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Frankfurter Flughafen : Die Maschine nach Ljubljana fliegt noch

Als Engel kostümiert unterhält Sarah Jäschke am Dienstag in einer Abflughalle des Flughafens von Frankfurt junge Flugreisende Bild: dpa

Sie wollen zurück nach Amerika, um Weihnachten mit den Enkeln zu feiern. Doch am Frankfurter Flughafen werden nun auch Langstreckenflüge gestrichen. Die beiden Amerikaner und viele andere müssen ausharren.

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          Ganz unvorbereitet hat es John Gardner nicht getroffen. Die Fernsehnachrichten hatte der weißhaarige Amerikaner in den vergangenen Tagen immer verfolgt. Schon morgens um fünf Uhr hat seine Airline angerufen und eine Verspätung von einer Stunde angekündigt. Nun wartet der emeritierte Physikprofessor in einer Schlange am Frankfurter Flughafen, um zu erfahren, wie er rechtzeitig nach Portland zurückkommen soll. „Wir wollen Weihnachten mit unseren Enkeln feiern“, sagt seine Frau Carolin leicht entmutigt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Chicago – annulliert“, „Caracas – annulliert“, „Detroit – annulliert“ ist auf der großen Anzeigetafel am Terminal 1 zu lesen. Immerhin die Maschine nach Ljubljana fliegt noch. Erstmals im Schneetreiben dieser Vorweihnachtszeit wurden am Dienstag am Frankfurter Flughafen auch Langstreckenflüge gestrichen. „Maschine 917 ist in München gestrandet. Wir haben noch 20 Plätze nach Washington frei“, ruft United-Mitarbeiter Marcel van Winsen den wartenden Passagieren zu. Alle anderen erhalten eine Hotelübernachtung, Mittag- und Abendessen und 10 Euro Telefonguthaben – auch die Gardners. „Bei wetterbedingten Annullierungen können wir nicht mehr machen“, entschuldigt sich van Winsen. Dann klingelt sein Handy, und er eilt zu einer anderen Baustelle.

          Waren in den vergangenen Tagen London-Heathrow und die Pariser Flughäfen im dichten Netz der Airlines die Engpässe, brachte nun eine Totalsperrung in Frankfurt von mehr als drei Stunden den Verkehr zum Stocken. Und nun machen sich Fluggesellschaften, Flughäfen und Wetterprognostiker gegenseitig Vorwürfe. „Wir wurden heute Nacht entgegen aller Prognosen von den starken Schneefällen überrascht“, sagt Stefan Schulte, der Vorstandsvorsitzende des Flughafenbetreibers Fraport. Der Deutsche Wetterdienst weist die Kritik umgehend zurück. Schon am Vorabend hätten die Modelle Neuschnee angezeigt.

          Flüge fallen aus: Eine Passagier filmt am Dienstag am Flughafen in Frankfurt eine Anzeigetafel

          Und auch die große Politik lässt das Schneetreiben nicht unkommentiert, EU-Verkehrskommissar Siim Kallas erklärt vom fernen Brüssel aus, die Störungen seien „inakzeptabel und dürfen sich nicht wiederholen“. Schon bald will er alle Flughafenbetreiber einladen, um zu erfahren, warum sie auf diese Wetterlage nicht vorbereitet seien. Von ihren Antworten werde abhängen, wie stark die Dienste der Betreiber dereguliert werden könnten. Fraport dagegen sieht sich gut gerüstet. 350 Mitarbeiter seien aktuell im Räumungsdienst eingesetzt, mehr als im vergangenen Jahr. „Wenn aber hinter der Räumkolonne die Startbahn wieder zugeschneit wird, nutzen auch mehr Mitarbeiter nichts“, rechtfertigt sich ein Firmensprecher. Von 1300 Flügen am Vortag waren 400 abgesagt worden, heute dürfte eine ähnliche Zahl erreicht werden.

          Das Terminal 1 ist überfüllt. Lange Schlangen an allen Schaltern. Zwei Studentinnen in Engels- und Clownkostüm verteilen Luftballons an wartende Kinder. Für sie bedeutet das Verkehrschaos allerdings keine Sonderkonjunktur: „Wären wir nicht hier, wären wir auf Kindergeburtstagen oder Firmenfeiern gebucht“, sagen sie. Noch musste kein Passagier die Nacht am Flughafen verbringen, am Terminal 2 haben Fraport und die Lufthansa aber vorsorglich schon einmal 1100 Feldbetten aufgebaut.

          „In diesem Chaos muss ich die Leute anleiten“

          Nachdem die Lufthansa dem Flughafenbetreiber vor zwei Wochen noch vorgeworfen hatte, zu wenig Enteisungsmittel vorgehalten zu haben, funktioniert die Zusammenarbeit nun wieder reibungslos. „Jetzt kämpfen wir mit allen Kräften gemeinsam gegen den Winter“, sagt ein Lufthansa-Sprecher. Ein Dutzend Fraport-Mitarbeiter in pinkfarbenen Westen hat sich im ersten Stock des Terminals versammelt und holt sich Anweisungen von einer Lufthansa-Servicemitarbeiterin ab. „In diesem Chaos muss ich die Leute anleiten, die nicht so erfahren sind“, sagt Gudrun Gangluff-Haid, eine der Lufthansa-Sky-Chefs.

          Wenig später unterstützen die pinkfarbenen Fraport-Kollegen die neongelben Lufthansa-Mitarbeiter und verteilen Brötchen, Getränke und Müsli-Riegel an die wartenden Passagiere. Rund 1000 Mitarbeiter setzt die Fluglinie aktuell in den Terminals ein – 200 mehr als an normalen Arbeitstagen. Physikprofessor Gardner hat sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, den sieben Tagen Deutschland einen weiteren hinzuzufügen. Und sollte es gar nicht anders gehen, würde er hier auch Weihnachten feiern. „Die Einladung unserer Freunde in Stuttgart haben wir jedenfalls“, sagt er und lächelt einigermaßen vergnügt.

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