https://www.faz.net/-gqe-yehq

Firmenporträt Reyes : Harte Handschuhe für Knockout-Schläge

  • -Aktualisiert am

Bild: Arne Leyenberg

Von einem Hinterzimmerbetrieb in Mexiko-Stadt zum Marktführer - in fast jedem WM-Boxkampf wird mit Handschuhen der Firma Reyes zugeschlagen.

          3 Min.

          Für die Revanche hatte sich der Meister der psychologischen Kriegsführung etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sieben Monate nach dem Verlust seines Weltmeistertitels im Schwergewicht wollte Muhammad Ali zum Rückkampf mit seinem Bezwinger Leon Spinks 1978 nur mit einem speziellen Paar Handschuhe antreten: mit Boxhandschuhen der mexikanischen Marke "Cleto Reyes". Alis Botschaft war klar: Reyes ist das Modell für Knockouter, weil es die Kraft der Schläge nicht dämpft und schneller zu Platzwunden führt. Als Ali tatsächlich mit Reyes-Handschuhen in New Orleans zum Kampf erschien, sorgte er für einen Eklat. Vertreter des amerikanischen Handschuhunternehmens Everlast, das den Kampf sponserte, stürmten den Ring und klebten das Logo ab. Noch vor dem ersten Gong ließ Ali das Klebeband von seinen Trainern wieder entfernen.

          "Wir wissen bis heute nicht, woher Ali die Handschuhe hatte. Aber er hat in ihnen geboxt - und gewonnen", sagt Alberto Reyes, Geschäftsführer des mexikanischen Handschuhunternehmens. Die Handschuhe, in denen sich Ali den WM-Titel zurückholte, hatte Alberto Reyes eigenhändig hergestellt. 1978 produzierte er zusammen mit seiner Frau Leticia und seinem Vater Cleto noch in ihrem kleinen Haus in Mexiko-Stadt. Während Ali als größter Boxer aller Zeiten in die Geschichte einging, stieg Reyes zur bekanntesten Marke für Boxhandschuhe auf der Welt auf. "Wir sind die Nummer eins", sagt Alberto Reyes, der heute in zwei Fabriken 70 Mitarbeiter beschäftigt.

          „Wir haben noch nie einen Boxer bezahlt“

          Im vergangenen Jahr wurde nach Unternehmensangaben in 80 Prozent der Kämpfe um die Weltmeisterschaft mit Handschuhen der Marke Reyes geboxt und in der Hälfte aller Profikämpfe auf der Welt. Dabei bezahlen die Mexikaner im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern die Boxer nicht dafür, dass sie in ihren Handschuhen boxen. Im Gegenteil: Die Kämpfer müssen die Handschuhe kaufen, für mehr als 100 Dollar je Paar. "Wir haben noch nie einen Boxer bezahlt", sagt Tochter Elizabeth Reyes, die für den Verkauf verantwortlich ist. Superstars wie Manny Pacquiao von den Philippinen, derzeit der beste Boxer der Welt, lassen sich vor ihren Kämpfen vertraglich festschreiben, in Reyes boxen zu dürfen. Pacquiao folgt damit prominenten Vorbildern, denn fast alle legendären Boxer schlugen mit den Handschuhen aus Mexiko zu: Mike Tyson, George Foreman, Oscar De La Hoya, Roberto Durán, Evander Holyfield, Marvin Hagler und Roy Jones.

          Mit einem geliehenen Paar Boxhandschuhe war Cleto Reyes 1938 im Alter von 18 Jahren in den Ring gestiegen. Nach seinem ersten und letzten Kampf musste er sich nicht nur zwei Wochen von seinen Verletzungen erholen, sondern auch die geborgten Handschuhe reparieren. Weil er das so fachmännisch tat - er arbeitete in einer Fabrik für Baseballhandschuhe -, forderten ihn die Manager mexikanischer Boxer auf, nach ihren Vorstellungen Handschuhe herzustellen. Sie wollten die Fäustlinge nicht mehr länger aus den Vereinigten Staaten importieren. Nach Feierabend nähte Cleto Reyes in seiner Wohnung die Boxhandschuhe, die 1945 zum ersten Mal in einem Weltmeisterschaftskampf benutzt wurden. Die mexikanischen Boxer, die traditionell zu den besten der Welt gehören, nahmen die Reyes-Handschuhe mit zu ihren Titelkämpfen in New York, London und Tokio. "So kamen die Handschuhe an die für den Boxsport berühmtesten Plätze der Welt", sagt Alberto Reyes.

          Wegen eines besonders zähen Leders und einer harten Füllung aus Rosshaar und Schaumstoff verstärken die Handschuhe die Schlagkraft. "Softe Produkte sorgen für innere Verletzungen, von denen man nichts mitbekommt. Das ist gefährlich. Harte dagegen machen die Schäden sichtbar. Man sieht das Blut und die Frakturen", sagt Alberto Reyes.

          Luxus-Sportstudios als neuer Markt

          1954 hatte Cleto Reyes genügend Kunden, um seinen Job in der Fabrik aufzugeben. "Mein Vater begann in einem Markt, der eigentlich nicht existierte. Er kam der Nachfrage überhaupt nicht mehr nach", sagt Alberto Reyes, der 1970 in das Geschäft einstieg. Weil der Vater, zu diesem Zeitpunkt einziger Verdiener der achtköpfigen Familie, erkrankt war, musste Alberto sein Ingenieurstudium aufgeben. Seine drei Brüder und zwei Schwestern studierten weiter. "Sie hatten keine Lust. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich aus einem kleinen Zimmer so ein großes Unternehmen entwickelt." Reyes stieg zu einer internationalen Marke auf, die heute in 75 Ländern registriert ist. "Wir wachsen jedes Jahr ein bisschen", sagt Elizabeth Reyes. Dem Unternehmen komme zugute, dass Boxen seit fünf Jahren nicht mehr als Sport für die Unterschicht angesehen werde. "Viele unserer Kunden trainieren in luxuriösen Sportstudios. Das ist unser neuer Markt." Das Wichtigste aber bleiben die internationalen Stars als Botschafter der Marke. Auf den Philippinen verkauften die Mexikaner kaum Handschuhe, ehe Volksheld Pacquiao in den Arenen von Las Vegas und New York mit Reyes zuschlug. "Mittlerweile ist das ein starker Markt für uns", sagt Alberto Reyes, der noch heute ausschließlich Box- und nicht wie viele Wettbewerber auch Fitnessprodukte herstellt und vertreibt. "Diese Konzentration macht uns stark."

          "Hecho en México" prangt auf jedem Reyes-Handschuh - "made in Mexico". Wettbewerber bieten mittlerweile Handschuhe "Modell Mexiko" an. Für Alberto Reyes ist sein Heimatland, das ihn 1995 mit dem Exportpreis auszeichnete, jedoch nicht unbedingt ein Standortvorteil. "Als Unternehmer hat man es nicht leicht in Mexiko. In den Vereinigten Staaten wäre es für mich sicher einfacher gewesen." So habe er früher von den Banken keine Kredite bekommen. "Ich habe das Unternehmen allein finanziert." Allerdings mit prominenter Unterstützung von Muhammad Ali, Mike Tyson, Manny Pacquiao und all den anderen Legenden dieses Sports.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.
          Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

          Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

          Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.