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Früherer Airbus-Chef : Der tiefe Fall Noël Forgeards

Nach der Insideraffäre nicht mehr zu halten: Noël Forgeard Bild: dpa

Es ist der Tiefpunkt in der Vita eines überaus geltungssüchtigen Mannes. Den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Airbus und der EADS holt eine alte Insideraffäre ein. Er scheiterte, obwohl seine Verdienste unumstritten sind.

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          Alle Unschuldsbeteuerungen halfen nichts: Noël Forgeard befindet sich in Polizeigewahrsam und wird nach spätestens 48 Stunden sehen, wie es mit ihm weiter geht. Es ist möglich, dass er einfach frei gelassen wird. Denkbar ist auch, dass ein Untersuchungsrichter ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Insidergesetz gegen den Franzosen einleitet und ihn dann mit einigen Auflagen nach Hause gehen lässt. Eine Einlieferung in Untersuchungshaft ist im Prinzip ebenfalls möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Wie auch immer: Forgeards unfreiwilliger Aufenthalt in einem Polizeigebäude dürfte einen Tiefpunkt in der beruflichen Vita dieses überaus ehrgeizigen und geltungssüchtigen Mannes darstellen. Der heute 62 Jahre alte Franzose hatte es auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Vorstandsvorsitzender von Airbus und als Co-Vorstandsvorsitzender der EADS zu einem der mächtigsten Luftfahrt- und Rüstungsindustriellen der Welt gebracht.

          Ein Mühlstein um den Hals

          Seit seinem unfreiwilligen, auf Druck der französischen Regierung mit einer hohen Abfindung vergoldeten Abschied im Jahre 2006 hat Forgeard mehrfach versucht, die Spitze eines anderen französischen Unternehmens zu erklimmmen. Gelungen ist es ihm nicht: Der Vorwurf, in früher Kenntnis der Schwierigkeiten des Airbus A380 Aktien der EADS verkauft und damit gegen die Insiderregeln verstoßen zu haben, hängt an Forgeard wie ein Mühlstein um den Hals.

          Verdacht auf Insiderhandel : Früherer EADS-Chef Noël Forgeard in Gewahrsam

          Ob Forgeard in seiner aktiven Zeit bei Airbus und der EADS erfolgreich wirkte, ist umstritten. Seine Gegner, von denen es nicht wenige gibt, sehen in ihm den Hauptverantwortlichen für die Probleme von Airbus: Forgeard, so klagen sie, habe Umsatz gemacht, in dem er die Rendite opferte. So wurde Airbus in seiner Zeit zum - gemessen am Auftragsvolumen - größten Hersteller großer Passagierflugzeuge der Welt. Mehr Geld verdiente aber trotzdem der Erzrivale Boeing.

          Antworten nur auf dem Papier

          Als Forgeards größtes Debakel gilt dessen Unterschätzung des „Dreamliner“ von Boeing. Als die Amerikaner das Modell des mit modernster Technik vollgestopften kleinen Langstreckenflugzeugs präsentierte, waren von Forgeard Kommentare des Typs „Dreaming in Seattle“ zu hören, aber keine rasche industrielle Antwort. Diese Antwort existiert bis heute nur auf dem Papier.

          Zur Weißglut brachte Forgeard nicht zuletzt seine deutschen Vorgesetzten in der EADS mit seiner unbekümmerten Geringschätzung unternehmensinterner Hierarchien. Der Franzose, ein Machtmensch par excellence mit einer ausgeprägten Neigung, auch über die Bande zu spielen, versicherte sich der Unterstützung des damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac und des Pariser EADS-Kernaktionärs Lagardère. Dadurch intern unangreifbar geworden, interessierte ihn der ihm eigentlich vorgesetzte Verwaltungsrat nicht sehr.

          Eine dritte Kritik an seiner Arbeit lautet, dass er das Betriebsklima im Hause Airbus mit seiner autokratischen Führung und seiner Neigung zu Durchstechereien vergiftet habe.

          Zu einfach, nur alles Schlechte zu sehen

          In allen diesen Vorwürfen steckt ein Kern Wahrheit, aber im Nachhinein ist es zu einfach, alles, was bei der EADS und Airbus zu seiner Zeit schlecht lief, Forgeard anzulasten, und alles zu unterschätzen, was er an Gutem bewirkte.

          Dass sich Airbus aus einem dezentralen, völlig ineffizient arbeitenden Konsortium in einen trotz aller Schwächen sehr viel besser funktionierenden Konzern verwandelte, ist nicht zuletzt Forgeards Verdienst gewesen. Seine Idee, die Verteidigungssparte der EADS durch Zukäufe zu verstärken, um vom zivilen Flugzeuggeschäft weniger abhägig zu werden, war, jedenfalls im Nachhinein betrachtet, ebenfalls richtig.

          Das Projekt scheiterte am Widerstand der deutschen Seite, so wie es überhaupt die Deutschen in der EADS waren, die mit Verweis auf Forgeards Fehler und Schwächen einen Sündenbock identifizierten, der es ihnen erlaubte, eigenes Versagen zu kaschieren.

          Schwer belastende Reibungsverluste

          Man wird mit der Vermutung wohl nicht fehl gehen, dass Forgeard von seinen Protégés in Politik und Wirtschaft den diskreten Auftrag erhalten hatte, die deutsch-französische Balance in der EADS in eine französische Hegemonie zu verwandeln. Mit dieser Absicht ist er gescheitert, und die Reibungsverluste, die seine politisch motivierten Manöver erzeugten, haben den Konzern intern schwer belastet. Aber auch hier tragen seine mächtigen Hintermänner mindestens so viel Verantwortung wie er.

          Als Forgeard wegen der Insideraffäre nicht mehr zu halten war, atmeten nicht nur die Deutschen in der EADS auf. Wie eine späte Ironie wirkt es, dass einige seiner alten Widersacher sich nun denselben Vorwürfen ausgesetzt sehen wie der ungeliebte Franzose.

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