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EU-Austritts-Referendum : Wie die deutschen Unternehmen unter dem Brexit leiden werden

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Es ist der Unternehmensname, der als erstes fällt, geht es um die Sorge, wie der Brexit die deutschen Firmen treffen wird: BMW Bild: dpa

„Hart und unmittelbar“ werde der Brexit deutsche Unternehmen mit Geschäft im Vereinigten Königreich treffen, glauben Industrievertreter. Was ist mit denen, die richtig viel Großbritannien-Geschäft haben - etwa BMW?

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          Die deutsche Wirtschaft und die Unternehmen haben mit einer Mischung aus Sorge und betonter Besonnenheit auf das Brexit-Votum der Briten reagiert. „Wir bedauern zutiefst das Ergebnis des Referendums“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Markus Kerber am Freitag in Berlin. Der drohende Verlust des Zugangs zum Binnenmarkt werde die britische Wirtschaft und deutsche Unternehmen mit Geschäft im Vereinigten Königreich „hart und unmittelbar“ treffen: „Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten“, unterstrich Kerber. „Der bilaterale Handel dürfte leiden. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten.“

          Nahezu 400.000 Menschen arbeiten im Vereinigten Königreich in Niederlassungen deutscher Unternehmen. „Die Beschäftigten stehen vor unsicheren Zeiten, sie erwarten eine gute Vereinbarung so rasch wie möglich“, sagte Kerber. Wahrscheinlich besonders betroffen sind laut BDI der Automobil- und der Energiesektor, die Telekommunikationsbranche, die Hersteller von Elektronik, die Metallproduktion, der Einzelhandel und Finanzdienstleister. Das Leitmotiv für die Austrittsverhandlungen müsse nun lauten: „Maximale Schadensbegrenzung für unsere Unternehmen, für unsere Beschäftigten und ihre Einkommen“, so Kerber.

          Was kommt auf Unternehmen mit britischen Tochtergesellschaften zu?

          Der als Rückgrat der deutschen Wirtschaft geltende Maschinenbau fürchtet einen Orderrückgang. „Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VDMA, Thilo Brodtmann, am Freitag. Der Brexit werde den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten. „Es wird nicht lange dauern, bis unsere Maschinenexporte nach Großbritannien spürbar zurückgehen werden.“

          Völlig unklar sei zudem, was auf Unternehmen mit britischen Tochtergesellschaften zukommt. „Die EU muss jetzt den Schaden eindämmen und die Phase der Unsicherheit möglichst kurz halten. Europas Unternehmen brauchen Planungssicherheit und einen verlässlichen Fahrplan für den Austritt“, so Brodtmann. Für den deutschen Maschinenbau war Großbritannien 2015 der viertwichtigste Auslandsmarkt mit 7,2 Milliarden Euro Exportvolumen hinter den Vereinigten Staaten (16,8 Milliarden Euro), China (16 Milliarden Euro) und Frankreich (9,8 Milliarden Euro).

          BMW: „Konsequenzen nicht absehbar“

          BMW hat betont zurückhaltend auf die Entscheidung der britischen Wähler reagiert, die EU zu verlassen. „Die Konsequenzen dieser Entscheidung sind heute noch nicht absehbar. Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt", teilte der Autokonzern am Freitag in München mit. „Wir erwarten jedoch zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien.“

          Großbritannien ist für BMW nach China und den Vereinigten Staaten der drittgrößte Auslandsmarkt. Der Konzern verkauft bislang mehr als zehn Prozent seiner Autos in Großbritannien - im vergangenen Jahr waren das 236.000 Fahrzeuge. Außerdem baut BMW in England jährlich mehr als 200.000 Minis und Rolls-Royce-Limousinen und beschäftigt dort 24.000 Mitarbeiter.

          Nach dem Brexit-Votum erklärte BMW, die Bedingungen für den Personen- und Warenverkehr müssten nun neu verhandelt werden. „Bevor die neuen Rahmenbedingungen nicht im Detail definiert sind, können wir uns zu konkreten Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien nicht äußern.“ Über Auswirkungen auf die Produktionsstandorte - Oxford, Hams Hall, Swindon und Goodwood - werde der Konzern nicht spekulieren. BMW hat dort rund 2,2 Milliarden Euro investiert.

          Deutsche Bank: „Gut vorbereitet“

          Auch einzelne Unternehmen haben sich schon zu den erwarteten Brexit-Folgen geäußert. Die Deutsche Bank sieht sich für mögliche Turbulenzen infolge des britischen EU-Austritts gut gerüstet. „Das ist kein guter Tag für Europa. Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein“, erklärte Konzernchef John Cryan am Freitag. „Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern.“

          Cryan, der selbst Brite ist, betonte, es schmerze ihn, dass Europa für viele seiner Landsleute „offenbar an Attraktivität verloren“ habe. „Das ist ein klares Signal an die Europäische Union, wieder näher an die Menschen zu rücken und die Demokratie zu stärken“, mahnte der Deutsche-Bank-Chef.

          Energieriesen gelassen

          Der Chef des Energieriesen RWE, Peter Terium, reagierte mit Enttäuschung auf das Votum der Briten für den EU-Austritt. „Ich bin schockiert, dass sich die Briten entschieden haben, die EU zu verlassen", erklärte Terium am Freitag auf Anfrage. „Niemand weiß genau, welche wirtschaftlichen Folgen der Brexit langfristig haben wird“, fügte er hinzu. Für das britische Geschäft seines Konzerns sei er aber „sehr zuversichtlich“. Er sagte: „Sollte es zu Handelshürden kommen, würden uns diese wohl nur am Rande treffen.“

          Entscheidend sei für RWE das regionale Geschäft vor Ort: „Daher sollten die ökonomischen Einflüsse eines Brexit auf unser Geschäft auch vergleichsweise gut beherrschbar sein“, sagte Terium. RWE ist in Großbritannien unter anderem mit dem Versorger nPower vertreten und beschäftigt dort mehr als 9000 Mitarbeiter.

          Auch der andere deutsche Energieriese Eon gibt sich gelassen. „Die Konsequenzen für Eon sind beherrschbar", teilte der Versorger am Freitag mit. Das Geschäft in Großbritannien sei ein regionales. Die Entwicklung des Pfundes sei zwar ein Risiko. „Anderseits haben wir Schulden in Pfund. Das wirkt ausgleichend.“

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