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„Floating Piers“ : Der Stoff für Christos See-Projekt

Gelbes Band: So sollen die „Floating Piers“ am Iseosee in Norditalien im Sommer aussehen. Zeichnung von Christo. Reproduktion André Grossmann. Bild: Christo / Wolfgang Volz / André Grossmann

Verpackungskünstler Christo will gelb-orange-farbene Stege über einen See in Italien bauen. Die Region hofft auf Touristen. Den Stoff liefert ein deutsches Textilunternehmen.

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          Im Sommer will Christo barfuß über einen See in Italien gehen. Für den Bulgaren ist es das erste Großprojekt nach „The Gates“ im New Yorker Central Park vor elf Jahren und zudem das erste ohne seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude. Ausgewählt hat er dafür den idyllisch gelegenen Iseosee in der Lombardei, den einst eiszeitliche Gletscher aus den Alpen geschliffen haben. Gelb schimmernde Fußgänger-Stege will Christo zwischen dem beschaulichen Ort Sulzano am Ufer des Sees und dem Inselberg „Monte Isola“ für sein Projekt „Floating Piers“ bauen. Für die Stege über den See werden 200.000 Würfel aus Kunststoff zu Schwimmbrücken verbunden, die mit gelbem Nylonstoff überspannt werden. Auch einige Straßen in Sulzano am Ufer und in Peschiera Maraglio auf der Insel werden mit Stoff drapiert. 16 Tage lang – vom 18. Juni bis zum 3. Juli – kann dann jeder, der mag, auf nackten Füßen über die drei Kilometer langen, im See wippenden Pontons spazieren.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die Region ist das ein großes Spektakel, denn meist steht der Iseosee etwas abseits der großen Touristenströme. Er ist der kleinste der vier großen oberitalienischen Alpenseen, die meisten Urlauber zieht es mehr an den Gardasee östlich oder den Comer See und den Lago Maggiore im Westen. Selbst viele Italiener kennen den See nicht. Im Süden des Sees ist Italiens Gummiindustrie zu Hause, rund 200 Firmen fertigen hier vor allem Dichtungen für die Auto- und Schiffsindustrie. Unter Weinkennern ist die Gegend für seine Franciacorta-Weine bekannt. Früher wurde gleich neben dem See auch Torf gestochen, heute können Hobby-Ornithologen an den früheren Torfgruben, die sich mit Wasser gefüllt haben, Vögel beobachten.

          Der geplante Fußgänger-Steg von der Monte Isola zur kleinen vorgelagerte Insel San Paolo, die der italienischen Waffenfabrikantendynastie Beretta gehört. Bilderstrecke

          Seit auch noch vor einigen Jahren die Schnellstraße auf der Anhöhe über Sulzano gebaut wurde, fährt der große Verkehr an den Orten des Ostufers vorbei. Das ist zwar schön für die Idylle, aber schlecht fürs Geschäft, klagen Hoteliers und Geschäftsleute in Sulzano. Sie hoffen, dass Christos Schwimmbrücken-Projekt im Sommer mehr Touristen an den See lockt und die Region aus dem Dornröschenschlaf erwacht.

          Monte Isola ist immerhin die größte bewohnte Insel in einem europäischen Binnengewässer. Autos sind hier verboten, die Bewohner allerdings dürfen Motorroller fahren, Touristen allenfalls Fahrrad oder Inselbus.

          Ganz oben auf der Spitze der Insel thront eine kleine, Madonna geweihte Kirche. Die Insel war einst ein Zentrum der italienischen Netzweberei, fast alle Fischernetze kamen von hier, doch das ist lange vorbei. Wer derzeit durch die kleinen Inseldörfer Senzano und Cure vorbei an Olivenbäumen nach oben wandert, kann von dort schon in der Ferne die ersten Pontons für das Christo-Projekt im See schwimmen sehen. Denn in einer stillen Ecke des Sees haben Monteure die Würfel bereits zu langen Segmenten zusammengesetzt. Dort schwimmen sie jetzt zwischengelagert und warten darauf, mit dem gelb-orangefarbenen Stoff überspannt zu werden. Damit die Pontons später an den dafür vorgesehenen Stellen bleiben, setzen Taucher derzeit rund 160 Anker in den See.

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