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Ernährung & Nachhaltigkeit : Wie lange wird für Fleisch noch getötet?

  • -Aktualisiert am

Bluu Seafood will in wenigen Jahren kultivierten Fisch auf den Markt bringen. Bild: dpa

Die Massentierhaltung wird heftig kritisiert. Viele Unternehmen versuchen sich daher an Fleischersatzprodukten – oder ist Fleisch aus dem Bioreaktor die Lösung?

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          Die Ursprünge des Homo Sapiens liegen sechs Millionen Jahre zurück. Seither gab es Schätzungen zufolge rund 100 Milliarden Menschen, die jemals gelebt haben.

          Genauso viele Tiere werden geschlachtet. Jedoch nicht in einem Zeitraum von sechs Millionen, sondern anderthalb Jahren. Tendenz global steigend. Der Schaden an Ethik und Umwelt ist riesig. Jede fünfte Tonne Treibhausgas entfällt auf die Tierhaltung.

          Nun gibt es zwei Lösungen: entweder den Konsum tierischer Produkte einstellen oder ihn nachhaltiger und ethisch vertretbarer machen. Erstere Option erfreut sich zwar in Deutschland langsam steigender Beliebtheit: Mittlerweile geben über 1,5 Millionen Deutsche an, vegan zu leben, fast acht Millionen zumindest vegetarisch. Global betrachtet ist eine Welt ohne Tierhaltung jedoch realitätsferne Utopie.

          Bleibt nur die zweite Option: den Konsum nachhaltiger machen. Seit Jahren gibt es Imitate aus Soja- und Erbsenproteinen. Das Hamburger Start-up Mushlabs arbeitet sogar mit dem Grenzgänger zwischen Tier- und Pflanzenwelt. „Die meisten Fleischersatzprodukte werden auf Pflanzenbasis hergestellt, wir setzen dagegen auf Pilze“, sagte ihr Entwicklungschef Thibault Godard im Gespräch mit der F.A.Z. im Juni. Genauer gesagt hat es Mushlabs gar nicht auf den Fruchtkörper abgesehen, sondern auf dessen Wurzel, das Myzel. Damit das Unternehmen die Idee weiterentwickeln kann, hat die EU das Start-up im Juni mit über zehn Millionen Euro unterstützt.

          Echtes Schnitzel ohne Schlachtung

          Nicht nur die Hamburger Myzelmischer erfreuen sich großzügiger Investitionen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Schweizer Beratungsunternehmen BV4 kommt zum Schluss, dass das weltweit investierte Kapital in Unternehmen, die an pflanzenbasiertem Fleischersatz arbeiten, rasant wächst. Flossen vor zehn Jahren weltweit nur kleine zweistellige Millionenbeträge in die Branche, waren es im vergangenen Jahr fast 2 Milliarden Dollar. Für das aktuelle Jahrzehnt gehen die Forscher von einem jährlichen Marktwachstum von 19,3 Prozent im Jahr aus. Das Marktvolumen würde sich damit alle drei bis vier Jahre verdoppeln.

          Wer deshalb direkt an den unaufhaltsamen Siegeszug des Veggie-Würstchens glaubt, irrt jedoch. Obwohl der Fleischersatzmarkt rasant wächst, „handelt es sich insgesamt um eine Evolution statt einer Revolution“, sagt Dorian Ebneter, Autor der BV4-Studie. Die Wurst aus Fleisch und Blut wird wahrscheinlich noch lange die Kühlregale dominieren.

          Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass die Weltbevölkerung bis 2060 die 10-Milliarden-Marke überschreitet. „Die Massentierhaltung mit ihrem enormen Ressourcen- und Flächenbedarf wird diese Menschenmenge nicht versorgen können“, ist Bernd Böck überzeugt. Er arbeitet für Alife Foods. Das Unternehmen gehört zum kleinen Kreis der deutschen Firmen, die an kultiviertem Fleisch forschen. In Leipzig tüftelt er daran, wie echtes Schnitzel auf dem Teller landen kann, ohne dafür ein Schwein schlachten zu müssen.

          Dafür werden dem Tier Stammzellen entnommen, die dann in einer Nährlösung heranwachsen. Alles, ohne ein Bewusstsein – und damit ein Leidempfinden – zu entwickeln. Schon in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts imaginierte Winston Churchill dieses Geschäftsmodell. „Wir werden der Absurdität entgehen, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder den Flügel zu essen, indem wir diese Teile separat in einem geeigneten Medium züchten“, sagte der damalige Abgeordnete im House of Commons.

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