https://www.faz.net/-gqe-89pcj

Nach Absturz : Absturz befeuert Diskussion über russische Fluglinien

  • -Aktualisiert am

Der Airbus A321 von Metrojet stürzte am 31. Oktober über dem Sinai ab. Bild: Reuters

Auf den russischen Fluggesellschaften lastet ein immenser Kostendruck. Die Wirtschaftskrise droht die Sicherheit noch zu verschlechtern.

          Der Absturz einer russischen Passagiermaschine auf der Sinai-Halbinsel am vergangenen Samstag gilt gemessen an der Opferzahl als das schwerste Unglück in der zivilen Luftfahrt des Landes. Alle 224 Flugzeuginsassen des Airbus A321 waren ums Leben gekommen, als der Charter-Ferienflieger auf dem Weg von Scharm El-Scheich nach St. Petersburg in der Luft auseinanderbrach. Während nach der Unfallursache geforscht wird, ließ am Montag die Meldung der russischen Behörden aufhorchen, die Angestellten der westsibirischen Fluggesellschaft Kogalymavia hätten seit zwei Monaten keine Gehälter erhalten. Das ist wenig überraschend, denn die wirtschaftliche Lage russischer Airlines hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren dramatisch verschlechtert. Das weckt Befürchtungen, die Fluggesellschaften könnten an der Sicherheit sparen.

          Die Sicherheit russischer Airlines ist im internationalen Vergleich verbesserungswürdig, allerdings nicht durchweg. Die größeren Anbieter, allen voran die staatliche Marktführerin Aeroflot, fliegen mit jüngerem westlichem Gerät. Sie lassen dieses auch von ausländischen Anbietern warten, Aeroflot beispielsweise von Lufthansa Technik. Jedoch haben in Russland nach offiziellen Angaben rund 250 Gesellschaften eine Fluglizenz. Nicht selten handelt es sich um kleine regionale Einheiten, die sich in den russischen Teilrepubliken nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der kommunistischen Konkursmasse formten. Die kleinen Gesellschaften haben zwar inzwischen auch Flugzeuge vom Typ Airbus und Boeing angeschafft, aber oftmals ältere, gebrauchte Maschinen, die besonders eine konstante Wartung erfordern.

          Viele der kleinen Airlines operieren nur innerhalb Russlands und unterliegen keinen westlichen Sicherheitsüberprüfungen. Wie stark das Gefälle in der Branche ist, zeigt die Tatsache, dass Kogalymavia mit ehemals nur neun Maschinen gemessen an den Passagierzahlen schon zu den zwanzig größten Airlines des Landes gehört. Das Durchschnittsalter russischer Flugzeuge beträgt 21 Jahre, jenes der Unglücksmaschine von Kogalymavia 18 Jahre. In den vergangenen Jahren war es bei der Gesellschaft mehrmals zu Zwischenfällen gekommen.

          Sicherheitsregeln sind für kleine Airlines zu teuer

          Die reine Charterfluggesellschaft Kogalymavia erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 7,9 Milliarden Rubel (112 Millionen Euro) und zog daraus offiziell einen Gewinn von gerade einmal 2,4 Millionen Rubel (34.000 Euro). Von 2012 bis August 2014 bot sie Charterflüge im Auftrag von TUI an, bis der Großkunde den Vertrag kündigte und neu an Orenair vergab, eine Tochter der Aeroflot mit Sitz in Orenburg. Seither dürfte sich die Geschäftslage mit dem Rubel-Verfall und der Wirtschaftskrise weiter verschlechtert haben. Nicht nur müssen russische Fluggesellschaften das Kerosin in Dollar bezahlen, sondern auch die zumeist geleasten Airbus- und Boeing-Flugzeuge. Gleichzeitig ist der Verkehr auf Auslandsrouten eingebrochen, weil viele Russen aus Kostengründen lieber im eigenen Land Urlaub machen.

          In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres war Kogalymavias Passagierzahl um über 30 Prozent auf 780.000 Fluggäste gesunken. Branchenweit blieb die Zahl der Passagiere etwa konstant – wobei jene auf Auslandsflügen um 14 Prozent zurückging und jene im Inland um 16 Prozent stieg. Da Inlandsflüge weniger lukrativ sind als jene zu Zielen außerhalb Russlands, ist damit das Umfeld für die Airlines überproportional härter geworden. Selbst Marktführerin Aeroflot, die deutlich expandierte, schreibt Verluste. Die ehemalige Nummer Zwei der Branche, Transaero, steht vor dem Bankrott und hat den Flugbetrieb eingestellt. Schon im Sommer 2014 hatte der Rubel-Verfall eine Reihe von Reiseagenturen in den Konkurs geschickt.

          Der wirtschaftliche Überlebenskampf setzt Fragezeichen hinter die Bereitschaft gerade kleinerer Airlines, sich an alle Sicherheitsregeln zu halten. Hinzu kommen Berichte über Versuche, sich mittels Schmiergeld den Überprüfungen zu entziehen, sowie über Defizite bei der Ausbildung russischer Piloten. Lange Zeit war es ausländischen Piloten sogar verboten, bei einer russischen Fluggesellschaft anzuheuern. Mangels qualifizierten Personals wurde das Gesetz im Jahr 2014 gekippt. Dass all diese bekannten Missstände erst dann zum Thema werden, wenn sich ein Unglück ereignet, wirft zudem ein schlechtes Licht auf die staatliche Regulierung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU. Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.