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Kassel : Die große Pleite der Documenta

„Das Parthenon der Bücher“ in Kassel Bild: AP

In der Kasse des Kasseler Kunstevents Documenta fehlen auf einmal Millionensummen. Wie konnte das passieren? Die Beteiligten hüllen sich in Schweigen.

          4 Min.

          Die diesjährige Documenta, die am heutigen Sonntag zu Ende geht, ist genau das, was linke Kulturpolitiker normalerweise hassen: Eventkultur. Alle fünf Jahre pilgern Kunstfreunde aus ganz Deutschland und der Welt ins nordhessische Kassel, das gewöhnlich einen eher öden Ruf genießt, und schauen sich dort Kunstwerke an, die sie selbst bestenfalls halb verstehen (und die sie in jeder anständigen Metropole auch in anderen Jahren zu sehen bekämen).

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Erst das Prinzip der künstlichen Verknappung macht die Sache attraktiv, schafft einen Hype, heizt die Nachfrage an. Mehr als sonst gilt das in diesem Jahr, als die Schau besonders politisch sein wollte, nach Meinung von Kritikern besonders unverständlich erschien – und medienwirksam ein zweites Standbein in Athen eröffnete. Auch der Antikapitalismus, den die Macher zur Schau tragen, ist in diesen Zeiten gewöhnlich ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell.

          Geld für restliche Gehälter fehlt

          Dagegen lässt sich gar nichts sagen, ganz im Gegenteil. Dumm ist es nur, wenn die Rechnung am Ende nicht aufgeht. Obwohl die öffentliche Hand dieses Jahr so viel Geld zuschoss wie noch nie, fehlen in der Schlussbilanz dem Vernehmen nach rund sieben Millionen Euro, je nach Berechnung bis zu ein Fünftel des Etats. Nur noch bis zum Monatsende ist die Betreibergesellschaft liquide, für die restlichen Gehälter, den Rücktransport der Kunstwerke und sonstige Folgekosten braucht sie Bürgschaften der öffentlichen Hand. Der Aufsichtsrat, in dem vor allem Stadt und Land das Sagen haben, will kommenden Donnerstag über das weitere Vorgehen beraten. Bis dahin gibt es einen Bericht der Wirtschaftsprüfer von PWC. Dann wird man Genaueres wissen über Umfang und Ursachen des Finanzlochs.

          Einige wurden schon hellhörig, als Geschäftsführerin Annette Kulenkampff im März eine mangelnde Finanzausstattung beklagte. „Im Verhältnis zur Finanzierung von Theatern ist die Documenta durch die öffentliche Hand unterfinanziert“, schimpfte sie. Mulmig wurde ihr wohl angesichts der hochfliegenden Pläne des diesjährigen Kurators Adam Szymczyk, der auf die Idee des zweiten Standbeins in Athen verfallen war. Das Konzept wurde von den beteiligten Politikern in den Aufsichtsgremien abgesegnet, größere Mehrkosten sollten – jenseits der bereits erfolgten Etaterhöhung – nicht anfallen. Das wollten alle gern glauben, vermutlich auch, weil es am bequemsten war. Das Vorgehen erinnert an Hauptstadtflughafen, Elbphilharmonie oder die Berliner Opernsanierung.

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          Keine Aussagen zur Ursache des Finanzlochs

          Um über eigene Versäumnisse nicht reden zu müssen, werden der hessische Kulturminister Boris Rhein (CDU) und der neue Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) vermutlich nicht allzu streng sein mit der Documenta. Geselle ließ schon wissen, die Ausstellung sei „untrennbar mit Kassel verbunden“. Das deutet darauf hin, dass die öffentliche Hand die Verluste am Ende schon ausgleichen wird. Der vermeintliche Hauptschuldige, Kurator Szymczyk, geht sowieso. Womöglich trennt man sich auch von der Geschäftsführerin. Die Politik wäre dann fein raus.

          Über die genauen Ursachen der Finanzierungslücke schweigen sich die Beteiligten noch aus, aber Indizien gibt es. Der zweite Standort verursachte hohe Kosten für Reisen, Kooperationspartner, den Transport der Kunstwerke. Ihnen standen kaum Einnahmen gegenüber, weil die Documenta in Athen keine eigenen Eintrittsgelder erhob. Der Zugang zu den Ausstellungsorten war entweder frei, oder das Geld floss an die örtlichen Institutionen. „Mehr als 330 000 Besuche zählten die Veranstaltungsorte in Athen“, sagen die Veranstalter. Besuche sind aber keine Besucher. Wer mehrere Documenta-Stätten inspizierte, wurde mehrfach eingerechnet. Das bedeutet: Auch in Bezug auf die Publikumsresonanz war Athen eher ein Flop.

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