https://www.faz.net/-gqe-7ve0x

Online-Studios : Das Fitnessstudio kommt ins Wohnzimmer

Schwere Bürde: Fitnessstudios fürchten das Internet. Bild: Röth, Frank

In der Fitnessbranche zieht die Digitalisierung ein: Die Muskeln lassen sich damit auch zuhause nach Anleitung vor dem Bildschirm trainieren. Jetzt erwirbt der Studiobetreiber Fitness First die Online-Plattform Newmoove.

          3 Min.

          Muskeln aufbauen, für die Kondition schwitzen – dazu treibt es Millionen Deutsche ins Fitnessstudio. Aber zuhause nach Anleitung vor dem Bildschirm turnen, eine Art Telegymnastik, jedoch mit dem vollen Übungsprogramm der Fitnessstudios: ist das ein Geschäftsmodell? Zumindest machen inzwischen Online-Studios wie Gymondo den herkömmlichen Studioanbietern Konkurrenz. Einer der großen deutschen Filialbetreiber geht jetzt in die Gegenoffensive: Fitness First Deutschland hat soeben den Online-Anbieter Newmoove erworben, wie Geschäftsführer Stefan Tilk dieser Zeitung sagte. Er will fortan beides kombinieren: offline und online. In fünf Jahren soll jede zehnte Euro Umsatz aus den Übungen außerhalb der Studios kommen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit zieht die Digitalisierung nun auch in diese Branche ein. Der Zukauf ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen sieht sich Fitness First mit dem Zukauf als Pionier. „Wir werden daraus ein hybrides Modell entwickeln, das Offline- und das Onlinegeschäft miteinander verschränkt“, sagte Tilk. „Es gibt in der deutschen Fitnessindustrie niemanden, der das bis heute so hat.“

          Zum anderen wird Fitness First selbst gerade verkauft, genauer: der deutsche Zweig. Der Eigentümer, der Investor Oaktree, hat die Investmentbank Lincoln beauftragt, einen Käufer zu finden. Tilk macht also den strategischen Schritt, noch bevor der neue Eigner gefunden ist.

          Die Online-Anbieter haben Kostenvorteile

          Die Branche ist wirtschaftlich bedeutend: Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte zählten die Betreiber von Fitness- und Gesundheitsanlagen voriges Jahr 8,55 Millionen Mitglieder, acht Prozent mehr als im Vorjahr – und 1,7 Millionen mehr als die Vereine des traditionellen Volkssports Fußball: ein Indiz für die Individualisierung der Gesellschaft. Mehr als 4,5 Milliarden Euro nahmen die Betreiber ein, den Großteil über Mitgliedsbeiträge. Ein Einzelbetrieb spielt im Schnitt knapp 550.000 Euro Jahresumsatz ein.

          Fitness First gilt als zweitgrößter deutscher Anbieter hinter McFit, das mit niedrigeren Beiträgen lockt. Clever Fit und Kieser Training sind weitere bekannte Wettbewerber. Dazu kommen die Online-Anbieter, zu denen es keine Zahlen gibt. Sie haben natürlich einen Kostenvorteil: Miete, Strom, die Wartung der Geräte entfallen, entsprechend günstiger sind die Beiträge. Kunden von Fitness First zahlen, abhängig vom gebuchten Paket, nach Tilks Worten im Schnitt 55 Euro im Monat – wer sich bei Newmoove zum Nachturnen einloggt, 9,90 Euro.

          „Unseren Mitgliedern werden wir aber ein deutlich günstigeres Angebot machen“, sagt Tilk. Sie sollen also einen Rabatt bekommen, wenn sie sich zusätzlich online registrieren. Eine Kannibalisierung fürchtet er nach eigenen Worten nicht, weil Studio- und Onlinevariante verschiedene Bedürfnisse bedienten: „Wer zu uns in den Club kommen möchte, der soll zu uns kommen. Das Kernerlebnis wird immer der direkte kommunikative Prozess mit dem Trainer oder anderen Mitgliedern sein, daran wird sich nichts ändern“, sagt Tilk. Aber auf der Geschäftsreise, im Urlaub, vielleicht auch bei schlechtem Wetter sollen die Hobbysportler vor dem PC oder, per App, vor dem Mobiltelefon schuften. Ziel: dass rund ein Drittel der Fitness-First-Leute das zusätzliche Online-Angebot wahrnehmen. Fitness First hat nach eigenen Angaben 265.000 Mitglieder, die neue virtuelle Tochtergesellschaft 100.000.

          Das Internet allein kann nach Tilks Einschätzung in dieser Branche nicht erfolgreich sein. „Die Menschen suchen Nähe, suchen Kontakt. Deswegen glaube ich an reine Online-Konzepte nicht.“ Andererseits würden es pure stationäre Anbieter künftig ebenfalls schwer haben. „Wenn wir das nicht kapieren, dann sind wir die nächsten Dinosaurier.“ Er kann das bequem sagen, denn Fitness First hat künftig beides.

          Newmoove kostet einen „einstelligen Millionenbetrag“, sagte Tilk. Dieselbe Dimension hat der Umsatz. „Zwischen eins und fünf“ Millionen Euro liege er, so der oberste Fitness-Mann. In fünf Jahren sollen es 15 bis 20 Millionen Euro sein. „Ich gehe davon aus, dass der Umsatzanteil vom reinen Onlinegeschäft vielleicht zehn Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen wird.“ Newmoove erziele momentan ein ausgeglichenes Ergebnis, 2019 solle das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) rund 10 Millionen Euro betragen.

          Der Manager will auch das Filialgeschäft ausbauen und sich dabei auf sieben große Städte konzentrieren. „Wir planen, in den nächsten Jahren um die 15 Clubs zu eröffnen.“ Zwei, vielleicht drei oder vier der bestehenden 86 Filialen könnten in derselben Zeit geschlossen werden. Damit expandiert die Kette per Saldo wieder, nachdem sie in den vergangenen fünf Jahren im Zuge einer Sanierung 30 Clubs geschlossen hatte. Im Geschäftsjahr 2013/14 (zum 31. Oktober) werde Fitness First Deutschland wie schon in den vorangegangenen beiden Jahren 25 Millionen Euro Ebitda erzielen, bei 150 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen gehörte früher dem Investor BC Partners und wurde wegen hoher Schulden an Oaktree notverkauft.

          Weitere Themen

          Berliner Flughafen Tegel bleibt offen Video-Seite öffnen

          Bis Oktober : Berliner Flughafen Tegel bleibt offen

          Der Berliner Flughafen Tegel bleibt bis Ende Oktober offen. Grund seien die wieder ansteigenden Passagierzahlen, so Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup.

          Topmeldungen

          Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

          Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

          Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.
          Wenn Flieger stillstehen, hilft der Staat.

          Hilfen für die Industrie : „Peinlich und rückwärtsgewandt“

          Die Förderung einzelner Branchen wie der Autoindustrie und von Fluggesellschaften führt zu wettbewerbsrechtlichen Problemen. Daniel Zimmer, früherer Chef der Monopolkommission, kritisiert das deutsche Konjunkturpaket.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.