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Früherer Audi-Chef Stadler : Die nächste Anklage im Diesel-Skandal

Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft München wirft dem früheren Audi-Chef Rupert Stadler Betrug vor. Bald könnte er vor Gericht stehen – so wie Martin Winterkorn, der langjährige Vorstandsvorsitzende von Volkswagen.

          Als Rupert Stadler noch Vorstandsvorsitzender von Audi war und die Diesel-Krise ihm bereits allerlei Scherereien eingehandelt hatte, äußerte er gegenüber seiner Heimatzeitung den Wunsch, ins spanische Santiago de Compostela zu pilgern. „Bei einer solchen Wallfahrt“, sagte Stadler, der als Junge eine Klosterschule im katholischen Eichstätt besucht hat, „findet man innere Ruhe und wieder zu sich selbst.“ Er hoffe, den Jakobsweg zu schaffen, noch ehe er 70 Jahre alt ist.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Gut möglich, dass Stadler eines Tages wirklich zum Pilger wird. Doch zuvor muss sich der heute 56 Jahre alte Manager der Anklage der Staatsanwaltschaft München II stellen. Sie wirft ihm im Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen „Betrug, mittelbare Falschbeurkundung sowie strafbare Werbung“ vor, wie die Behörde am Mittwoch bekanntgab. Stadler und drei andere ebenfalls angeklagte Verdächtige – unter ihnen der frühere Motorenentwickler Wolfgang Hatz – sollen Hunderttausende Kunden betrogen haben. Der zentrale Vorwurf der Staatsanwälte: Auch noch nach dem Auffliegen der Motorenmanipulationen im September 2015 seien den Kunden schmutzige Dieselfahrzeuge als saubere verkauft worden. Stadler und die anderen bestreiten, wissentlich betrogen zu haben.

          Audi hatte die Manipulationen erst eingeräumt, als die Abgasaffäre den VW-Konzern bereits voll erfasst hatte. Die Frage ist, was Stadler wann wusste. Er ist der nächste ranghohe Manager des VW-Konzerns, der angeklagt wird. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anklage gegen den langjährigen VW-Chef Martin Winterkorn erhoben. So könnte es schon bald zu zwei spektakulären Strafprozessen kommen, einen in Braunschweig und einen in München.

          Die Münchner Strafverfolger leiteten bereits Ende Mai vorigen Jahres ein Verfahren gegen Stadler wegen Betrugsverdachts ein. Konkret wird dem Manager zur Last gelegt, „spätestens ab Ende September 2015 von den Manipulationen Kenntnis gehabt und gleichwohl weiter den Absatz von betroffenen Fahrzeugen der Marken Audi und VW veranlasst bzw. den Absatz nicht verhindert zu haben“, heißt es in der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft. Stadler hat eine persönliche Mitwisserschaft oder gar Beteiligung an den Manipulationen stets bestritten.

          In Wolfsburg ist seit einiger Zeit zu hören, Stadler sei nach Aufdeckung der Manipulationen bei Volkswagen von den eigenen Leuten noch eine ganze Weile „hinter die Fichte geführt“ worden. Dass die Münchner Staatsanwaltschaft den früheren Audi-Chef anklagt, hat in Wolfsburg gleichwohl niemanden überrascht – zumal Stadler viereinhalb Monate in Untersuchungshaft saß. Jede andere Entscheidung wäre ein Gesichtsverlust für die Münchner Staatsanwälte gewesen, war zu hören.

          Bei den Vorwürfen gegen Stadler geht es um die größeren Drei-Liter-Motoren, die seinerzeit nicht von VW, sondern von Audi entwickelt wurden. Den drei anderen Beschuldigten wirft die Ermittlungsbehörde vor, Motoren für Fahrzeuge der Marken Audi, VW und Porsche entwickelt zu haben, deren Steuerung mit einer unzulässigen Softwarefunktion ausgestattet gewesen sei. Eines dieser Programme galt als ein „Defeat Device“, also eine illegale Abschalteinrichtung, die unter Audi-Ingenieuren jahrelang Gesprächsthema war. Schon 2007 hatte ein Techniker seinen Kollegen in einer E-Mail mitgeteilt, dass man „ganz ohne Bescheißen“ die strengen Umweltauflagen nicht einhalten könne. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sollen bei Audi seit dem Jahr 2005 Motoren manipuliert worden sein. Betroffen sind laut Anklage insgesamt 250 712 Fahrzeuge der Marke Audi, 71 577 Fahrzeuge der Marke VW und 112 131 Fahrzeuge der Marke Porsche. Die Autos sind vor allem auf dem amerikanischen und europäischen Markt verkauft worden. Ob es zu einem Prozess kommt, entscheidet die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II. Stadler drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Gefängnis.

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