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Fitnesstracker & Co : Viele Gesundheits-Apps sind nicht zuverlässig

Gar nicht mal so unproblematisch: Fitness- und Gesundheitsapps ersetzen den Arzt, sind aber nicht risikofrei. Bild: dpa

Eine Untersuchung macht auf die Risiken der kleinen Programme aufmerksam. Hochwertige Apps sind wohl eher die Ausnahme.

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          Schritte zählen? Den Puls messen? Den Schlaf überwachen? Apps können längst mehr als das. Die kleinen Programme berechnen heute die Insulindosis für Diabetiker, sie warnen vor Herzinfarkten, sollen Depressionen frühzeitig erkennen und prüfen, ob es sich bei einem Leberfleck um Hautkrebs handelt. So machen sie das Smartphone zum Doktor. Aber halten sie auch, was sie versprechen?

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dieser Frage sind Wissenschaftler in einer umfassenden und vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Studie nachgegangen - der ersten dieser Art in Deutschland. Die Zahl der Angebote nimmt demnach rapide zu, mehr als 100 000 Apps sind derzeit für Nutzer in Deutschland verfügbar. Für Bürger, aber auch für Ärzte sei es jedoch „nicht einfach, zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden“, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) am Montag. Er forderte klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards. „Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Produkte, die einen wirklichen Nutzen für Patienten bringen, schnell in die Versorgung gelangen.“

          Auch die Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover und des Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik, die die Studie erstellt haben, beklagen einen „Wildwuchs“ am Markt. „Wir brauchen klare Orientierungshilfen“, sagte Studienleiter Urs-Vito Albrecht dieser Zeitung. Gesundheits-Apps böten großes Potential, etwa in der Versorgung chronisch Kranker sowie älterer und behinderter Menschen und in ländlichen Regionen. Allerdings gebe es zum Nutzen der Apps bislang wenig Evidenz. „Darüber müssen wir einen breiten Diskussionsprozess mit allen Schnittstellen führen, damit die Anwendungen in die Versorgung aufgenommen und von den Krankenkassen erstattet werden können“, sagte Albrecht.

          Niemand kontrolliert

          Neben den Chancen geht die Studie ausführlich auf die Risiken von Gesundheitsapps ein. Qualitativ hochwertige Gesundheitsapps, die valide Informationen böten sowie ihre Zweckbestimmung verlässlich und sicher erfüllten, seien „eher die Ausnahme als die Regel“, heißt es darin. Die Wissenschaftler weisen auf Untersuchungen zur Wirksamkeit von Apps hin, die Leberflecke auf bösartige Veränderungen überprüfen. Die Qualität der Anwendungen variierte demnach stark. Drei der vier getesteten Apps stuften in mindestens 30 Prozent der Fälle bösartige Melanome als unbedenklich ein. Eine zunächst noch mögliche Heilung könne durch den ausbleibenden Arztbesuch so erschwert oder verhindert werden, heißt es in der Studie. Auch könnten Apps zur Fehldosierung von Medikamenten etwa bei Diabetikern führen. Die Forscher schlagen deshalb vor, dass Hersteller schon bei der Entwicklung eines Programms die Risiken analysieren sollten. Jegliche Vorkommnisse sollten sie offen kommunizieren.

          Zugleich weisen sie aber darauf hin, dass die Abgrenzung von Apps sich auch für Hersteller in der Praxis oft als schwierig erweise. Denn schon jetzt gilt: Medizin-Apps, die der Diagnose, Therapie oder Prävention von Krankheiten dienen, müssen in Deutschland strenge Auflagen erfüllen. Ob es sich um eine Medizin-App handelt oder eher um eine Gesundheits-App, für die diese strengen Regeln nicht gelten, entscheidet allerdings jeder Hersteller selbst. Er kann so ohne behördliche Genehmigung Programme in die App Stores von Apple oder Google hochladen, ohne dass das jemand kontrolliert. Erst wenn sie auf dem Markt sind, können die Überwachungsbehörden des zuständigen Bundeslandes tätig werden. Aus Sicht der Forscher könnten verbindliche Verwaltungsvorschriften mit Abgrenzungskriterien und Beispielen hilfreich sein.

          Kritik gibt es auch am Datenschutz. Der Untersuchung zufolge halten Gesundheits-Apps die datenschutzrechtlichen Anforderungen häufig nicht ein. „Die Studie ist eine wichtige Grundlage für den Fachdialog mit Experten und Verantwortlichen im Gesundheitswesen, in den wir nun eintreten wollen“, sagte Gröhe. So sollten gemeinsame Standards entwickelt werden. Er warte, dass die Hersteller Selbstverpflichtungen zu Qualität und Datenschutz eingingen, sagte Gröhe. Da es sich um einen internationalen Markt handle, erarbeite sein Ministerium auf EU-Ebene Kriterien, wie eine solche Selbstverpflichtung aussehen könne.

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