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Führungswechsel bei Roland Berger : Trio mit zwei Aufgaben

Ist künftig nur noch Ehrenvorsitzender und gibt der jüngeren Generation eine Chance: Roland Berger Bild: dpa

„Ich habe die Weichen für meine Nachfolge schon 2003 gestellt.“ So kommentiert Roland Berger seinen Rückzug vom Posten des Aufsichtsratschefs seiner Unternehmensberatung. Die Wechsel in Vorstand und Aufsichtsrat bedeuten vor allem eines: Die Bedeutung der jüngeren Generation wird größer.

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          An diesem Montag erreicht man Roland Berger nur auf dem Handy. Er ist in Spanien. Natürlich besucht er gerade wieder einen Kunden, natürlich geht es auch um politische Angelegenheiten. Genaues sagt Deutschlands bekanntester Unternehmensberater nicht. Aber in eigener Sache legt der 72 Jahre alte Vielflieger auf Genauigkeit Wert: Ja, er ziehe sich vom Aufsichtsratsvorsitz seines Unternehmens zurück. Nein, es handele sich nicht um eine überhastete Entscheidung. „Ich habe die Weichen für meine Nachfolge schon 2003 gestellt, als Burkhard Schwenker den Vorstandsvorsitz übernommen hat“, betont Berger. „Nun möchte ich in Ruhe den zweiten Schritt gehen, weil ich in den Partnern Burkhard Schwenker und Martin Wittig exzellente Nachfolger habe.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Roland Berger als Ehrenvorsitzender, Burkhard Schwenker als Vorsitzender des Aufsichtsrats, Martin Wittig als Vorsitzender der Geschäftsführung: So sieht das künftige Führungstableau der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants aus, der einzigen führenden Unternehmensberatung auf der Welt, die ihren Ursprung und Sitz in Deutschland hat. Die Rolle des Unternehmensgründers wird kleiner, auch wenn er seine Anteile am Unternehmen wohl halten wird. Die Bedeutung der jüngeren Generation wird größer.

          Der neue Chef - ein Macher

          Da ist zuallererst Martin Wittig, 46 Jahre alt. Wenn die Partner bei ihrem Treffens Mitte Juli zustimmen, ist Wittig in Zukunft Herr des Tagesgeschäfts. Seit 1996 arbeitet er für Roland Berger Strategy Consultants, zuvor war der studierte Ingenieur an der Technischen Universität Berlin. Vier Jahre nach seinem Einstieg in der Beratungsgesellschaft wurde Wittig Partner, ein vergleichsweise schneller Aufstieg. Seit dem Jahr 2003 gehört er zudem dem Führungsgremium des Unternehmens an, dem sogenannten Executive Committee, und wirkt als Finanzvorstand. Wittig arbeitet derzeit im Berger-Büro in Zürich, nebenbei ist er deutscher Honorarkonsul in der Schweiz.

          Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, soll künftig den Aufsichtsrat leiten
          Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, soll künftig den Aufsichtsrat leiten : Bild: Anna Mutter

          Er gilt als ein harter Sanierer, einer, der das Kerngeschäft von Roland Berger Strategy Consultants – die Restrukturierung angeschlagener Unternehmen – exzellent beherrscht. Kein Stratege, sondern ein Macher. Sehr selbstbewusst, was nicht jedem Partner gefällt. Je größer die Krise, desto besser sei Wittig, heißt es in der Branche. Wittig gilt als ein Ziehsohn Roland Bergers. Die beiden telefonieren angeblich täglich miteinander. Schon einmal wollte Roland Berger Wittig zum Chef der Beratungsgesellschaft machen, vor sieben Jahren. Doch damals bevorzugten die Partner Burkhard Schwenker.

          Der aktuelle Chef - ein Stratege

          Der 52 Jahre alte Schwenker ist in vielerlei Hinsicht anders als Wittig. Er ist keiner, der das Rampenlicht mag. Mit den üblichen Berater-Anglizismen hält sich der Sohn eines Tischlers und studierte Mathematiker zurück, bei öffentlichen Auftritten fühlt er sichtlich unwohl. Kaum hat er seine Redezettel zusammengefaltet und das Podium verlassen, sucht er sich erst mal eine Ecke, in der er ungestört eine Marlboro rauchen kann, statt bei Champagner Smalltalk zu betreiben.

          Weggefährten loben ihn als ausgesprochen integer. Schwenker war es, der vor rund zehn Jahren das Geschäft einfädelte, mit dem die Partner die einst an die Deutsche Bank veräußerten Unternehmensanteile wieder zurückkauften. Sein Büro mit Blick auf den Hamburger Hafen – ein kleiner Schlauch, wie ihn auch Nachwuchsberater haben – ist meistens verwaist. Schwenker ist viel unterwegs. Es gilt als sein Verdienst, dass die einst so auf Deutschland fokussierte Unternehmensberatung inzwischen auch in anderen Ländern Europas einen Namen hat. Man sieht Schwenker an, dass er in den vergangenen sieben Jahren wenig Rücksicht auf sich genommen hat. Das viele Rauchen und Reisen lassen ihn älter aussehen, als er ist. Das ist wohl auch der Grund, warum Roland Berger ihn nun aus dem Tagesgeschäft abzieht.

          Der Beraterpatriarch selbst nimmt sich auch zurück, was ihm sicherlich sehr schwerfällt. Roland Berger steht in Deutschland für Unternehmensberatung wie kein anderer. 1967, fünf Jahre nach seinem Studienabschluss, gründete der gebürtige Berliner die Beratungsgesellschaft als Ein-Mann-Büro in München. Bis heute trägt sie seinen Namen.

          Doch zuletzt lief es nicht mehr so rund. Vom durchschnittlichen Umsatzwachstum der zurückliegenden drei Jahrzehnte von jährlich gut 18 Prozent und Gewinnsteigerungen im Durchschnitt von fast 25 Prozent ist nichts mehr geblieben. Die Erlöse sanken, zuletzt betrugen sie noch 615 Millionen Euro, auch weil Roland Berger stark in den Krisenländern Spanien, England und Russland engagiert ist. Außerdem muss das Unternehmen investieren, muss sich geographisch noch stärker auf die Wachstumsregionen Indien und China einstellen. Das bindet Kapazitäten der rund 180 Partner.

          Der Namensgeber - weiter in den Talkshows

          Roland Berger selbst kann seine frei werdenden Kapazitäten dagegen den sonstigen Aktivitäten widmen. Er hat eine Stiftung gegründet und sitzt in einigen internationalen Aufsichtsräten, darunter Blackstone und Fiat. Bei einer Handvoll mittelständischer Unternehmen ist er auch noch involviert. Auch unpopuläre Engagements gehören dazu: Mit dem umstrittenen, ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, zum Beispiel, hat der Mann mit dem Dauerlächeln eine Investmentgesellschaft gegründet.

          Ohnehin waren viele zuletzt nicht immer glücklich über Bergers mediale Auftritte. Vor einem Jahr etwa beriet Berger persönlich Fiat-Chef Sergio Marchionne bei dessen Versuch, Opel zu übernehmen. Gleichzeitig arbeitete ein Beraterteam an der Sanierung von Opel. Bei General Motors kamen die Fernsehbilder nicht sonderlich gut an, die zeigten, wie Berger gemeinsam mit Marchionne aus einem Maserati Quattroporte ausstieg, um mit dem Bundeswirtschaftsminister über die Opel-Rettung zu sprechen. Wie kann jemand zur selben Zeit für zwei Wettbewerber arbeiten, noch dazu, wenn der eine den anderen kaufen will?

          Solche Fragen dürften sich künftig nicht mehr stellen. Roland Berger wird gewiss weiter in den Talkshows sitzen, er wird weiter um die Welt jetten. Aber er ist nicht mehr eingebunden in die Unternehmensberatung. Genau darin liegt die Chance für Schwenker und Wittig.

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