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Finanzvorstand Thomas Rabe : Der scharf rechnende Musiker bleibt bei Bertelsmann

Thomas Rabe, Finanzchef der Bertelsmann AG, macht weiter Bild: AP

Früher spielte Thomas Rabe Bass in einer Punkrockband, heute hütet er die Finanzen des Medienkonzerns Bertelsmann. Gerade wurde seine Vertrag verlängert. Dabei war er mal wechselwillig.

          In Thomas Rabes Büro steht eine Elektrogitarre. Die hellbraune Gibson aus der Modellreihe Les Paul (daher gern „Paula“ genannt) ist ein Geschenk von Andrew Lack, dem früheren Chef der Plattenfirma Sony BMG. Das passt. Denn Rabe ist Musikfan: In seiner Jugend spielte er Bass in einer Punkrockband, heute kümmert er sich mit Leidenschaft um das Musikgeschäft. Das ist ungewöhnlich, weil Rabes eigentliches Metier ein ganz anderes ist: Er hütet die Finanzen des Medienkonzerns Bertelsmann - und zwar noch eine ganze Weile: Am Freitag hat der Aufsichtsrat Rabes Ende 2011 auslaufenden Vorstandsvertrag um fünf Jahre verlängert. Auch Bernd Buchholz, im Bertelsmann-Vorstand für den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr verantwortlich, wurde eine weitere Amtszeit genehmigt.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Eine turnusmäßige Vertragsverlängerung ist normalerweise nicht der Erwähnung wert. Im Fall Rabe ist das anders. Noch vor eineinhalb Jahren sah es so aus, als wenn seine Tage im Hause Bertelsmann gezählt wären. Dafür waren zwei Ereignisse ausschlaggebend. Im Herbst 2008 bekam der gebürtige Luxemburger das Angebot, Vorstandschef der Münchener Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 zu werden. Diese Offerte hätte Rabe gern angenommen. Nach vielen Jahren als Finanzchef reizte ihn die Nummer-1-Position. Doch der Aufsichtsrat ließ Rabe nicht aus seinem Vertrag. Schließlich ist Pro Sieben Sat.1 der größte Wettbewerber der RTL-Gruppe, die zu 90 Prozent Bertelsmann gehört. Kurz darauf liebäugelte Rabe mit einem Wechsel an die Spitze des Duisburger Mischkonzerns Haniel. Auch daraus wurde nichts.

          Rabes Wechselwilligkeit hat so manchen Aufsichtsrat enttäuscht. Auch der Vorstandsvorsitzende Hartmut Ostrowski war „not amused“. Daher gingen Mitte 2009 alle Beobachter davon aus, dass Rabes Vertrag nicht mehr verlängert würde und dass auch Rabe selbst nicht an einer weiteren Amtszeit interessiert wäre. Nun macht der 45 Jahre alte Manager doch weiter. Warum? Bertelsmann hat eine Reihe schwieriger Jahre hinter sich, in denen es vor allem um Schuldenabbau und Kostensenkungen ging. Inzwischen ist der Konzern, der 2010 operativ eine zweistellige Umsatzrendite erzielt haben dürfte, „finanziell in bester Verfassung“, wie Ostrowski jüngst verkündet hat.

          Finanzvorstand Thomas Rabe unterhält sich mit Hartmut Ostrowski, dem Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden

          Kurz nach Amtsantritt bestand er die große Feuertaufe

          Daraus ergeben sich neue Handlungsspielräume, in denen auch Rabe stärker gestalterisch tätig werden und seine Lust auf Arbeit im operativen Geschäft ausleben darf - zuallererst im Musikgeschäft, das Rabe so liebt. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist Aufsichtsratsvorsitzender von BMG Rights Management. Das auf den Erwerb und die Verwaltung von Musikrechten spezialisierte Unternehmen hat mit Rabes Unterstützung schon etliche vielversprechende Musikkataloge übernommen, weitere sollen folgen. BMG hat ein Auge auf den EMI-Katalog geworfen, der früher oder später auf den Markt kommen dürfte. Außerdem erkundet Rabe für Bertelsmann die Aussichten in China und Indien. Auch außerhalb des Konzerns darf er sein Spektrum erweitern und einige externe Aufsichtsratsmandate annehmen. So sitzt Rabe im Kontrollgremium der IKB-Bank, des Wissenschaftsverlags Springer Science und des Chemieunternehmens Symrise.

          Nicht minder wichtig ist, dass sich Ostrowski und Rabe nach der zwischenzeitlichen Entfremdung wieder zusammengerauft haben. Die beiden sind ganz unterschiedliche Typen. Ostrowski ist ein nüchterner, bodenständiger Mann, der fast sein gesamtes Leben in Ostwestfalen verbracht hat. Rabe hat in Brüssel für die EU-Kommission, in Berlin für die Treuhandanstalt und in Luxemburg für RTL gearbeitet; außer Deutsch, Englisch und Französisch spricht er recht gut Niederländisch und Spanisch. Er ist weltoffen, eloquent und selbstbewusst. Das ist beeindruckend für die einen und einschüchternd für die anderen. Aber gerade weil Ostrowski und Rabe so verschieden sind, ergänzen sie sich auch. Und ganz wichtig: In strategischen Fragen sind sie sich im Wesentlichen einig.

          Als Finanzvorstand hat Rabe, der mit einer Berliner Ärztin verheiratet ist, hervorragende Arbeit verrichtet. Schon kurz nach seinem Amtsantritt Anfang 2006 bestand er seine große Feuertaufe: Dem Wunsch der Eigentümerfamilie Mohn folgend, mobilisierte er 4,5 Milliarden Euro für den Rückkauf eines Viertels der Bertelsmann-Aktien. Er nahm Kredite auf, verkaufte Firmenteile und hielt die Ratingagenturen bei Laune. Dafür dürfte ihm die mächtige Familiensprecherin Liz Mohn noch heute dankbar sein.

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