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France Télécom : Ein Mann für die soziale Ruhe

Didier Lombard (l) und sein Nachfolger Stéphane Richard Bild: AFP

France Télécom zieht Konsequenzen aus der Selbstmordserie im Konzern: Stéphane Richard wird nun schon vom 1. März an die Zügel vollständig in die Hand nehmen und damit den bisherigen Konzernchef Didier Lombard in den Hintergrund drängen.

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          Der Stabwechsel kommt nicht überraschend, doch er erfolgt früher als erwartet. Stéphane Richard wird nun schon vom 1. März an die Zügel bei France Télécom vollständig in die Hand nehmen und damit den bisherigen Konzernchef Didier Lombard in den Hintergrund drängen. Anders als zuvor geplant, wird Richard nicht erst 2011 den Posten des Generaldirektors erhalten und sich Lombard auf den Vorsitz des Verwaltungsrates zurückziehen. So wird es der Verwaltungsrat voraussichtlich am 24. Februar beschließen.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Vorverlegung ist eine Folge der Selbstmordserie, die das Unternehmen im vergangenen Jahr erschütterte. Die genauen Ursachen dieser tragischen Vorfälle wurden nie gründlich aufgearbeitet, doch hat sich in Frankreich allgemein die Ansicht durchgesetzt, dass sie eine Folge von harten Restrukturierungsmaßnahmen waren. Unter Mithilfe der Gewerkschaften, die eifrig die französischen Medien bedienten, erwuchs daraus eine schwere soziale Krise, die das Vertrauen in die Konzernführung erschütterte.

          Didier Lombard, der 2005 den zum Finanzminister berufenen Thierry Breton an der Unternehmensspitze ersetzte, hat sich erhebliche Verdienste um die strategische Neuausrichtung und Entschuldung von France Télécom erworben, doch mit diesen Turbulenzen wurde der gelernte Ingenieur nicht fertig. In einem Interview mit der Tageszeitung "Le Figaro" räumte er am Dienstag ein, zu spät reagiert zu haben. "Ich hätte sicherlich schneller handeln müssen hinsichtlich dieser dramatischen Ereignisse. Die Maßnahmen, die wir dann im Oktober trafen, hätten schon vom Sommer an in Kraft treten sollen."

          Ein Abgänger der Kaderschmiede ENA

          Einem Phänomen wie einer Selbstmordserie beizukommen, bei der Psychologen auch Nachahmereffekte nicht ausschließen, ist für jeden Konzernchef mehr als eine Herausforderung. Die Regierung geriet - wie häufig in Frankreich, wenn etwas schiefläuft - unter großen Handlungsdruck. Sie ist ja auch mit 27 Prozent größter Aktionär der Télécom. Da traf es sich gut, dass Präsident Nicolas Sarkozy schon vor der Krise mit Richard einen Mann seines Vertrauens für die Konzernspitze ernannt hatte. Der 48 Jahre alte Franzose war seit der Wahl Sarkozys der wichtigste Berater im Finanzministerium. Vor allem in der frühen Amtszeit von Christine Lagarde, als diese gelegentlich unsicher agierte, bezeichneten manche Richard als den heimlichen Finanzminister, zumal er einen direkten Draht zum Elysée-Palast hatte. Sarkozy schätzte an ihm die breite Erfahrung in der Privatwirtschaft sowie im Staatsdienst. Als Abgänger der Kaderschmiede ENA und der Managerschule HEC war Richard zuerst Berater des damaligen Industrieministers Dominique Strauss-Kahn.

          1992 holte ihn Jean-Marie Messier zur Compagnie Générale des Eaux (CGE), wo er unter anderem das Immobiliengeschäft sanierte. Später brachte er es unter dem Namen Nexity an die Börse und schuf sich ein ansehnliches Vermögen. Aus der CGE erwuchsen Ende der neunziger Jahre die Konzerne Vivendi und Veolia, und auch dort fand Richard seinen Platz. Er reüssierte an der Spitze der Transportsparte namens Connex, heute Veolia Transport.

          „Fähigkeit zum Zuhören“

          Seit Richard bei France Télécom angekommen ist, gewannen die Gewerkschaften Vertrauen zu ihm. Spannungen mit dem fast zwanzig Jahre älteren Lombard blieben aber nicht aus. So zweifelte Richard öffentlich an der Strategie, eigene Medieninhalte aufzubauen. France Télécom bietet seit 2008 eine Reihe von Fernsehsendern per Satellit an und hat für den eigenen Kanal unter der Marke Orange Fußballübertragungsrechte erworben. "Wäre es nicht besser, wenn France Télécom die besten Inhalte anbieten würde, egal, wo sie herkommen, zumal die Exklusivität heute ohnehin immer schwerer aufrechtzuerhalten ist", fragte Richard kürzlich in einem Interview.

          Er wird jetzt auch seinen Vorstand neu besetzen müssen. Louis-Pierre Wenes etwa, der Frankreich-Chef, musste infolge der Selbstmordkrise als Erster gehen. Später wechselte die für Unternehmenskunden zuständige Barbara Dalibard zu SNCF. Lombard indes kämpft um Einfluss. In einer E-Mail an die Beschäftigten teilt er mit, dass er vor allem Richards "Fähigkeit zum Zuhören" schätze. Da klingt ebenso viel Hoffnung wie Gewissheit mit.

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