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Flugunternehmen : Lufthansa vor einer Zäsur

  • -Aktualisiert am

Lufthansa-Langstreckenflug am Flughafen Frankfurt Bild: dpa

Lufthansa steht unter Druck: Billigfluganbieter hierzulande, Konkurrenz vom Persischen Golf. Die Kooperation mit staatlich geförderten Rivalen ist längst kein Tabu mehr - Favoriten gibt es auch schon.

          Wenige Wochen nach dem Germanwings-Unglück ist von Normalität im Lufthansa-Konzern noch nichts zu spüren. Moral und Selbstbewusstsein der Lufthanseaten, die lange Zeit stolz auf Sicherheit und Qualität im Passagiergeschäft waren, haben gelitten. Immer mehr Mitarbeiter schöpfen jedoch Zuversicht aus dem Umstand, dass sich ihre Führung gerade in schweren Zeiten bewährt. Konzernchef Carsten Spohr ist es bislang gelungen, sein Mitgefühl für die Angehörigen der 150 Toten mit einem Appell an die Geschlossenheit im Konzern zu verknüpfen.

          Das neue „Wir-Gefühl“ in der Belegschaft verschafft Rückenwind für die Hauptversammlung am Mittwoch. Auch auf dem Aktionärstreffen in Hamburg muss Spohr ein Spagat zwischen würdevoller Trauer und behutsamer Rückkehr in den Alltag eines Unternehmens gelingen, das mitten im Umbau und in heftigen wirtschaftlichen Turbulenzen steckt.

          Frische Energie ist in dem seit einem Jahr schwelenden Tarifkonflikt gefragt. Der erbitterte Streit über die Frührente und den strategischen Schwenk zum Billigkonzept hat in den vergangenen Monaten zu exzessiven Arbeitskämpfen der 5400 Lufthansa-Piloten geführt und einen Schaden von rund 300 Millionen Euro verursacht. Die Gräben zwischen dem Management und der Branchengewerkschaft Vereinigung Cockpit schienen bis zum 21. März unüberbrückbar. Doch unter dem Eindruck der Katastrophe von Germanwings, die sich kurz nach Streikende ereignete, habe sich der Blick auf die Konfliktthemen verändert, ließ die Vereinigung Cockpit nun wissen. Ob mit oder ohne Einsatz eines Vermittlers – die Bereitschaft zur friedlichen Einigung scheint endlich vorhanden.

          Ein Burgfrieden mit den Piloten ist überfällig. Denn der rasante Umbruch im Markt stellt Europas größte Fluggesellschaft vor ihre mit Abstand größte Herausforderung: Sie muss aggressiven Billigfluganbietern, die mit Hochdruck in den Heimatmarkt des Platzhirschs vordringen, ebenso die Stirn bieten wie den finanzstarken, staatlichen Wettbewerbern vom Persischen Golf und vom Bosporus.

          Billigflugsparte soll Zuwachsraten bringen

          Spohr will beiden Gruppen mit einem Billigkonzept kontern, in dessen Mittelpunkt der Aufbau der neuen Eurowings-Gruppe steht. Diese Plattform soll alle Billig- und Direktflüge in Europa sowie ausgewählte Langstrecken abseits von Frankfurt und München bündeln. Im Gegenzug beschränkt sich die Lufthansa künftig auf jene Fernrouten nach Nordamerika und Asien, die noch lukrativ sind und auch auf Dauer hohe Zuwachsraten versprechen.

          Gegen den Ausbau der Billigflugsparte liefen die Lufthansa-Piloten bislang Sturm. Verlagert sich der Schwerpunkt der Passagiersparte auf Eurowings, drohen der Muttergesellschaft der Bedeutungsverlust und ein Abbau interner Privilegien. Der Konzerntarifvertrag, der den Piloten stattliche Gehälter und eine komfortable Altersvorsorge garantiert, ist vor diesem Hintergrund ein Auslaufmodell.

          Die Personalkosten von Eurowings müssen um bis zu 40 Prozent unter dem Niveau der Muttergesellschaft liegen, um mit den Preisbrechern mitzuhalten. Die Zeit drängt. Easyjet und Ryanair wollen ihre Flotten in Kürze jeweils um mehrere hundert Flugzeuge aufstocken. Der Bestand von 60 Passagierflugzeugen, über den Eurowings gegenwärtig verfügt, erscheint im Vergleich zu dieser Übermacht völlig unzureichend.

          Strategisches Bündnis mit einem Rivalen?

          Eurowings ist zwar ein guter Auftakt, aber bis die Umbauten intern zu nachhaltigem Erfolg führen, verstreicht wertvolle Zeit. Immer dringlicher stellt sich für Spohr daher die Frage, ob ein strategisches Bündnis mit einem Rivalen aus der Golfregion oder der Türkei eine ernsthafte Option ist, um die überfällige Transformation des Konzerns zu beschleunigen.

          Solche Planspiele waren in Frankfurt lange tabu. Diverse Vorstandsvorsitzende von Lufthansa – aber auch von Air France oder British Airways (BA) – wetterten über Jahre gegen die ungezügelte Expansion staatlicher Fluggesellschaften wie Emirates, Etihad oder Qatar Airways. Mit Verweis auf direkte oder indirekte Hilfen ihrer Eigentümer sprachen sie stets von einer Verzerrung des Wettbewerbs und beschränkten ihrerseits den Zugang zu ihren Heimatflughäfen.

          Doch die starre Abwehrfront gegenüber der staatlich geförderten Konkurrenz bricht auf. Als Erste scherten BA und der mit ihr verbundene Partner Iberia aus, indem sie unlängst an ihrer Holdinggesellschaft eine Beteiligung von rund 10 Prozent durch Qatar Airways zuließen. Seit geraumer Zeit sondieren auch Air France eine Kooperation mit Etihad Airways, die sich vorerst auf die Abstimmung gemeinsamer Flugrouten erstreckt. Die Fluggesellschaft aus Abu Dhabi ist zudem seit Jahren Großaktionär beim Lufthansa-Rivalen Air Berlin.

          Favoriten für eine Partnerschaft mit der Lufthansa sind daher Emirates aus Dubai oder Turkish Airlines, die auch dem gemeinsamen Serviceverbund Star Alliance angehört. Doch zumindest von der Mentalität her fühlen sich die Lufthanseaten dem britisch-nüchtern geprägten Führungsstil von Emirates sehr verbunden. Feines Gespür zählt halt in diesen Tagen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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