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Fluglotsenstreik : Gefahr vorerst gebannt

Konzentrationsarbeit: eine Fluglotsin am Frankfurter Flughafen Bild: dapd

Die Gewerkschaft der Fluglotsen hat einen Streik endgültig beschlossen, doch ein Eiltermin mit dem Schlichter soll das Chaos an deutschen Flughäfen verhindern.

          Der Tarifkonflikt in der Deutschen Flugsicherung (DFS) wächst sich zu einem Nervenkrieg aus. Die für die Fluglotsen zuständige Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) bekräftigte am Montagabend ihre Absicht zu streiken, zeigte sich aber bereit, noch in dieser Woche ein weiteres Gespräch mit der Schlichtungskommission zu führen, um den seit Monaten schwelenden Streit beizulegen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gleichzeitig lehnte die GdF das jüngste Angebot der Arbeitgeber ab, das den Fluglotsen nach Angaben der DFS "substantielle Verbesserungen" ihres Tarifvertrages in Aussicht stellte. Das Management reagierte mit völligem Unverständnis auf den Beschluss der Gewerkschaft, stimmte aber dem Termin mit dem Schlichter zu. Damit ist die Gefahr eines kurzfristigen Streiks gebannt.

          Der Druck wächst

          Um den ersten bundesweiten Streik der Fluglotsen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu verhindern, hatten beide Lager über mehrere Monate direkt verhandelt - ohne Ergebnis. Schließlich scheiterte in den vergangenen Wochen auch ein von dem Münchner Arbeitsrechtsprofessor Volker Rieble geführtes Schlichtungsgremium, die Interessengegensätze von Management und Fluglotsen der DFS auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Während DFS-Geschäftsführer Jens Bergmann seit dem Aus am vergangenen Freitag weiterhin noch "Spielraum für konstruktive Verhandlungen" sieht, spricht die GdF von "verhärteten Fronten" und einem "vergifteten Klima für weitere Gespräche".

          Der Druck auf die Fluglotsen wächst nicht nur durch den ausbleibenden Erfolg in den Verhandlungen, sondern auch durch die Meinung der breiten Öffentlichkeit: In diversen Medien war bisweilen von einem "Luxusstreik" die Rede. Schließlich gelten die fast 2000 Männer und Frauen, die bei der DFS fast rund um die Uhr für die Flugsicherung im deutschen Luftverkehr sorgen, als eine privilegierte Berufsgruppe, die in der Regel auch ohne akademischen Abschluss über komfortable Konditionen und Arbeitsbedingungen verfügt.

          Fluglotsen verdienen, je nach Anzahl der Berufsjahre, zwischen 70.000 und 120.000 Euro im Jahr. Damit liegen sie - hinter ihren spanischen Kollegen - im europäischen Spitzenfeld. Im Vergleich zu anderen Ländern fällt das Arbeitspensum der deutschen Lotsen mit rund 10.000 Flugbewegungen je Tag allerdings deutlich höher aus als in Frankreich oder Spanien.

          Anspruchsvolle Forderungen

          Weil der Dauereinsatz am Bildschirm höchste Konzentration erfordert und die Verantwortung für Leib und Leben der Passagiere groß ist, beträgt die formale Arbeitszeit im Schichtbetrieb je nach Einsatzort zwischen 27 und 35 Stunden in der Woche. Fluglotsen ist es zudem freigestellt, mit 52 Jahren in Rente zu gehen. Ab 55 Jahren ist dieser Schritt Pflicht. Der vorzeitige Rückzug aufs Altenteil wird dabei zunächst mit 70 Prozent der letzten Bezüge vergütet. Erreicht der Pensionär das gesetzliche Rentenalter, winkt sogar eine Zusatzrente der DFS.

          Angesichts solcher Privilegien wirkt die Forderung der Gewerkschaft nach 6,5 Prozent mehr Gehalt zwar anspruchsvoll. Doch im laufenden Tarifkonflikt stehen vor allem die veränderten Arbeitsbedingungen der Lotsen ebenso zur Debatte wie der Umbau der DFS, die als bundeseigenes Unternehmen in Zukunft effizient wirtschaften muss, ohne dabei die Sicherheit im Luftverkehr zu gefährden.

          So resultiert der Zwang zu mehr Effizienz aus Vorgaben der Europäischen Kommission, die von 2012 an in Kraft treten. Nach dem Willen Brüssels müssen die Gebühren für die Flugsicherung dann um 3,5 Prozent sinken. Gleichzeitig legt die Kommission ab diesem Termin vier Kriterien verbindlich fest, anhand deren die Leistungsfähigkeit der nationalen Flugsicherungen in Europa gemessen wird: Sicherheit, Kapazität, Effizienz und Umweltverträglichkeit. Ziel dieser Aktion ist es, auf mittlere Sicht die einzelnen Landesgesellschaften künftig in ein zentrales Netz für die Flugsicherung im europäischen Luftraum (Single European Sky) einzubinden. Mit Blick auf die strammen Kostenziele sparte die DFS in den vergangenen Jahren bei der Verpflichtung von Nachwuchskräften. Der chronische Personalmangel wird durch Überstunden des bestehenden Personals ausgeglichen.

          In Europa vorn

          Gemessen am Jahresgehalt liegen die fast 2000 Lotsen der Deutschen Flugsicherung im Spitzenfeld Europas. Im Vergleich zu den Kollegen in Spanien oder Frankreich fällt deren Arbeitspensum jedoch mit bis zu 10 000 Flügen am Tag vergleichsweise üppig aus. Das Personal der DFS ist auf die Tower an 16 Flughäfen sowie auf die Kontrollzentren in Bremen, Karlsruhe und München verteilt. Zusammen mit Technikern und dem Personal in der Verwaltung hat die DFS insgesamt etwa 6000 Mitarbeiter unter Vertrag.

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