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Finanzkrise und Spekulationsskandal : Société Générale mit groben Kontrollmängeln

Die Société Générale kämpft mit dem Spekulationsskandal und mit der Finanzkrise Bild: REUTERS

Die Untersuchungen im Spekulationsskandal haben gerade erst begonnen. Doch zeichnen sich bereits gravierende Kontrollmängel ab. 75 interne Warnungen wurden ignoriert. Und die zweitgrößte Bank Frankreichs kämpft mit der Finanzkrise.

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          Die angeschlagene Société Générale (SG) hat nicht nur mit dem größten Spekulationsskandal der Geschichte zu kämpfen. Für sie ist auch die Finanzkrise infolge der amerikanischen Hypothekeneinbrüche noch nicht ausgestanden. Die französische Bank könnte gezwungen sein, auch in diesem Jahr weiterhin notleidende Fonds zurückkaufen und dadurch im ersten Quartal Abschreibungen vornehmen zu müssen. Dies gab das Unternehmen bei der Vorlage seiner Jahreszahlen für 2007 bekannt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Im vergangenen Jahr musste die SG bei einigen ihrer sogenannten dynamischen Geldmarkt-Fonds, die vor allem von Unternehmen genutzt werden, die Liquidität sichern. Denn die Kunden zogen im großen Umfang Gelder ab. Die Mittelzuflüsse in der Vermögensverwaltung fielen um zwei Drittel auf rund 11,3 Milliarden Euro. Die gesamten Abschreibungen und Rückstellungen infolge der amerikanischen Hypothekenkrise belaufen sich auf rund 2,6 Milliarden Euro.

          Rekordverlust

          Das vergangene Geschäftsjahr endete für die SG wie erwartet mit einem Rekordverlust, der sich nach Steuern im vierten Quartal auf 3,35 Milliarden Euro belief. Über das Gesamtjahr hinweg weist die Bank indes einen Nettogewinn von 947 Millionen Euro aus, 80 Prozent weniger als im Vorjahr. Wichtigster Grund dieses Einbruchs sind die ungenehmigten Spekulationen des 31 Jahre alten Händlers Jérôme Kerviel, der inzwischen in Untersuchungshaft sitzt. Seine ungesicherten Wetten auf Terminkontrakte löste die SG nach ihrer Entdeckung in drei Tagen auf und erzeugte dadurch einen Verlust von rund 4,9 Milliarden Euro. Wenn man die auf dem Papier erzielten Gewinne Kerviels einrechnet, beläuft sich der Verlust sogar auf 6,4 Milliarden Euro.

          Diesen Betrag nennt auch die dreiköpfige Untersuchungskommission unter Vorsitz des ehemaligen Automanagers Jean-Martin Folz, die der SG-Verwaltungsrat eingesetzt hat. Sie legte am Mittwochabend die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Danach hat es in der Bank über zwei Jahre hinweg insgesamt 75 Warnungen gegeben, die aber nie weiterverfolgt wurden.

          Kritik an Kontrollmechanismen erneuert

          Die Kommission will über die direkten Vorgesetzten von Kerviel derzeit kein Urteil abgeben, weil das laufende juristische Verfahren ihr nicht erlaubt habe, mit allen Beteiligten zu sprechen. Sie kommt aber zu dem Schluss, dass auffällige Transaktionen nicht gründlich und systematisch genug untersucht wurden „und bestimmte Kontrollen, die zur Entdeckung des Betruges hätten führen können, gar nicht vorgesehen waren“. Bei externen Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten etwa durch die Terminbörse Eurex im vergangenen November hätten die Verantwortlichen sich ohne Nachprüfung einfach mit den Aussagen Kerviels zufriedengegeben.

          Christian Noyer, der Gouverneur der Banque de France, hat in diesen Tagen seine Kritik an den Kontrollmechanismen der SG erneuert und auch von menschlichen Fehlern gesprochen. Damit dürfte er beispielsweise gemeint haben, dass es Kerviel gestattet wurde, auf seinen Urlaub zu verzichten. In Urlaubszeiten übernehmen in den Investmentbanken üblicherweise die Kollegen das Portfolio und erhalten damit Einblick. Die Untersuchungskommission kommt im Übrigen zu dem vorläufigen Ergebnis, dass Kerviel alleine gehandelt habe, und bestätigt damit die Analyse des SG-Vorstandes.

          Zuversicht in Sachen Kapitalerhöhung

          Der SG-Vorstandsvorsitzende gab sich während einer Telefonkonferenz am Donnerstag zuversichtlich, dass die nun gestartete Kapitalerhöhung erfolgreich verlaufen werde. Die Rückmeldungen der Investoren bei der Roadshow seien positiv gewesen. Die Bank will ihr Kapital um 5,5 Milliarden Euro erhöhen, um die auf 6,6 Prozent zusammengeschmolzene Kernkapitalquote (Tier One) auf 8,0 Prozent zu erhöhen. Dazu bietet sie den bestehenden Aktionären die neuen Titel mit einem Abschlag von 28 Prozent auf den Kurs vom Donnerstag an.

          Die Bank gibt sich nach außen hin zwar zuversichtlich, dass sie das Vertrauen der Kunden behalten habe (siehe Interview), will aber nicht einmal eine grobe Prognose ihres Gewinns im laufenden Jahr abgeben. Die Untersuchungskommission des Verwaltungsrates ist sich nach eigenen Angaben auch nicht sicher, ob schon alle Spekulationen Kerviels entdeckt wurden. Bouton sprach von einer „minimalen Zone der Unsicherheit“.

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