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Flugverkehr : Himmlische Tricksereien

Wer kann, lässt die älteren Kerosinfresser am Boden Bild: REUTERS

Seit Jahresbeginn sind rund um die Erde 24 Fluggesellschaften zusammengebrochen, ein trauriger Rekord. Die Luftfahrtbranche kämpft angesichts rasch steigender Treibstoffpreise um Konsolidierung. Die Spreu trennt sich langsam vom Weizen.

          Weißwürste unterm Tropenhimmel, Cocktails gerührt oder geschüttelt von den eigens eingeflogenen Barmixern des Schumann's aus Münchens Maximilianstraße: Die Deutsche Lufthansa lud ihre Vielflieger vergangene Woche ein, die wieder aufgenommene Strecke zwischen München und Singapur zu feiern. Das Fest auf der Äquatorinsel war mehr als ein Dankeschön an treue Kunden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Konkurrenz dürfte es als Kampfansage verstanden haben. Denn während die Deutschen den Verkehr nach Asien ausbauen, streichen immer mehr der dortigen Fluggesellschaften Strecken, verkaufen Maschinen und kämpfen gegen steigende Kosten. Die australische Qantas Airways reagierte in der Region als Erste auf die Rekordpreise für Treibstoff. Ihr folgten Dutzende Fluggesellschaften, die höhere Zuschläge und ein Ausdünnen des Streckennetzes ankündigten.

          Global zwei Dutzend Fluggesellschaften pleite

          Air New Zealand lässt Maschinen am Boden, weil das günstiger ist, als sie für viel Geld in die Luft zu bringen. Koreas Asiana streicht sechs Flüge nach China. Auch Thai Airways, Eva Air und China Airlines warnten vor einem Einbruch des Geschäftes. Für Thai, Garuda aus Indonesien und Philippine Airlines rechnen Analysten mit wachsenden Verlusten in diesem Jahr. Jet Airways, führende Privatlinie Indiens, hat gerade ihre internationale Expansion unterbrochen. Treibstoff macht 45 Prozent ihrer Kosten aus, und sein Preis ist in Jahresfrist um 90 Prozent gestiegen.

          Kampfansage der Luftthansa: Wiedereröffnung der Strecke München-Singapur

          Seit Jahresbeginn sind rund um die Erde 24 Fluggesellschaften zusammengebrochen, ein trauriger Rekord. Unter ihnen war auch der Hongkonger Billig-Langstreckenanbieter Oasis. Der Branchenverband Iata schätzte jüngst, weltweit werde die Luftfahrtindustrie in diesem Jahr zwischen 2,3 und 6,1 Milliarden Dollar Verlust einfliegen. Selbst der Hoffnungsmarkt China ist im Mai erstmals seit Ausbruch der Lungenseuche Sars 2003 wieder eingebrochen: Nach einem Zuwachs von 20 Prozent noch im Frühjahr schrumpfte er nun im Jahresvergleich um 10 Prozent.

          Die Spreu trennt sich vom Weizen

          „Air China treffen die Visa-Beschränkungen vor der Olympiade, das schlechte Wetter und das Erdbeben genau zu einer Zeit, in der die Treibstoffpreise steigen und steigen“, warnen die Analysten vom Centre for Asia Pacific Aviation in Sydney am Dienstag. Allerdings ist es nicht so, dass alle leiden: Eher trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Um zum Weizen zu zählen, drehen alle asiatischen Linien immer schneller an der Kostenschraube. Bis zu 15 Prozent der Strecken haben die Asiaten in den vergangenen Wochen gestrichen.

          „Die steigenden Treibstoffpreise bedeuten, dass wir noch genauer hinsehen, auf welchen Routen wir unsere Ressourcen einsetzen“, sagt Stephen Forshaw, Sprechen von Singapore Airlines. Die Folge: Die Singapurer Staatslinie streicht ihre Flüge zwischen Taipeh und Los Angeles oder Bangkok und Osaka, stockt aber die Kapazitäten nach Australien, China, Indien, Vietnam und Europa auf. Ähnlich Singapore Airlines' Lieblingswettbewerber Qantas. Erst strichen die Australier so kräftig in ihrem nationalen Netz, dass die Tourismusbehörden der Bundesländer schon vor schwindenden Gästezahlen warnten. Dann nahmen sie sich den internationalen Markt vor.

          Kleinere Flugzeuge, teure Businessflüge

          Besonders auf den Strecken nach Japan und in einige Standorte Südostasiens setzten sie das Messer an. „Bei den derzeitigen Kerosinpreisen würde unser Haus mehr als 100 Millionen australische Dollar im Jahr verlieren, würden wir Japan so wie bisher bedienen“, warnte Geoff Dixon, der Vorstandsvorsitzende von Qantas Airways Ltd.

          Angesichts der dunklen Wolken greifen Asiens Fluglinien tief in die Trickkiste, die sie in vorangegangenen Krisenzeiten mit Ideen und Kniffen zum Kostensparen gefüllt haben. Qantas etwa übernimmt einige der kleineren und damit effektiveren Airbus A 330 von ihrer Tochtergesellschaft Jetstar und ersetzt damit eigene, größere Flugzeuge. Singapore Airlines setzt für ihren Flug nach New York einen Airbus A 340 ein, der ausschließlich mit der - wesentlich teureren - Business Class ausgestattet ist. Trotzdem ist der Flug regelmäßig nahezu ausgebucht.

          Konzentration auf gewinnbringende Routen

          Alle Fluggesellschaften schmieden Pläne, über die Preisgestaltung die Auslastung der Maschinen noch besser zu nutzen. Billigflieger berechnen nun jedes Kilo Gepäck einzeln. So könnte das in Asien gerade erst angebrochene Zeitalter der Billigflüge bald wieder vorbei sein. Denn im gleichen Maße, wie die Einkommen in Asien steigen, werde auch die Akzeptanz höherer Preise zunehmen, hofft die Branche. „Fliegen ist das Lebenselixier der Weltwirtschaft. Dutzende von Millionen von Menschen in den Schwellenländern steigen täglich aus der Armut in die Mittelschicht auf. Dies sind die Menschen, die das Wachstum des Luftverkehrs vorantreiben“, sagt Steve Udvar-Hazy, Vorsitzender Chairman and CEO der International Lease Finance Corp., des größten Flugzeugfinanziers der Welt.

          Die drohende Krise zwingt, alles auf gewinnbringende Strecken zu setzen, um damit trotz hoher Kosten noch eine ansehnliche Rendite auszuweisen. Ein Kapazitätsabbau ist - bislang - nicht auszumachen: Boten die Singapurer im vergangenen Jahr noch 698 Flüge pro Woche an, sind es in diesem Jahr schon 754. Der Leidtragende der Konzentration auf die gewinnbringenden Routen aber ist derjenige Fluggast, der ausgefallenere Wege fliegen muss. Wer kann, lässt die älteren Kerosinfresser am Boden, während neue energiesparendere Flugzeuge noch besser so lange wie möglich geflogen werden.

          Dieses Verhalten ist ein Hinweise darauf, dass der neuerliche Druck auf die Branche so schlecht für die Hersteller - noch - nicht sein muss: Denn immer wichtiger wird es, eine veraltete Flotte zu ersetzen. So sind bislang auch noch keine lauten Warnsignale von Airbus oder Boeing zu hören.

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