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Vegetarismus : Fleischkonzerne entdecken ihr Herz für Vegetarier

  • -Aktualisiert am

Jeder zweite Deutsche wird Fleischkonsum reduzieren

Doch der Markt ist diffus, und längst nicht jeder Verbraucher schwimmt mit in der Veggie-Welle. Die Medien sind voll vom fleischfreien Essen, doch höchstens jeder zehnte Deutsche ernährt sich vegetarisch, geht aus den Umfragen des Vegetarierbundes hervor. Aber Marktforschungen von Forsa zeigen, dass jeder Zweite seinen Fleischkonsum künftig reduzieren wolle. Denn unschöne Bilder aus Tierställen sind in den Medien allgegenwärtig, und das Verhältnis vieler Leute zum Tier ändert sich dahingehend, dass es als ein fühlendes, lustorientiertes Wesen wahrgenommen wird, so dass die Grenze zwischen Haus- und Nutztier für zweifelhaft gehalten wird und eine vegetarische Ernährung mit gutem Sonntagsbraten als Ideal genannt wird. Doch andererseits zeigt der nüchterne Blick auf den Markt, bleibt der Fleischverbrauch seit Jahren konstant. Es gibt also beides, den Trend zum Vegetarismus und konstante Nachfrage nach Fleisch. Die Daten zeigen nur minimale Rückgänge des Schweinefleischkonsums an. Und die Schlachtungen erreichten im vergangenen Jahr sogar einen Höchststand. Denn deutsche Schlachthäuser sind modern, die Arbeiter waren billig, es werden Tiere aus dem Ausland geschlachtet, der Export von Fleisch ist konstant hoch. Der Export ins fleischhungrigere Südeuropa nimmt nicht ab.

In dieser Gemengelage tun die Fleischunternehmer, was man von einem Fleischunternehmer erwarten kann: Sie bedienen beide Märkte, den für Fleisch und den für Fleischersatz. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend, mit der sie nun verkünden, Schnitzel, Würstchen oder Streichwurst auf Basis von Milchfasern und Soja auf den Markt zu bringen. Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Tofuwürstchen und Sojaleberkäse; Aldis Lieferant „Ponnath“ („der Metzgermeister“) gründete die Marke „Veggie Gourmet“. Von jährlich zweistelligem Umsatzplus berichten auch der Molkereikonzern Campina, der vor mehr als drei Jahren als vielleicht Erster mit Schnitzeln auf Milchbasis in Erscheinung trat („Valess“) oder auch Nestlé („Garten Gourmet“). Der so definierte Markt für vegetarisches Essen im Einzelhandel, wenn auch schwierig abzugrenzen, wuchs laut den Marktforschern von Nielsen 2014 um ein Viertel auf 289 Millionen Euro Umsatz.

Ironischerweise könnte es nun so kommen, dass die finanzstarken Fleischkonzerne einen Markt einnehmen, der ihr Geschäftsmodell zu gefährden schien und scheint. Wegen ihrer logistischen Vorteile und des Beziehungsgeflechts zum Lebensmittelhandel haben sie Vorteile im Wettbewerb mit den oft kleinen, neu gegründeten Unternehmen, die etwa vegane Lebensmittel herstellen, die Fleisch- und Wurstprodukte imitieren. Da gibt es Weißwürste, Blutwurst und den ganzen Truthahn. Warum die Veganer nicht einfach Tofu essen, erklärt sich psychologisch. Denn auch wenn sie sich als Avantgarde begreifen, sind die meisten Menschen konservative Esser. Sie greifen ein Leben lang zu tradierten Gerichten, die sie aus der Kindheit kennen. Deswegen müsste das Insekten- oder Milchprotein der Zukunft auf ewig so aussehen wie das Schweineschnitzel.

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