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Finanzsystem : Die Stabilität des deutschen Finanzsystems hat sich gefestigt

  • Aktualisiert am

Die Stabilität des deutschen Finanzsystems hat sich seit Ende des vergangenen Jahres weiter gefestigt. Insgesamt weist die Risikolage bei den großen Banken geringere Gefahrenquellen für systemische Störungen auf als noch vor einem Jahr.

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          Die Stabilität des deutschen Finanzsystems hat sich seit Ende des vergangenen Jahres weiter gefestigt. Insgesamt weist die Risikolage bei den großen Banken geringere Gefahrenquellen für systemische Störungen auf als noch vor einem Jahr. Zu diesem günstigen Befund kommt die Deutsche Bundesbank in ihrem jährlichen Bericht zur Stabilität des deutschen Finanzsystems. Trotz des positiven Gesamtbildes gebe es aber weiterhin Risiken für das globale Finanzsystem, schreibt die Bundesbank weiter. Einen besonderen Unsicherheitsfaktor für den weltwirtschaftlichen Konjunkturverlauf stelle dabei die Entwicklung des Ölpreises dar. Mit 55,33 Dollar je Barrel hat der Preis für Rohöl in New York am Montag ein neues Rekordhoch erreicht.

          Bei anhaltend hohen Ölpreisen könnte das Wachstum der Weltwirtschaft zwar gebremst werden, ein Abbrechen des globalen Aufschwungs sei aus heutiger Sicht aber nicht zu befürchten, schreiben die Bundesbank-Volkswirte in der im Monatsbericht Oktober veröffentlichten Studie. Allerdings wären dann Belastungen für die Finanzmärkte zu erwarten. Als mögliche Folgen nennt die Bundesbank Kurseinbußen an den Aktienmärkten und einen Anstieg der Risikoprämien für Unternehmen sowie für die rohölimportierenden Schwellenländer.

          Als Risiken, die vom globalen Umfeld ausgehen, nennt die Bundesbank unter anderem die gestiegene Verschuldung der privaten Haushalte insbesondere in einigen angelsächsischen Ländern. In Kombination mit den zum Teil überhitzten Immobilienmärkten erhöhe dies die Anfälligkeit der Haushalte gegenüber steigenden Marktzinsen. Das könne auf Deutschland ausstrahlen. In Deutschland ist die Schuldenquote der privaten Haushalte mit 111 Prozent des verfügbaren Einkommens nach den Bundesbankdaten gegenüber 2003 stabil geblieben. Wie sich dem Bericht entnehmen läßt, hat allerdings der gewichtigste Vermögensposten der Haushalte, der Immobilienbesitz, an Wert verloren: Von 2001 bis 2003 sind die Preise für Reihenhäuser und Eigentumswohnungen im Deutschland im Durchschnitt um 4 Prozent gefallen. Im laufenden Jahr hat sich der Preisverfall nach Angaben von Fachleuten fortgesetzt. Als weiteres Risiko verweist die Bundesbank auf den Anstieg des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits. Die Weltwirtschaft bleibe deshalb anfällig für größere Wechselkursschwankungen. Weiter könnte die Anhebung der amerikanischen Leitzinsen zu einem Anstieg auch der Renditen am Kapitalmarkt führen. Dazu könnte es insbesondere dann kommen, wenn die weitverbreiteten "Carry Trades", bei denen Investoren langlaufende Anleihen mit kurzfristigen Krediten finanzieren, wegen des Anstiegs der kurzfristigen Zinsen ruckartig aufgelöst werden sollten. Erhöhter Aufmerksamkeit bedürften deshalb nicht zuletzt die Hedge-Fonds.

          Die Stabilität der deutschen Banken hat gestärkt, daß sich ihre Ertragskraft und Risikotragfähigkeit verbessert hat. Allerdings haben sich die Risiken verschoben. Zum Beispiel haben nach der Bundesbank-Studie die Marktpreisrisiken im Handelsbuch zugenommen. So ist die Risikomeßziffer "Value at Risk" bei den großen deutschen Finanzhäusern seit Ende 2002 um 40 Prozent gestiegen - obwohl die Volatilität an den Kapitalmärkten im ersten Halbjahr 2004 abgenommen hat.

          Deutlich entspannt hat sich nach Einschätzung der Bundesbank die Risikolage im Kreditgeschäft. Hierzu haben der Abbau der Risikoaktiva, also des Kreditvolumens, Fortschritte im Risikomanagement sowie die verbesserte Kreditqualität der großen Unternehmen beigetragen. Auch mit Blick auf die Schwellenländer hat das sogenannte Risikokreditvolumen, das aus dem Kreditvolumen und der Ausfallwahrscheinlichkeit berechnet wird, seit Mitte 2003 deutlich abgenommen (siehe Graphik). Gleichzeitig haben die Banken ihre Kreditvergabe nach Osteuropa umgeschichtet.

          Dem stehen die weiterhin hohe Zahl von Insolvenzen im Mittelstand und die steigende Zahl von Verbraucherinsolvenzen gegenüber. Davon waren im Jahr 2003 Bankenforderungen im Gesamtvolumen von 41,9 Milliarden Euro betroffen, im ersten Halbjahr 2004 von 19,9 Milliarden Euro. Die Zahl der Insolvenzen ist im ersten Halbjahr 2004 gegenüber der gleichen Vorjahresperiode um 14,8 Prozent auf knapp 57 000 gestiegen. Darüber hinaus haben die Risiken aus gewerblichen Immobiliengeschäften zugenommen.

          Hingegen zeichneten sich der Sparkassen- und der Genossenschaftssektor durch ein hohes Maß an Stabilität aus. Auch in der Versicherungswirtschaft haben sich Ertragslage und Solvabilität stabilisiert. (bf.)

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