https://www.faz.net/-gqe-8egf6

Fünf Jahre nach Fukushima : Japan probt die energiepolitische Normalität

Der Tepco-Reaktor Nummer 3 in Fukushima im Februar 2016 Bild: Reuters

Fünf Jahre nach dem Unglück von Fukushima kämpft der Kraftwerksbetreiber Tepco noch immer mit verstrahltem Wasser. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung.

          Fünf Jahre nach dem Nuklearunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ist die Lage am Kraftwerk stabil. Das sagen die Regierung und der Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco). Kritiker wie der frühere Ministerpräsident Naoto Kan, der sich nach der Katastrophe zum vehementen Atomkraftgegner wandelte, halten diese Aussage für eine Farce. Sie verweisen darauf, dass der geschmolzene Brennstoff immer noch in den Reaktoren liege und bislang niemand wisse, wie man ihn entfernen wolle.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Am 11. März 2011 prallte nach einem Erdbeben der Stärke 9 ein meterhoher Tsunami auf das Kraftwerk, der die Notstromaggregate ausschaltete. In der Folge kam es in drei Reaktoren zur Kernschmelze, und rund 160.000 Menschen mussten aus der Gegend fliehen. Rund 100.000 Menschen aus der Präfektur Fukushima leben immer noch in Notunterkünften oder Ausweichwohnungen, weil sie in die Gebiete rund um das Kraftwerk nicht zurückkehren dürfen oder – in den drei bislang freigegebenen Städten – wollen. Die Regierung will bis Frühjahr 2017 weite Teile der abgesperrten Gebiete für bewohnbar erklären, in Abhängigkeit von der Strahlenbelastung.

          750.000 Tonnen Wasser von Strahlung gereinigt

          Tepco kämpft in Fukushima Daiichi immer noch mit Wasser, das in die Reaktorgehäuse eindringt und so radioaktiv belastet wird. Im Oktober schloss das Unternehmen eine dichte Wand am Hafenbecken. Sie soll das Risiko verringern, dass durch eventuelle Leckagen verstrahltes Wasser in den Pazifik gelangt. Im Februar stellte Tepco eine Anlage fertig, mit der der Boden rund um die Reaktorblöcke eingefroren werden soll, um die Reaktorblöcke vom Grundwasser zu isolieren. Das Unternehmen wartet nun auf die Genehmigung der Atombehörde. Mit der Eiswand dürfte das Wasser, das von der Landseite her in die Reaktoren eindringt, von derzeit 150 Tonnen am Tag auf weniger als 100 Tonnen verringert werden, erklärt Naohiro Masuda, der bei Tepco für die Dekontaminierung und den Abbau des Kraftwerks verantwortlich ist.

          Zusammen mit dem vermehrten Grundwasser, das Tepco an der Seeseite abpumpen muss, sammelt der Kraftwerksbetreiber aber derzeit immer noch rund 400 Tonnen Wasser am Tag, die von Strahlung gereinigt auf dem Gelände aufbewahrt werden müssen. Mehr als 750.000 Tonnen lagern schon auf dem Gelände, Tepco will die Kapazität auf 950.000 Tonnen erhöhen. Doch der Platz für immer mehr Tanks ist beschränkt. Die Regierung muss entscheiden, was mit dem Wasser geschehen soll. Eine Option ist, das Wasser verdünnt ins Meer zu leiten, eine andere, es verdunsten zu lassen.

          Knapp 6500 Arbeiter von Tepco und einer Vielzahl von Kontraktunternehmen arbeiten derzeit täglich auf dem Gelände. Die Strahlung auf dem Gelände ist drastisch gesunken, auch wenn in der Nähe der Reaktoren noch 200 Mikrosievert je Stunde oder mehr erreicht werden. Neben dem Wasser geht es um Vorbereitungsarbeiten für die große Aufgabe, die Bergung des Brennstoffs. In Naraha, etwa 20 Kilometer vom Reaktor entfernt, hat Japans Nuklearagentur ein Forschungszentrum eröffnet, in dem an Großmodellen und in virtuellen Welten die Bergung geübt werden soll. Doch noch weiß Tepco nicht genau, wo der geschmolzene Brennstoff sich in den Reaktoren verteilt hat.

          Niemand weiß, wohin mit dem Müll

          Frühestens 2017, zwei Jahre später als ursprünglich geplant, wird Tepco mit der Bergung des teils geschmolzenen Brennstoffs aus dem Reaktorgebäude 3 beginnen. Für die beiden anderen havarierten Reaktoren, Nummer 1 und 2, ist die Entnahme frühestens für 2020 angedacht, das Jahr der Olympischen Spiele in Tokio. Der komplette Abbau der Reaktoren soll 30 bis 40 Jahre dauern.

          Weitere Themen

          Von wegen keine Uploadfilter!

          EU-Urheberrecht : Von wegen keine Uploadfilter!

          Innerhalb der nächsten zwei Jahre muss Deutschland das neue EU-Urheberrecht umsetzen – ohne Uploadfilter. Das verspricht jedenfalls die CDU. F.A.Z.-Redakteur Hendrik Wieduwilt hat daran seine Zweifel.

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Der Markt für Smartphone-Hersteller wie Apple, Huawei und Samsung kannte lange nur eine Richtung: nach oben. Diese Ära ist jetzt vorbei.

          Absatz von Smartphones : Handybesitzer zögern Neukauf immer länger hinaus

          Umweltschützer freut es, die Hersteller sind frustriert: Handybesitzer warten immer länger, bis sie sich ein neues Gerät kaufen. Die Top-Marken müssen ein Minus von fast 4 Prozent verkraften – 5G soll das ändern.
          Ein Rettungsboot mit aufgenommenen Migranten im Oktober 2018 im Mittelmeer

          Aufnahme von Migranten : Seehofer fordert Ende „quälender Prozesse“

          Der Bundesinnenminister wirbt für einen „kontrollierten Notfallmechanismus“ für die Verteilung von auf dem Mittelmeer aufgenommenen Migranten. Es könne nicht sein, dass Boote lange auf See ausharren müssten. Eine Einigung scheint fern.

          Video von Trump und Epstein : „Sie ist scharf“

          Donald Trump hat in den vergangenen Wochen immer behauptet, den des Sexhandels beschuldigten Milliardär Jeffrey Epstein kaum zu kennen. Ein Video von 1992 zeigt die beiden jedoch bei einer von Trumps Partys in Florida.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.