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Flensburger Brauerei : Auf der Suche nach dem verlorenen Plopp

Welche ploppt nicht? Bislang haben zehn bis 15 Prozent der Flensburger-Flaschen ein Problem mit dem Markenzeichen Bild: Flensburger

Biertrinker lieben den Bügelverschluss. Doch manchmal bleibt der satt-dumpfe Laut beim Öffnen der Flasche aus. Das lässt der Flensburger Brauerei keine Ruhe.

          Es ist Donnerstag, 10 Uhr morgens. Nicht die richtige Zeit für ein erstes Bierchen – selbst dann nicht, wenn man im Haus der Flensburger Brauerei sitzt. Doch nach eineinhalb Stunden Gespräch über den deutschen Biermarkt im Allgemeinen und die Strategie einer norddeutschen Nischenmarke im Speziellen ist zumindest Zeit für ein alkoholfreies Pils. Oder besser gesagt: Es ist Zeit für die Probe aufs Exempel.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Drei eiskalte Exemplare stehen auf dem Tisch. Der Brauerei-Geschäftsführer Andreas Tembrockhaus und sein Marketingdirektor Ulrich Beuth öffnen routiniert ihre Flaschen und werden mit einem satten „Plopp“ belohnt. Zufrieden blicken sie ihren Gast an, der nun seinerseits die beiden Daumen an den Bügelverschluss legt und ihn aufdrückt. Entsetzen in den Augen der Gastgeber: Der Drahtbügel hat sich geöffnet, ja, aber der mit einer Gummidichtung versehene Porzellankopf klebt wie Pattex auf der Flaschenöffnung. Beim manuellen Lupfen des Verschlusses entweicht ein mauer Zischlaut. Plopp? Fehlanzeige.

          Das ist der klassische Vorführeffekt. Und doch spiegelt er ein Phänomen, das die Anbieter von Bieren mit Bügelverschluss quält. Denn diese Kappen sind einfach nicht so zuverlässig wie Kronenkorken. Das ist für eine Brauerei, die den Plopp zu einem wichtigen Teil ihrer Werbebotschaft gemacht hat, ein Problem. Zumal der Kunde manchmal nicht nur auf diesen schönen satt-dumpfen Öffnungslaut verzichten muss. Zuweilen hat er auch noch ein schales Bier in der Hand, weil die Dichtung eben nicht dicht genug war. Das ist das Schlimmste.

          Absatzprobleme? Flensburger rührt den eigenen Geschmack nicht an

          Daher hat die Flensburger Brauerei einen neuen Bügelverschluss entwickelt. Optisch ist er für Laien kaum von dem alten zu unterscheiden. Das Porzellanhütchen ist flacher geschnitten und soll so den Bügeldruck gleichmäßiger auf Dichtungsring und Flaschenkopf verteilen. Früher, sagt Tembrockhaus, hätten 10 bis 15 Prozent der Flaschen nicht geploppt. Mit dem neuen Verschluss schrumpfe diese Quote auf 1 bis 2 Prozent.

          Allerdings muss der Flens-Trinker wohl noch eine Weile mit schlechteren Quoten leben. „Es wird noch Jahre dauern, bis alle Flaschen den neuen Bügelverschluss tragen“, sagt Tembrockhaus mit Blick auf die insgesamt mehr als 40 Millionen Flaschen, die im Umlauf sind und eben nur schrittweise auf die verbesserte Schließart umgestellt werden.

          Dreimal teurer als Kronkorken

          Der Bügelverschluss beschert den Flensburgern noch andere Probleme. Die Technik verteuert die Produktion, die Flasche mit Bügel ist dreimal so teuer wie die mit Kronkorken. Auf den Abfüllanlagen am Munketoft in Flensburg, wo die Brauerei seit 1888 steht und aus 250 Metern Tiefe skandinavisches Gletscherwasser nach oben pumpt, müssen die Bügelverschlussflaschen immer erst in Position gedreht werden. Auch die Reinigung ist aufwendiger. Wenn zum Beispiel Zigarettenkippen in der Flasche gefunden werden, muss der Verschluss ausgetauscht werden, weil das Dichtungsgummi Tabakaroma aufgenommen haben könnte.

          Trotzdem bleibt Andreas Tembrockhaus der Bügelbuddel treu. „Wir könnten viel Geld sparen mit Kronkorken“, räumt er ein. „Aber das ist für uns kein Thema.“ Der Bügelverschluss gehöre zum Markenkern. „Wenn es ploppt, denken alle, es ist ein Flens. Wir werden als das Original wahrgenommen. Dabei hatten in den fünfziger Jahren fast alle Bierflaschen einen Bügelverschluss.“

          Absatzsteigerung dank Bock

          Weil die Flensburger höhere Produktionskosten und wegen der Randlage im Norden der Republik auch höhere Logistikkosten zu schultern haben, versuchen sie ihr Bier möglichst teuer zu verkaufen. Anders als viele Wettbewerber halten sie sich von sogenannten Aktionspreisen möglichst fern. Geht das gut? „Ein echter Flens-Fan schaut nicht auf den Preis“, sagt Marketingchef Beuth. Trotzdem ist der Absatz der Brauerei im vergangenen Jahr um 3 Prozent auf 500.000 Hektoliter gefallen. Analog dazu sank der Umsatz auf 50 Millionen Euro.

          Tembrockhaus betont, dass man sich proportional zum Gesamtmarkt entwickelt habe, der 2010 ganz besonders unter schlechtem Wetter gelitten habe. Das Ergebnis des Unternehmens, das von der alten Flensburger Kaufmannsfamilie Dethleffsen kontrolliert wird, sei „noch ganz ordentlich“ gewesen. Die notwendigen Kostensenkungen hätten nicht die 160 Mann starke Belegschaft betroffen. Und dank der Einführung eines neuen Bockbiers sei der Absatz im ersten Halbjahr 2010 um 2 Prozent gestiegen.

          Bitter bleibt bestehen

          Bei der Entwicklung neuer Biersorten stoßen die Flensburger an Grenzen, weil die Marke nun mal vor allem für ihr Pils bekannt ist, das drei Viertel des Absatzes trägt. „Biermixgetränke passen nur bedingt zur Marke Flensburger“, sagt Tembrockhaus. Auch aus dem Weizenbier aus Flensburg, das man direkt aus der Flasche trinken kann, wurde kein Verkaufsschlager. Im nördlichen Schleswig-Holstein haben die Flensburger nach eigenen Angaben einen Marktanteil von rund 13 Prozent. Doch je weiter es Richtung Süden geht, desto schwieriger ist es für die Nordlichter, Fuß zu fassen.

          Das liegt auch an der starken Bitternote des Biers, die nicht jedem gefällt. Aber das lässt die stolzen Flensburger kalt. „Andere Brauer haben die Bittereinheiten in ihren Bieren über die Jahre verringert“, sagt Beuth. „Diese Annäherung an den Massengeschmack haben wir nie mitgemacht.“

          Weil es sehr schwierig ist, im hart umkämpften deutschen Biermarkt zu wachsen, sucht die Brauerei ihr Heil nun verstärkt im Ausland. „Wir wollen den Exportanteil in den nächsten fünf bis sieben Jahren auf 10 Prozent verdoppeln“, sagt Geschäftsführer Tembrockhaus. In Italien, Osteuropa und Asien sieht er die größten Chancen. Ein chinesischer Geschäftsmann baue in China gerade eine Restaurantkette namens „Flensburger Club“ auf, natürlich gebe es dort Flens. Für die einheimischen Gäste sei das Bier in Bügelflaschen eine Attraktion, sagt Tembrockhaus. „Die Chinesen haben großen Spaß daran, gemeinsam zu ploppen.“

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