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Vegetarismus : Fleischkonzerne entdecken ihr Herz für Vegetarier

Würstchen, Schnitzel und Burger vegetarischer Art Bild: Frank Röth

Ausgerechnet die Fleischunternehmen setzen plötzlich aufs vegetarische Schnitzel. Die schnelle Wende im Supermarkt kommt von den Fleischkonzernen selbst - sie erkennen damit auch den gesellschaftlichen Trend an.

          Fleischunternehmer gelten nicht als sensibelste Gemüter. Man nennt sie hemdsärmlig und – was nichts mit der Wurst zu tun hat – „abgebrüht“; es sind Handschlagtypen mit einer ausgeprägten Affinität zum Klüngel. Diese Männer aus Südoldenburg, Westfalen oder Franken fühlen sich am wohlsten auf Fußballplätzen und halten sich fern von politischen und gesellschaftlichen Avantgarden. Als kürzlich, so war zu hören, einige dieser Fleischfabrikanten über den gesellschaftlichen Trend zum Vegetarismus sprachen, dominierte die übliche Abwehrhaltung, doch einer soll gesagt haben: „Und was ist, wenn wir diesmal nicht recht haben?“

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Recht und Unrecht bezieht sich auf die Frage, ob mittelfristig Fleisch die wichtigste Proteinquelle für die Menschen bleiben wird. Vieles spricht dagegen. Etwa die wachsende Tierliebe im deutschen Mikrokosmos – und denkt man an die Welt, an knappe Flächen und wachsenden Hunger, dürften Insekten, Soja und Zellen aus dem Reagenzglas an Bedeutung gewinnen. So stand es kürzlich auch in der Zukunftsstudie, die der Konzern Nestlé mit Blick auf das Jahr 2013 vorgestellt hatte. Insekten verwerten Futter besser als Säugetiere. In Amerika mästen Investoren wie Bill Gates Unternehmen wie Hampton Creek, das Eiweiß vom Hühnerei durch solches aus der Erbse ersetzt. Da gibt es Mayonnaise auf Basis von Rapsöl und Erbsenextrakt. Hühnerausbeutung nicht mehr nötig.

          Mehr Umsatz mit vegetarischer Wurst

          Das länger bekannte, doch eher akademisch und politisch diskutierte Zukunftsthema vegetarischer Ernährung scheint plötzlich mit Wucht im deutschen Supermarkt Niederschlag zu finden. Angetrieben ironischerweise von den Fleischkonzernen. Innerhalb weniger Wochen verkündete der Verarbeiter Rügenwalder Mühle, er wolle im kommenden Jahr mit vegetarischer Wurst und Fleischersatz ein Drittel seines Umsatzes erwirtschaften. 15 Prozent seien es schon, dabei gibt es die Veggie-Produkte erst seit wenigen Monaten. Im Mai kommt ein Schnitzel auf Milch- und Sojabasis hinzu. PHW (Wiesenhof) gab im März bekannt, mit vegetarischen Chicken-Sticks für Kantinen den Markt zu betreten. Und nun berichtete die „Lebensmittel Zeitung“, der Inhaber des größten Schlachtkonzerns, Clemens Tönnies, investiere groß im vegetarischen Segment.

          Zur Messe Anuga im Herbst wolle Tönnies eine Marke mit dem Namen Tillmans vorstellen, die im Imperium seiner im Privatbesitz befindlichen Holding Zur Mühlen (Nölke, Gutfried) angesiedelt werde. Schon heute bietet Gutfried vegetarische Fleischwurst an oder fleischfreie Mortadellawurst. Und der Möbelkonzern Ikea hat nun vegetarische „Köttbullar“.

          All dies täten Fleischunternehmer nicht, nur weil sie im utopischen Salon freundlich darum gebeten werden, und selbst die von Tierrechts-Philosophien motivierten Aktivisten, die seit Jahren vor den Werkstoren „Mörder!“ rufen, waren dazu nicht imstande. Das Geld motiviert. Als Hauptgrund gilt in der Branche, dass die Nachfrage nun wirklich sprunghaft steigt – und dass die Margen in diesem Segment enorm sind. Die Preise orientieren sich an denen für Fleisch, die Kosten sind geringer. Und sinken relativ, je größer die Produktionsmenge ist. Allerdings dürfte das Margenparadies schwinden, je mehr Konkurrenten den Markt betreten.

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