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Führungspositionen : Heiße Vorstandsstühle

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Stolperte über die Schmiergeldaffäre: Ex-Siemenschef Klaus Kleinfeld Bild: AP

Kleinfeld musste bei Siemens gehen, Pischetsrieder bei VW und die Telekom trennte sich von Kai-Uwe Ricke. Noch nie war die Fluktuation in den Chefetagen so hoch. Warum immer mehr Konzernlenker um ihre Jobs bangen.

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          Auch wenn die Konjunktur angezogen hat: Die Zeiten für Vorstandsvorsitzende sind nicht leichter und ihre Jobs nicht sicherer geworden. Noël Forgeard, Gustav Humbert (beide EADS), Kai-Uwe Ricke (Deutsche Telekom), Bernd Pischetsrieder (Volkswagen), Achim Egner (Rewe) oder auch Robert Nardelli (Home Depot) - sie alle mussten im vergangenen Jahr ihren Hut als Vorstandschef nehmen.

          Gerade in Europa sitzen die Konzernlenker auf einem heißen Stuhl. 15,4 Prozent der Vorstandsvorsitzenden haben laut einer Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton im vergangenen Jahr ihr Unternehmen verlassen. Das ist nicht nur ein neuer Rekordwert, sondern auch eine Entwicklung gegen den Trend: International ging die Fluktuation an der Spitze nämlich von 15,5 Prozent im Jahr 2005 auf immer noch 14,3 Prozent zurück. Die Verweildauer der Vorstandsvorsitzenden betrug 2006 nur noch durchschnittlich 5,7 Jahre, im deutschsprachigen Raum war sogar schon nach durchschnittlich 4,7 Jahren für den Vorstandsvorsitzenden Schluss.

          Nicht einmal die Hälfte aller Wechsel sind geplant

          Mit 46 Prozent erfolgte nicht einmal die Hälfte aller Wechsel von Vorstandsvorsitzenden wirklich geplant. „Der Leistungsdruck vor allem auf deutsche CEO nimmt zu“, sagt Klaus-Peter Gushurst, Senior-Partner bei Booz Allen Hamilton. Zudem beobachtet der Berater „eine gewisse Hektik, ähnlich wie bei manchen Vereinen der Fußball-Bundesliga“. Ein weiterer wichtiger Grund für die steigende Wechselhäufigkeit sind Übernahmen und Fusionen.

          Musste seinen Stuhl bei der Telekom für René Obermann räumen - Kai-Uwe Ricke

          In Europa entfielen 27,3 Prozent der Abgänge an der Unternehmensspitze auf Unternehmenszusammenschlüsse, was ebenfalls einen Rekordwert seit Beginn der Untersuchungsreihe im Jahr 1995 bedeutet. International legte der Anteil der übernahmebedingten Wechsel an der Unternehmensspitze um 4 Prozentpunkte auf 22 Prozent zu. „Die Fluktuation wird durch die zunehmende Aktivität von Kapitalanlagegesellschaften und andere Investoren weiter steigen“, ist Gushurst überzeugt. Und das gelte nicht nur für die Unternehmen des Dax, sondern zunehmend auch für den deutschen Mittelstand.

          Zu wenig auskunftsfreudig und diskussionsbereit

          Aber auch wer sich als Vorstandschef nicht innerhalb des Beziehungsnetzes zwischen Investoren, Aufsichtsrat und Mitarbeitern zu benehmen versteht, fliegt. So geschehen dem Home-Depot-CEO Robert Nardelli. Trotz respektabler Zahlen verlor er seinen Job, weil der Aktienkurs sich aus Sicht der Anleger nicht ordentlich entwickelte und er sich bei seiner letzten Hauptversammlung ausgesprochen wenig auskunftsfreudig und diskussionsbereit zeigte.

          Dabei durften sich die Unternehmenslenker je nach Branche ihres Unternehmens unterschiedlich sicher fühlen. Am schnellsten drehte sich das Personalkarussell in der Telekommunikationsbranche. Hier hat sich die Zahl der Abgänge von Vorstandschefs international nahezu verdoppelt, die Fluktuation betrug satte 23,5 Prozent. Im deutschsprachigen Raum war der Vorstandsstuhl noch heißer: Im Jahr 2005 wechselten 17 Prozent der Telekom-Unternehmen ihren Vorstandsvorsitzenden aus, im vergangenen Jahr tat dies sage und schreibe jedes zweite Unternehmen - die Deutsche Telekom ist das prominenteste Beispiel. Gefährlich war es für Vorstandschefs international auch bei den Versorgern und im Gesundheitssektor, wo die Fluktuation an der Spitze jeweils bei 17,8 Prozent lag.

          Führungsnachwuchs aus den eigenen Reihen

          Immer mehr Unternehmen vertrauen in der Nachfolgefrage auf Führungsnachwuchs aus den eigenen Reihen. Während in den Jahren 1995 bis 2003 der Anteil der Nachfolger, die aus anderen Unternehmen kamen, stetig von 14 auf 30 Prozent gestiegen war, liegt er jetzt wieder bei 18 Prozent. „Es hat sich gezeigt, dass Externe nicht unbedingt bessere Ergebnisse liefern als Manager aus den eigenen Reihen , es sei denn, eine Restrukturierung steht vor der Tür“, sagt Gushurst.

          Insgesamt scheint sich gerade in Europa die Rolle der Aufsichtsräte erheblich zu wandeln. Statt auf Kuschelkurs mit dem Vorstand gehen die Kontrollgremien immer häufiger in die offensive Auseinandersetzung. Nicht selten zieht dabei, wie aktuell der Fall Siemens zeigt, der Vorstandsvorsitzende den Kürzeren. In Europa waren im vergangenen Jahr 22 Prozent aller Wechselfälle an der Unternehmensspitze durch solche Konflikte beeinflusst, international lag der Anteil bei 11 Prozent. Die neue Streitkultur zwischen Vorständen und Aufsichtsräten mag auch mit den beteiligten Personen zu tun haben. Nur noch knapp ein Viertel der Aufsichtsratsmitglieder bekleideten zuvor den Posten des Vorstandsvorsitzenden - 1995 lag dieser Anteil noch bei 61 Prozent.

          Der Vorstandsjob bis zur Rente gilt als Auslaufmodell

          Relativ schwarz sieht Booz-Allen-Berater Gushurst die Zukunft deutscher Vorstandsvorsitzender. „Viele deutsche Unternehmenslenker haben Schwächen bei der Umsetzung internationaler Governance- und Compliance-Themen. Das wird dazu führen, dass künftig mehr international erfahrene Top-Manager die entsprechenden Positionen in deutschen Konzernen besetzen werden.“ Auch hier ist Siemens ein Beispiel: Der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher ist Österreicher und kommt vom amerikanischen Konzern Merck & Co.

          Der Vorstandsjob bis zur Rente sei ein Auslaufmodell, ist Gushurst überzeugt. Nach drei bis sechs Jahren sei künftig in der Regel Schluss - zumal attraktive Alternativen winken. Wolfgang Bernhard, Ron Sommer, Ulrich Schumacher - allesamt stehen sie in Diensten von Private-Equity-Unternehmen.

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