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Flaggen-Streit in Amerika : Darum verkauft Nike diesen Schuh nicht mehr

Das umstrittene Nike-Modell „Air Max1 USA Fourth of July“ Bild: Nike

Der Sportartikelhersteller fühlt sich nach heftiger Kritik gezwungen, ein Schuh-Modell vom Markt zu nehmen, das die umstrittene Betsy-Ross-Flagge zeigt. Auf Auktionsplattformen werden die Treter jetzt teuer gehandelt.

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          Der Sportschuhhersteller Nike hat Ärger mit einem Schuh und dessen patriotisch anmutendem Aussehen. Der fragliche Schuh trägt auf der Hacke eine besondere amerikanische Flagge mit 13 statt 50 Sternen, die die ursprünglichen amerikanischen Kolonien symbolisieren. Nike wollte den Schuh jetzt anlässlich des Nationalfeiertags am 4. Juli auf den Markt bringen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Doch der vom Quarterback (Spieler im American Football) zum Politaktivisten avancierte Colin Kaerpernick hat offenbar gegen den Schuh und vor allem die Flagge Vorbehalte. Nike solle den Schuh nicht verkaufen, weil er und andere die Flagge als anstößig empfänden. Sie sei mit der Zeit der Sklaverei verbunden. Das berichtet das „Wall Street Journal“. Einige rechtsextreme Gruppen hatten die Flagge offenbar benutzt.

          Nike bestätigte nur, dass es den Schuh nun nicht verkaufen werde. Kaepernick gab bisher keine offizielle Stellungnahme ab. Einige Einzelhandelsgeschäfte hatte von Nike die Aufforderung bekommen, die Sportschuhe mit dem Markennamen Air Max1 USA Fourth of July zurück zu senden.

          Deutliches Umsatzplus dank Kaepernick 

          Die Flagge ist mit einer für die amerikanische Staatsgründung wichtigen Legende verbunden. Als es die Vereinigten Staaten noch nicht gab, kam eine Näherin namens Betsy Ross zu für damalige Verhältnisse großer Berühmtheit. Die Tochter einer Quaker-Familie aus Philadelphia hatte 1776 nach einer Skizze, die George Washington ihr persönlich gegeben hatte, die erste Flagge der Vereinigten Staaten genäht. Soweit zumindest die Legende. Alle verzweifelten Versuche seriöser Historiker, die Geschichte mit handfesten Beweisen zu bestätigen, sind allerdings gescheitert. Gleichwohl hat ein Dessin überlebt, das den Namen Betsy Ross-Flagge trägt. Sie hat die roten und weißen Streifen, doch nur jene 13 Sterne für die ersten Kolonien.

          Kaepernick war bekannt geworden, als er als Quarterback der San Francisco 49er begann, vor dem Anpfiff der Spiele beim Abspielen der Nationalhymne zu knien. Er wollte mit dieser Geste gegen Ungleichheit und Rassismus protestieren. Präsident Donald Trump attackierte Kaepernick in öffentlichen Reden und Twitter-Botschaften als unpatriotisch und forderte die Eigentümer der Football-Liga auf, ihm keinen neuen Vertrag zu geben. Tatsächlich fand Kaepernick keinen Club der National Football League, der ihn anstellen wollte. Seine Klage gegen die Liga, dass er wegen seiner politischen Ansichten diskriminiert werde, endete in einem Vergleich. Nike ergriff die Chance und engagierte Kaepernick als Symbolfigur und Gesicht für eine große Werbekampagne.

          Die gegen Konservative gezielte Provokation hatte die gewünschte Aufmerksamkeit: Amerikaner, die sich als Patrioten bezeichneten, verbrannten in Protestaktionen ihre Nike-Schuhe und luden Videos der Zerstörung ihrer Konsumartikel in sozialen Netzwerken hoch. Geschadet hat die Kampagne aber offenbar nicht: Die Umsätze für die Nike-Marken-Artikel kletterten um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Nordamerika allein waren der Umsatz um acht Prozent gestiegen. Auch im Vorjahr hatte Nike schon ein deutliches Umsatzplus verzeichnet.

          Für 2500 Dollar verkauft

          Jetzt findet der Kulturkampf seine Fortsetzung: Der texanische Senator und Republikaner Ted Cruz verbreitete auf Twitter, es sei gut zu wissen, dass Nike Sportschuhe nur an Leute verkaufen wolle, die die amerikanische Flagge hassten. Andere verteidigen Nikes Entscheidung und zeigen auf Twitter Bilder von rechtsradikalen Gruppen, die sich um die Flagge postiert haben.

          Nikes Rückzug hat einen klassischen Nebeneffekt. Einige Schuhe sind doch in den Handel gekommen und werden jetzt auf der Auktionsplatform Stockx verkauft: Hier wurde ein Paar für 2500 Dollar verkauft, der Einzelhandelspreis lag bei rund 130 Dollar. Im Durchschnitt erlösten Verkäufer 520 Dollar mit dem Schuh.

          Konzerne wie Nike haben eine gewisse Erfahrung darin, Produkte vom Markt zu nehmen, wenn sie politische oder gesellschaftliche Sensibilitäten verletzen. Kürzlich hatte das Unternehmen den Verkauf von Sportartikeln in China gestoppt, die von einem Designer stammen, der die Proteste in Hongkong unterstützt hatte.

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