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Fitnessbörsengang : Sport im virtuellen Gruppenkurs

Fitnesskurse von Peloton Bild: Peloton

Peloton ist mit seinen Fitnessfahrrädern für den Hausgebrauch in Amerika zum Kult geworden und will bald nach Deutschland expandieren. Jetzt geht das Unternehmen mit großen Erwartungen an die Börse.

          3 Min.

          John Foley ist ein Fitnessfreak. Er nimmt an Triathlon-Wettkämpfen teil und beschreibt sich selbst als „süchtig“ nach Gruppenkursen für Yoga oder Spinning auf stationären Fitnessfahrrädern. Als Vater von zwei kleinen Kindern stellte er vor einigen Jahren aber fest, dass er es immer schwieriger fand, zu den Kursen im Fitnessstudio zu gehen, gerade wenn er zu den Kursen bestimmter Trainer wollte. So entstand die Idee für sein Unternehmen Peloton, das er 2012 gründete. Peloton verspricht, das Gruppenerlebnis ins eigene Zuhause zu bringen. Das Unternehmen verkauft Fitnessfahrräder und verbindet das mit Live-Übertragungen von Kursen, die Kunden das Gefühl geben, mit Gleichgesinnten zu trainieren wie im Fitnessstudio. Mit diesem Ansatz ist Peloton in kurzer Zeit in Amerika zum Kult geworden, und bald ist die Expansion nach Deutschland geplant. Jetzt will das Unternehmen an die Börse gehen. Gerade hat es eine Spanne für den möglichen Ausgabepreis seiner Aktien veröffentlicht, und an deren oberem Ende würde es mit mehr als acht Milliarden Dollar bewertet. Das wäre ein deutlicher Sprung im Vergleich zur jüngsten außerbörslichen Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr, als Peloton auf eine Bewertung von 4,2 Milliarden Dollar kam.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Zuhause mit eigenen Geräten Sport zu treiben, ist traditionell eine eher einsame Angelegenheit, und viele Menschen finden das nicht sonderlich motivierend. Hier setzt Peloton an: Das Unternehmen produziert mehr als neunzig Fitnesskurse in der Woche, und die Kunden können diese Kurse zuhause auf den an ihren Fahrrädern montierten Bildschirmen live verfolgen und sich zuschalten. Die Trainer, die in Studios in New York und London selbst auf Rädern sitzen, sprechen mit den Nutzern und feuern sie aus der Ferne an. Die Radler können auch untereinander kommunizieren und auf einem „Leaderboard“ sehen, wie sie sich im Vergleich zu den Anderen schlagen. Neben den Live-Kursen gewährt das Abonnement auch Zugang auf archivierte Inhalte. Peloton-Kunden sind mit solcher Leidenschaft bei der Sache, dass viele Trainer mittlerweile zu Berühmtheiten geworden sind und riesige Gefolgschaften auf ihren Instagram-Konten haben.

          Ein billiges Vergnügen ist das freilich nicht, denn Peloton kassiert gleich zweimal kräftig von seinen Kunden. Die Anschaffung eines Fahrrades kostet in Amerika 2245 Dollar, dazu kommt ein monatliches Abonnement für 39 Dollar, um an den Kursen teilnehmen zu können. Mittlerweile verkauft Peloton neben den Fahrrädern auch Laufbänder, die sogar 4295 Dollar kosten. In Deutschland will Peloton 2290 Euro für die Fahrräder und 39 Euro als monatliche Kursgebühr verlangen. Der Start ist hier im kommenden Winter geplant, und es sollen auch eigens produzierte Kurse mit deutschen Trainern produziert werden.

          Es gibt offenbar reichlich Menschen, die sich von den üppigen Preisen nicht abschrecken lassen. Wie das Unternehmen in seinem kürzlich vorgelegten Börsenprospekt sagte, hat es seit seiner Gründung bis zum Ende des jüngsten Geschäftsjahres im Juni insgesamt 577.000 Fitnessgeräte verkauft, und es hatte zu diesem Zeitpunkt rund 511.000 Abonnenten für seine Kurse und damit mehr als doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. Nach seiner Darstellung sind die Kunden auch sehr treu, und die monatlichen Abwanderungsraten liegen im Schnitt bei weniger als einem Prozent. Peloton bietet zudem Abonnements für Fitnesskurse an, für die weder ein Fahrrad noch ein Laufband notwendig ist, etwa für Yoga oder Joggen. Dieser Dienst kostet 19,49 Dollar im Monat und hat mehr als 100.000 Nutzer.

          Nettoverlust hat sich vervierfacht

          Peloton hat seinen Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr auf 915 Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Fast 80 Prozent davon entfallen auf den Verkauf der Fitnessgeräte, der Rest im Wesentlichen auf Abonnementgebühren. Wie bei Börsenaspiranten nicht unüblich, ist Peloton bislang klar defizitär. Der Nettoverlust hat sich im vergangenen Geschäftsjahr auf 196 Millionen Dollar mehr als vervierfacht. Und jenseits der Verluste gibt es noch andere Herausforderungen. Das Unternehmen ist zum Beispiel mit dem Vorwurf verklagt worden, es habe mit der Verwendung bestimmter Musiktitel in seinen Kursen gegen Urheberrechte verstoßen. Es sah sich daraufhin gezwungen, eine Reihe von Kursen aus seinem Angebot zu entfernen. In dem bei Börsenprospekten üblichen Abschnitt mit Risikofaktoren gab Peloton auch zu, „erhebliche Schwächen in unseren internen Kontrollen über unsere Finanzberichterstattung“ identifiziert zu haben, die dazu führen könnten, dass falsche Angaben in den Geschäftsberichten gemacht werden.

          Eine entscheidende Frage für die Zukunft von Peloton wird es sein, ob das Unternehmen sich in der flatterhaften Fitnessbranche langfristig etablieren kann. In dem Geschäft löst schließlich oft ein Trend den anderen ab, worauf Peloton in den Risikofaktoren selbst hinweist: „Die Präferenzen könnten sich rapide hin zu anderen Fitness- und Wellness-Angeboten.“ Schon heute gibt es reichlich Konkurrenz. Zum Beispiel Anbieter mit ähnlichen Konzepten für Fitness in den eigenen vier Wänden wie das Unternehmen Mirror, das einen an die Wand montierten Spiegel herstellt, auf dem Yoga-Kurse und andere Fitnessübungen erscheinen. Es gibt auch einige Nachahmer von Peloton, die billigere Fahrräder mit Live-Kursen anbieten.

          Peloton kommt in einem sehr wechselhaften Umfeld an die Wall Street. Es gab in diesem Jahr einige sehr erfolgreiche Börsengänge wie Beyond Meat, einen Spezialisten für Fleischersatzprodukte wie vegane Hamburger. Einige mit besonders großer Spannung erwartete Börsengänge haben aber die Erwartungen nicht erfüllt. Die Aktienkurse der Fahrdienste Uber und Lyft notieren zum Beispiel heute deutlich unter dem Ausgabepreis beim Börsenstart. Der New Yorker Bürovermittler Wework sah sich gezwungen, seine Ambitionen für die Bewertung beim demnächst geplanten Börsengang drastisch zu reduzieren, und es ist sogar berichtet worden, er könnte das Debüt an der Wall Street ganz abblasen.

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