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Finanzkrise : Staat rettet den Versicherungsriesen AIG

  • Aktualisiert am

Rettung in letzter Minute: Staat hilft AIG Bild: AP

Branchenkenner hatten befürchtet, der amerikanische Versicherungsriese AIG würde die Nacht nicht überleben. Dann kam die Wende: Die amerikanische Notenbank sagte einen 85-Milliarden-Dollar-Kredit zu. Die Regierung übernimmt knapp 80 Prozent der Kontrolle an dem Konzern.

          Der Zusammenbruch des nächsten großen amerikanischen Finanzkonzerns ist zunächst vermieden: In einer dramatischen Wende sagte die amerikanische Notenbank (Fed) am Dienstagabend dem schwer angeschlagenen Versicherungsriesen AIG einen dringend benötigten Kredit von 85 Milliarden Dollar (60 Milliarden Euro) zu.

          Die Fed teilte in der Nacht zum Mittwoch mit, der Rettungsplan solle ein „unkontrolliertes Versagen“ des Instituts verhindern. In Medien war kurz zuvor eine Insolvenz von AIG noch am Mittwoch nicht mehr ausgeschlossen worden. Experten befürchteten für diesen Fall massive Auswirkungen auf die weltweiten Finanzmärkte. AIG hat fast 20 Milliarden Dollar Verluste angehäuft. Das hat die Kapitaldecke sehr stark angegriffen. Die Aktie des Versicherers verlor seit Jahresbeginn mehr als 90 Prozent ihres Werts.

          Regierung zeigt sich erleichtert

          Der Kredit soll eine Laufzeit von zwei Jahren haben. Als Sicherheit dient das gesamte Vermögen von AIG. Die amerikanische Regierung übernimmt knapp 80 Prozent der Kontrolle an dem Konzern und erhält ein Veto-Recht bei der Ausschüttung der Dividende. „Die Interessen der Steuerzahler sind durch die Kernbedingungen dieses Kredits geschützt“, betonte die Fed. Das Paket sei in enger Abstimmung mit dem Finanzministerium erarbeitet worden.

          Mit der überraschenden staatlichen Rettungsaktion wollen die amerikanische Regierung und die amerikanische Notenbank die auch ein Jahr nach ihrem Beginn nicht nachlassende Finanzkrise eindämmen. In einer ersten Reaktion begrüßte Präsident George W. Bush die Vereinbarung. Die angekündigten Schritte würden unternommen, um die Finanzmärkte zu stabilisieren und den Schaden für die Wirtschaft zu begrenzen, ließ er durch einen Sprecher mitteilen. Auch Finanzminister Henry Paulson erklärte, er stehe hinter dem Megakredit.

          „too big to fail“

          An den Märkten wurde die Rettungsaktion mit Erleichterung aufgenommen. „Gott sei Dank“, sagte etwa Dan Fuss von Loomis Sayles. „AIG ist mit so vielen Menschen verbunden und berührt so viele Firmen in der ganzen Welt.“ Nach Einschätzung der Bremer Landesbank hatte die amerikanische Regierung keine andere Wahl, als mit staatlichen Mitteln einzuspringen. „Wäre AIG tatsächlich Pleite gegangen, wären die Auswirkungen aufgrund der internationalen Verflechtung des Versicherungskonzerns unübersehbar gewesen“, sagte Ökonom Christian Löhr von der Bremer Landesbank am Mittwoch. Aufgrund des weltweit ausgerichteten Portfolios sei bei AIG wie auch bei Fannie Mae und Freddie Mac letztlich das Motto „too big to fail“ ausschlaggebend gewesen. „Derartige Finanzkonzerne konnte die US-Regierung einfach nicht Pleite gehen lassen.“

          Die drohende Pleite des zu den weltgrößten Versicherern zählenden AIG-Konzerns hätte die globalen Finanzmärkte in weitere schwere Turbulenzen gestürzt, befürchtete man daher in Washington. Schon Anfang der vergangenen Woche waren die angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae in staatliche Obhut genommen worden.

          Regierung und Notenbank hatten bis zuletzt staatliche Hilfen für AIG immer wieder ausgeschlossen. Eine konzertierte Rettungsaktion innerhalb der Branche durch andere Versicherer und Banken sei aber nicht zustande gekommen, berichtete etwa die „New York Times“ unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Personen. Schon kurz vorher hatten amerikanische Medienberichte über mögliche staatliche Hilfen für positive Reaktionen an den Finanzmärkten gesorgt: Die amerikanischen Börsen schlossen nach einer wilden Achterbahnfahrt im Plus. Der Dow-Jones-Index stieg um 1,30 Prozent auf 11.059,02 Punkte.

          AIG hatte schon öfter mit Skandalen zu kämpfen

          Der Versicherungsriese AIG zählt zu den weltweiten Branchenführern. Lange Zeit stand der amerikanische Konzern gemessen am Börsenwert einsam an der Spitze. Doch der zuletzt dramatische Kursverfall ließ AIG bei der Marktkapitalisierung hinter die deutsche Allianz und die französische AXA zurückfallen.

          Der AIG-Konzern bedient mit über 100.000 Beschäftigten in mehr als 100 Ländern weltweit die gesamte Palette von Schadenspolicen bis hin zu Lebensversicherungen. Neben dem klassischen Versicherungsgeschäft ist der Gigant aber auch als Vermögensverwalter tätig und betreibt ganz ähnlich riskante Geschäfte wie eine Investmentbank. Aus diesem Bereich stammen die derzeit lebensbedrohlichen Probleme. Zum Konzern gehört zudem der weltgrößte Anbieter für Flugzeug-Leasing ILFC - der wichtigste einzelne Kunde für Airbus und Boeing.

          In den vergangenen drei Quartalen erlitt AIG wegen der Kreditkrise Verluste von insgesamt 18 Milliarden Dollar (13 Milliarden Euro) und wechselte seinen Chef aus. Der Versicherer holte sich zudem bereits eine Kapitalspritze von 20 Milliarden Dollar.

          AIG hatte schon mit einigen Skandalen zu kämpfen: Bis heute belasten den Konzern Nachwehen von Ermittlungen zu Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen. Im Jahr 2005 musste deshalb der legendäre AIG-Chef Maurice Greenberg gehen, der den Konzern über fast vier Jahrzehnte aufgebaut und geprägt hatte. Greenberg ist noch immer Großaktionär und oft einer der heftigsten Kritiker der Konzernspitze.

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