo Bild: Daniel Pilar

Die Brailleschrift erfand ein blinder Jugendlicher. In Deutschland gibt es fünf Verlage, die in dieser Schrift drucken. Eine besondere Herausforderung ist der Umfang der Publikationen.

          4 Min.

          Weil sich der blinde Junge Louis Braille nicht damit abfinden wollte, Literatur nur durch Vorlesen erleben zu können, erfand er 1825 als 16-Jähriger die Blindenschrift, die sogenannte Brailleschrift. Sie besteht aus Punktmustern, die von hinten in das Papier gepresst werden, so dass die Erhöhungen mit den Fingerspitzen ertastet werden können. In Deutschland wurde die Brailleschrift 1879 eingeführt.

          Heute gibt es hierzulande laut Annette Pavkovic fünf Blindenschriftverlage: die katholische Blindenschrift-Verlag und -Druckerei gGmbH Pauline von Mallinckrodt in Bonn, deren Geschäftsführerin sie ist, die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig, das BIT-Zentrum in München, Blista in Marburg und die Stiftung Centralbibliothek für Blinde in Hamburg.

          Sie alle drucken Bücher in Brailleschrift oder nehmen Hörbücher auf. Die Braillezeichen werden hauptsächlich doppelseitig auf das Papier gepresst. Dabei wird die Rückseite versetzt zur Vorderseite geprägt. In der Vollschrift – sie umfasst 64 Zeichen – wird fast jeder Buchstabe zu einem Blindenschriftzeichen. Bei der Kurzschrift, die auf der Vollschrift aufbaut und erst danach gelernt wird, werden Kürzungen vorgenommen, wodurch etwa ein Drittel Platz eingespart wird. Brailleschrift braucht grundsätzlich ungefähr doppelt so viel Platz wie Schwarzschrift für Sehende.

          30 Exemplare sind viel

          Die Blindenschrift-Verlag und -Druckerei gGmbH wurde 1845 von Pauline von Mallinckrodt gegründet. Sie veröffentlichte erste tastbare Reliefhandschriften für Kinder. Seit 1896 druckt sie in Braille. „Wir sind die einzige Blindendruckerei in katholischer Trägerschaft und bieten für alle Alters- und Zielgruppen Zeitschriften und Bücher an“, sagt Pavkovic.

          Der Verlag stellt seit 121 Jahren die älteste deutschsprachige Blindenzeitschrift „Feierstunden“ her. Ein Viertel der Zeitschriften geht ins deutschsprachige Ausland: in die Schweiz, nach Österreich und Südtirol. „Im vergangenen Jahr hatten wir sogar einen Einzelauftrag aus Namibia, bei dem die namibische Verfassung in Blindenschrift bestellt wurde“, erzählt die Geschäftsführerin.

          Jedes Quartal erscheinen ein bis zwei Kinder- und Jugendbücher und ein bis zwei Koch- und Backbücher. Wenn ein Buch dreißigmal verkauft werde, laufe es gut, erklärt Pavkovic. Denn in Blindenschrift gedruckte Bücher umfassen viel mehr Seiten. Allein das Gotteslob besteht aus 13 Bänden. „Im Jahr verkaufen wir zwischen 300 und 400 Bücher und monatlich 700 bis 800 Zeitschriften sowie diverse Bucheinzelaufträge.“ Der Umsatz belaufe sich auf 120.000 Euro. Die übrigen Einnahmen sind Zuschüsse, vor allem vom Alleingesellschafter, dem Deutschen Katholischen Blindenwerk.

          Wahlschablonen und Unterrichtsmaterial

          Als während des Ersten Weltkriegs viele Männer schwer sehbehindert oder sogar blind aus dem Krieg heimkehrten, wurde 1916 in Marburg die Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (Blista) ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist die Ermöglichung von Bildungsabschlüssen für Menschen mit Sehbehinderung. Seit 1921 stellt sie unter anderem Wahlschablonen, taktiles Unterrichtsmaterial sowie Unterrichtsmodelle und -pläne her. Blista betreibt auch eine Schule, ein Rehabilitationszentrum und bietet Beratungen an.

          Man druckt im Jahr rund 12.500 Zeitschriften und 35.000 Visitenkarten in Braille. Außerdem bekommt Blista etwa 300 Aufträge von Pharmaunternehmen zur Beschriftung von Medikamentenverpackungen. Darüber hinaus verleiht Blista etwa 55.000 Hörbücher und 50.000 Brailleartikel kostenlos. „Uns geht es vor allem auch um die Integration von Sehbehinderten“, erklärt Imke Troltenier, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit. So ist inzwischen jede Ampel in der Marburger Innenstadt mit speziellen akustischen und taktilen Hilfsmitteln ausgestattet.

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