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Folgen von Corona : Die Musikwelt im Krisenmodus

Die schottische Rockband Biffy Clyro 2016 auf dem Hamburger Reeperbahnfestival Bild: dpa

Konzertveranstalter reagieren erleichtert auf die Regierungspläne zur Ticketerstattung. Andere in der Musikbranche trifft es jetzt erst richtig hart.

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          Keiner kann seriös abschätzen, wann das Konzert- und Musikleben wieder stattfinden wird. Die Vorfreude darauf und die Aussicht auf gut besuchte Veranstaltungen mag in der Branche etwas Mut machen. Doch bis dahin müssen Musiker, Veranstalter und die vielen Selbstständigen oder Kleinunternehmer erst einmal die derzeitigen Einbußen verkraften. Diese Woche prognostizierte das Kompetenzzentrum Kultur-und Kreativwirtschaft des Bundes  in einer Analyse der Musikwirtschaft einen Schaden von bis zu 5,1 Milliarden Euro.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dies würde einen Ausfall von 59 Prozent des Umsatzes im Jahr bedeuten. Bei einem vergleichsweise günstigen Verlauf der Krise sehen die Autoren einen Einbruch von 1,9 Milliarden Euro. Eine zuvor von den großen deutschen Musikverbänden und Verwertungsgesellschaften Gema und GVL vorgelegte Rechnung kam – ein Andauern der Corona-bedingten Einschränkungen über sechs Monate vorausgesetzt – gar auf einen Schaden in Höhe von rund 5,5 Milliarden Euro. Mit etwa 3,6 Milliarden Euro sei der Live-Bereich am stärksten gebeutelt.

          „Sommer und Herbst werden hart“

          Zumindest die Veranstalter atmen nun etwas auf: Die Bundesregierung hat am Donnerstag eine Regelung auf den Weg gebracht, der zufolge Veranstaltern von wegen der Corona-Pandemie abgesagten Konzerten vor dem 8. März gekaufte Tickets nicht zurückerstatten müssen. Stattdessen könne ein bis Ende 2021 gültiger Gutschein ausgegeben werden. Wird dieser bis dahin nicht eingelöst, muss der Wert erstattet werden. Für Ticketkäufer, die finanziell in Schwierigkeiten sind, sieht der Beschluss Härtefallregelungen vor.

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          So werde der schlimmste Druck aus dem Kessel genommen, sagte der geschäftsführende Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Jens Michow, der F.A.Z. Drei Viertel der Veranstaltungsunternehmen hätten im Falle einer Rückforderung sämtlicher betroffener Kartenkäufer wohl sofort Insolvenz anmelden müssen.

          Verbraucherschützer gegen Gutscheinregelung

          Schließlich würden die diversen schon angefallenen Vorkosten eines Konzerts zu großen Teilen mit den Ticketverkäufen finanziert. Auch einer der größten Veranstalter- und Ticketverkäufer Europas, CTS Eventim, begrüßte die geplante Regelung als „einen ersten wichtiger Schritt zur Erhaltung der kulturellen Vielfalt in Deutschland“. Die Verbraucherzentralen lehnten die vorgesehene Gutscheinregelung dagegen ab. Diese fungierten als zinslose Kredite, womit die Ticketkäufer im Falle einer Insolvenz des Veranstalters ein Risiko trügen. Der Geschäftsführer des Tickethändlers Reservix, Johannes Tolle, merkte an, dass es einer „präzisen Ausgestaltung der angestrebten Gesetzesänderung“ bedürfe, damit Tickets für Veranstaltungen, die auf einen unbestimmten Zeitpunkt verlegt worden seien, ebenfalls bis zum 31.12.2021 ihre Gültigkeit behielten. Zudem forderte Tolle gegenüber der F.A.Z. einen „ergänzenden Hilfsfonds“. Auch die Verbände hatten über die schon angelaufenen Programme hinausgehende Hilfen für die Musikbranche angemahnt.

          Im Gegensatz zu Veranstaltern oder Künstlern, deren Touren ausfallen, spüren Plattenlabels die Auswirkungen der Coronakrise teils erst mit Verzögerung. „Der März 2020 war einer der umsatzstärksten Monate in unserer Geschichte“, sagt Mirko Gläser, Geschäftsführer des kleinen norddeutschen Labels Uncle M, das im Jahr etwa einen mittleren sechsstelligen Betrag umsetzt. Viele Auszahlungen wie etwa über Streamingdienste, die Verwertungsgesellschaften oder für PR-Aufträge kämen üblicherweise mit Verzögerung, sodass man auch noch vom guten Weihnachtsgeschäft profitiert habe. „Der Abschwung ist aber im April schon absehbar“, so Gläser, „Sommer und Herbst werden hart.“ Derzeit verschiebt er geplante Projekte und bittet etwa Kassen um Stundungen. Womöglich müsse er aber auch bald Hilfen beantragen.

          Kampf um Aufmerksamkeit wird härter

          Das liegt einerseits an dem Ausfall von Einnahmen durch abgesagte Touren oder des eigenen Label-Festivals, andererseits daran, dass viele Alben nicht wie geplant veröffentlicht werden. Die prominentesten Verschiebungen betreffen die Werke von Lady Gaga, Sam Smith oder der schottischen Rock-Band Biffy Clyro, doch die Liste ließe sich lange weiterführen. Gelder für schon angelaufene Werbekampagnen verlaufen folglich erst einmal im Nichts, andere werden eingefroren. Der Dreh von Musik-Videos, aufwendige Fan-Aktionen und vor allem die wichtigen Release-Konzerte – an viele der Maßnahmen, die eine Album-Veröffentlichung gewöhnlich begleiten, ist derzeit nicht zu denken. Auch umfangreiche Studiotermine, um an neuer Musik zu arbeiten, fallen weitestgehend flach. Ähnlich wie bei den verschobenen Touren dürften sich im weiteren Verlauf des Jahres so viele Veröffentlichungen überschneiden. Der Kampf um die begrenzte Aufmerksamkeit der Konsumenten wird also noch härter werden.

          Durch das enorme Wachstum des Musik-Streamings sind zumindest die Folgen der großflächigen Schließungen im stationären Einzelhandel für die Labels nicht so schwerwiegend, wie sie es zu Hochzeiten der CD gewesen wären. Gleichwohl stand der Umsatz mit physischen Tonträgern auf dem deutschen Markt für Musikaufnahmen 2019 immer noch für 35,6 Prozent. Liefereinschränkungen machen derzeit auch den Versand komplizierter. „Der physische Markt ist quasi gänzlich zum Erliegen gekommen“, so eine Sprecherin des Branchenriesen Warner Music. Für kleine Labels wie Uncle M ist das noch einmal heikler, zumal Gläser einen deutlichen Rückgang im Streaming seiner Künstler beobachtet.

          Spenden sammeln via Spotify

          Grundsätzlich hätten sich die Nutzungszahlen kaum verändert, so ein Sprecher des Marktführers Spotify. Allerdings verschiebe sich der Konsum von mobilen Endgeräten mehr auf Fernseher, Konsolen oder vernetzte Lautsprecher; das Pendeln zur Arbeit oder längere Reisen fallen derzeit schließlich weg. Eine ähnliche Entwicklung vermeldet der kleinere, französische Streamingdienst Deezer. Zudem wachse das Interesse an nichtmusikalischen Inhalten wie Podcasts. Wie Amazon Music, Apple, Tidal oder Youtube Music beteiligt sich Spotify derweil finanziell an einem Hilfsfonds der amerikanischen „MusiCares“-Stiftung. Aus diesem werden von Absagen betroffene Künstler und ihre Partner unterstützt. Vergleichbare Initiativen beispielsweise auch mit Blick auf die Tour-Crews gibt es einige in der Musikbranche. In Kürze sollen Künstler außerdem über ihre Spotify-Seite Spenden für sich selbst oder Hilfsprojekte sammeln können.

          Das mit zuletzt 7,2 Milliarden Euro Umsatz größte Musiklabel der Welt, Universal Music, hat unterdessen angekündigt, seinen Künstlern beispielsweise durch Gebührenverzicht entgegenzukommen. Zudem wolle man helfen, Fans digital besser zu erreichen und den Schaden durch ausbleibende Tour-Einnahmen abzufedern. Solche Möglichkeiten haben freilich vor allem die großen, finanzstarken Labels wie die drei sogenannten Majors Universal, Warner und Sony Music.

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