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Führungspositionen : Konzerne tun sich noch immer mit Frauen schwer

Ein einsamer Auftritt: Die Anzahl der Frauen in deutschen Chefetagen steigt nur langsam an. Bild: dpa

Mehr Frauen in Führungspositionen: Kaum ein Mantra wiederholt die Wirtschaft so oft wie dieses. Doch vielerorts sind die Fortschritte überschaubar, wie neue Zahlen zeigen.

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          Sie war das Lieblingsprojekt der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder (CDU): die sogenannte Flexi-Quote. Gebetsmühlenartig wiederholte Schröder in der vergangenen Legislaturperiode ihre Ablehnung einer gesetzlichen Frauenquote, die ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen so vehement gefordert hatte, und trieb stattdessen ihren Vorschlag voran, dass jedes Unternehmen sich selbst Ziele setzen und diese unter den gestrengen Augen der Öffentlichkeit erfüllen solle. Im Oktober 2011 übergaben die 30 Dax-Konzerne der Ministerin eine Liste voller Prozent- und Jahreszahlen: den ersten Aktionsplan in Sachen Frau.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An diesem Dienstag ist wieder Zähltag, dann veröffentlicht die Wirtschaft Statusbericht Nummer drei. Die 17 Seiten umfassende Auflistung liegt vor – und sie enthält einige interessante Zahlen. Auch wenn der Trend insgesamt deutlich nach oben geht, so zeigt sich doch auch: In etlichen Konzernen ist seit dem Beginn der Selbstverpflichtung noch nicht allzu viel passiert.

          Bei Volkswagen zum Beispiel, einem der Aushängeschilder der deutschen Industrie, stieg der Anteil der Frauen in Führungspositionen in Deutschland bislang eher in homöopathischen Dosen: 8,5 Prozent waren es im Jahr 2010, im vergangenen Jahr zählte der Autohersteller 9,8 Prozent. Umso ambitionierter erscheint da das Ziel: 30 Prozent sollen es werden. Wohlweislich haben die Wolfsburger das Erreichen dieser Marke nicht an eine bestimmte Jahreszahl geknüpft.

          Unternehmen noch weit entfernt von selbstgesteckten Zielen

          Dieses Bild zieht sich vor allem durch techniklastige Unternehmen. Bei Heidelberg Cement hat sich der Anteil der Führungsfrauen seit 2010 erst von 6,8 auf 7 Prozent erhöht. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dürfte es selbst mit dem vergleichsweise niedrigen Ziel von 15 Prozent im Jahr 2020 schwierig werden. Gleiches gilt für Thyssen-Krupp. Auch der Stahlkonzern hat sich 15 Prozent für 2020 vorgenommen, den Frauenanteil bislang aber erst von 7,6 auf 7,8 Prozent gesteigert. Der Münchner Chiphersteller Infineon will schon im kommenden Jahr 15 Prozent erreichen. Bislang stieg der Anteil aber erst von 11,2 auf 11,9 Prozent.

          Die Trippelschritte beschränken sich nicht allein auf die Männerdomäne Industrie. Selbst ein bei weiblichen Bewerbern ausgesprochen beliebtes Unternehmen wie der Sportartikelhersteller Adidas tut sich offenkundig schwer, seine selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Dort waren zwar schon 2010 26 Prozent der Führungskräfte in Deutschland weiblich. Doch drei Jahre später ist der Sportartikelhersteller von seinem Ziel, dass es Ende kommenden Jahres 32 bis 35 Prozent sein sollen, genauso weit entfernt wie damals. Der Anteil liegt weiter bei 26 Prozent.

          Die Konzerne zeigen sich gleichwohl zufrieden. Um durchschnittlich 17 Prozent habe der Frauenanteil in Führungspositionen in Deutschland seit dem Beginn der Selbstverpflichtung zugenommen, haben sie ausgerechnet. Der Frauenanteil in der Belegschaft insgesamt sei nicht so stark gestiegen. „Die Dax-Unternehmen sind auf einem guten Weg, ihre freiwillige Selbstverpflichtung zu erfüllen“, heißt es. Die Aussagekraft der Zahlen leidet allerdings darunter, dass jeder Konzern den Kreis der Führungspositionen anders definiert. Bei manchen fällt darunter nur ein Prozent der Belegschaft, andernorts fast ein Drittel.

          Als hilfreich erweist sich für die Unternehmen, dass etliche ihre Ziele nicht für Deutschland definiert haben, sondern auf internationaler Ebene. Weil es in anderen Ländern mehr weibliche Führungskräfte gibt, lassen sich die Hoffnungswerte so einfacher erreichen. Beispiel Telekom, jener Konzern, der die ganze Debatte 2010 mit seiner selbstverordneten Quote überhaupt erst angestoßen hat: Hier betrug der Anteil der Führungsfrauen in Deutschland zuletzt 19,4 Prozent, rund um den Globus aber schon 25 Prozent. Ende kommenden Jahres sollen es 30 Prozent sein – weltweit, versteht sich.

          „Die Dynamik könnte noch größer sein“

          Der Tenor der Wirtschaft ist eindeutig: Habt Geduld, es dauert nun mal rund zehn Jahre, bis Frauen sich vom Nachwuchstalent zur Führungskraft hochgearbeitet haben. „Wir arbeiten sehr intensiv daran, dass mehr Frauen mit den entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen“, betont Milagros Caiña-Andree, Personalvorstand des Autoherstellers BMW und Koordinatorin des aktuellen Berichts. „Nur: Das geht nicht von heute auf morgen.“ Ihr Amtskollege Werner Zedelius von der Allianz ergänzt: „Ausschlaggebend für das Weiterkommen im Unternehmen muss die eigene Leistung sein. Diese liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, ob Mann oder Frau.“

          Diesen Satz hört man auch von Personalberatern immer wieder, und doch sehen sie die jüngsten Entwicklungen kritischer. Mit Spannung hat Christine Stimpel, die Deutschland-Chefin der Beratungsgesellschaft Heidrick & Struggles, die gerade zu Ende gegangene Hauptversammlungssaison und die damit verbundenen Aufsichtsratswahlen verfolgt, galten diese doch als Nagelprobe, wie ernst es der Deutschland AG mit der Frauenförderung ist. Jetzt hat Stimpel die Ergebnisse ausgewertet und konstatiert: „Die Dynamik könnte noch größer sein.“ Von den 36 neuen Kontrolleuren auf der Kapitalseite der Dax-Konzerne sind nur zehn Frauen. Das entspricht einem Anteil von 28 Prozent. 2013 waren noch 33 Prozent der Nachrücker weiblich, davor sogar 37 Prozent.

          Insgesamt sind nun 20,5 Prozent der Kontrolleure in den Dax-Konzernen Frauen. Der Politik dürfte das kaum genügen. Zum neuen Statusbericht wollte sich Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) auf Anfrage nicht äußern, doch erst kürzlich sagte sie: „Die freiwilligen Vereinbarungen in der Vergangenheit haben nichts bewirkt.“ Gemeinsam mit Justizminister Heiko Maas will sie ein Gesetz auf den Weg bringen, dessen Kern eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte großer Aktiengesellschaften ist – und zwar sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Kapitalseite. Dies würde von 2016 an mehr als hundert Unternehmen betreffen. Weitere 3500 sollen vom kommenden Jahr an verbindliche, nachprüfbare Ziele zur Steigerung des Frauenanteils im Vorstand und in den zwei Ebenen darunter festlegen.

          „Ich habe den Eindruck, dass sich die Entscheidungsträger in den Unternehmen weitgehend gewiss sind, im Falle einer gesetzlichen Regelung die jeweilige Anzahl an weiblichen Kontrolleurinnen auch kurzfristig auf die Beine stellen zu können“, sagt Personalberaterin Stimpel. Rein rechnerisch fehlten zum Erfüllen der Quote auf der Kapitalseite noch 25 Mandatsträgerinnen. Am größten ist der Handlungsbedarf bei Fresenius und Fresenius Medical Care. Die Führungsgremien der beiden Unternehmen sind seit Jahren fest in Männerhand.

          Andere Unternehmen können die Berliner Pläne dagegen gelassen sehen, weil sie die Vorgaben bereits erfüllen. Dazu zählen unter anderem Allianz und Henkel, zwei Konzerne, die auch im neuen Statusbericht eine gute Figur machen. So stieg bei der Allianz der Frauenanteil in Führungspositionen in Deutschland von 24,7 auf 28,1 Prozent und damit in greifbare Nähe zu den 30 Prozent, die es 2015 sein sollen. Henkel wiederum führt das Feld mit schon jetzt 33 Prozent an. Genug ist dem Konzern das nicht: Jedes Jahr sollen weitere ein bis zwei Prozentpunkte hinzukommen.

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