https://www.faz.net/-gqe-qf4p

Formel 1 : Michelins Reifenpanne als PR-Desaster

Edouard Michelin Bild: picture-alliance / dpa

Die Entscheidung, sieben Teams beim Großen Preis von Indianapolis vom Start abzuraten, ist auf höchster Ebene gefallen. Beim Reifenhersteller ist Krisenmanagement angesagt.

          2 Min.

          Diese Entscheidung ist Edouard Michelin nicht leichtgefallen: Sieben Teams der Formel-1 vom Start abzuraten, weil die Sicherheit der Reifen nicht zu gewährleisten war. Doch in der Wahl zwischen einem unabschätzbaren Risiko und dem Eingeständnis von Fehlern entschied sich der 1963 geborene Unternehmenschef für das letztere. "Stellen Sie sich vor, wir wären gefahren und es hätte einen Unfall gegeben", sagt sein für den Motorsport zuständiger Direktor Frederic Henry-Biabaud.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Firmenchef persönlich ist am momentan nicht zu sprechen. Krisen-Management ist in der Presseabteilung angesagt. Immerhin gibt man am Unternehmenssitz in Clermont-Ferrand zu verstehen, daß die Entscheidung "auf höchster Ebene" getroffen wurde. Man macht auch keinen Hehl daraus, daß Edouard Michelin ein Motorsport- und damit ein Formel-1-Begeisterter ist. Wie groß war seine Freude noch gewesen, als er 2001 die Rückkehr seines Unternehmens in die Königsklasse des Motorsports ankündigte. "Wir begeben uns in ein großes Abenteuer", sagte er.

          Angekratztes Sicherheitsimage

          Die positiv gemeinten Worte von damals haben heute einen anderen Klang, denn die teamübergreifende Reifenpanne beim Großen Preis von Indianapolis ist ein PR-Unglück, das weite Kreise zieht. Am Montag verlor die Aktie an der französischen Börse mehr als 1,5 Prozent auf 50,70 Euro. Bibendum, so der Name des rundlichen Reifenmannes von Michelin, steht nun mit einem angekratzten Sicherheitsimage dar auch wenn die hochspezialisierten Formel-1-Reifen nichts mit den herkömmlichen Gummis auf der Straße zu tun haben. Michelins Motorsport-Direktor Henry-Biabaud versucht zu retten, was zu retten ist: Mit der Entscheidung gegen den Start habe man aufs neue den hohen Stellenwert der Sicherheit in der Konzern-Philosophie unter Beweis gestellt, meint er.

          Edouard Michelin, der den gleichen Namen wie einer der beiden Unternehmensgründer aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trägt, steht seit 1999 an der Spitze des Konzerns. Das Erbe vom Vater zu übernehmen, der die Geschicke des Unternehmens mehr als 40 Jahre leitete, war für den an der Ecole Centrale de Paris ausgebildeten Ingenieur nicht einfach. Gleich im ersten Jahr löste er durch die Ankündigung von umfangreichem Stellenabbau bei einem neuen Rekordergebnis einen sozialpolitischen Wirbelsturm aus. Nach einigem Schlingern aber fand er zu seinem Kurs. Dieser besteht aus der Fortsetzung der Internationalisierungsstrategie bei gleichzeitiger Kostenkontrolle.

          Konzernerbe Edouard Michelin hat nicht alleine das Sagen

          Nach und nach hat sich der junge Konzernlenker damit einen Ruf als moderner und aufgeschlossener Manager erworben, der über den Horizont Frankreichs hinausblickt. Dafür dürfte nicht zuletzt seine Zeit als Chief Operating Officer von Michelin in Nordamerika gesorgt haben. Dort arbeitete Edouard Michelin Seite an Seite mit Carlos Ghosn, dem heutigen Chef von Renault und Nissan, der später merkte, daß er auf dem Weg zur Spitze gegenüber dem Familiensproß den kürzeren ziehen würde, und daher zu Renault wechselte. Edouard hat jedoch auch nicht alleine das Sagen. Noch sein Vater Francois hat dafür gesorgt, daß neben ihm als zumindest legal gleichberechtigte Führungskraft der langjährige Michelin-Manager Rene Zingraff die Geschicke des Unternehmens mit leitet. Wegen der bevorstehenden Pensionierung von Zingraff ist jetzt der Finanzvorstand Michel Rollier, ein Cousin von Francois Michelin, als Nachfolger in das Führungsgremium aufgenommen worden.

          Mit vereinten Kräften werden sie jetzt versuchen, den Imageschaden zu beheben. Daß Michelin ausgerechnet in den Vereinigten Staaten so unangenehm auffällt, ist besonders schmerzlich, weil ein Drittel des Konzernumsatzes auf Nordamerika entfällt, wo die Franzosen auch in zwölf Werken produzieren. Weltweit ist das Geschäft schon schwierig genug, weil steigende Rohstoffkosten den Gewinn belasten - so wie auch beim japanischen Erzrivalen Bridgestone. Der freilich kann sich jetzt erst mal beruhigt zurücklehnen und darauf verweisen, daß er mit seinen Formel-Eins-Reifen keine Sicherheitsprobleme habe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

          Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

          Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.
          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.