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Finanzkrise bei Unternehmen? : Wohl dem, der volle Kassen hat

Mit vollen Kassen lebt es sich in Zeiten der Finanzkrise besser Bild: AP

Die Banken haben Probleme, keine Frage. Aber wie geht es den anderen Unternehmen? Ist die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen? Ein Streifzug durch die Finanzlage deutscher Firmen wie Arcandor, Henkel, Daimler, Bosch & Co.

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          Nicht nur die Banken müssen sich gegenseitig Geld leihen, um die Tagesgeschäfte zu erledigen. Auch Produktionsunternehmen benötigen für den Einkauf von Rohstoffen oder Materialien einerseits oder die Absatzfinanzierung andererseits kurzfristig Liquidität vom Geldmarkt. Diejenigen Unternehmen sind am besten dran, die mit einem guten Eigenkapital- und Geldpolster ausgestattet sind.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die Turbulenzen haben in diesen Tagen den Einzelhandels- und Touristikkonzern Arcandor in den Strudel gezogen. Er leidet unter der starken Verteuerung der Kredite. Die Probleme mit den Hausbanken und den Kreditversicherern sollen sogar den Einkauf der für den Einzelhändler so wichtigen Weihnachtsware belastet haben. Als Ende September ein Teil der von den Hausbanken gewährten Kreditlinien erneuert werden musste, drohte Arcandor sogar der Griff in das letzte Tafelsilber, die Mehrheitsbeteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook. Erst eine Eigenkapitalzufuhr von 59 Millionen Euro durch die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim entspannte die Lage bei Arcandor.

          Autohersteller unter Druck

          Weniger dramatisch, aber ärgerlich sind die anziehenden Fremdkapitalkosten für den Chemiekonzern Henkel, der im Frühjahr für 3,7 Milliarden Euro dem niederländischen Wettbewerber Akzo Nobel zwei große Geschäftsbereiche abkaufte. Und die Aktienkurse einiger Autohersteller sind in dieser Woche unter Druck geraten, weil eine Studie von Merrill Lynch darauf abgehoben hatte, dass die Automobilbranche direkt von der Kreditkrise und möglichen höheren Refinanzierungskosten betroffen sei, weil viele Autos finanziert würden. Vor diesem Hintergrund sei es fraglich, ob Daimler den Aktienrückkauf wie geplant vollziehen werde, schlussfolgerten die Analysten.

          Bei Daimler führte diese Einschätzung, die zeitgleich mit einer ähnlichen Meinung von Sal. Oppenheim veröffentlicht wurde, zwar zu einem empfindlichen Kursrückgang. Tatsächlich aber hat Daimler das genannte Aktienrückkaufprogramm deswegen begonnen, weil der Stuttgarter Konzern seit dem Verkauf der Chrysler-Mehrheit über eine außerordentlich hohe Nettoliquidität verfügt. Außerdem ist der Mittelzufluss (Cashflow) des Industriegeschäfts inzwischen wieder positiv. Größeren Refinanzierungsbedarf werde es auf Monate hinaus nicht geben, ist bei Daimler zu hören. Hinzu kommt, dass der Konzern über die Mercedes-Benz-Bank Zugriff auf weitere Geldquellen hat. Allein die Einlagen von rund 5 Milliarden Euro seien eine wichtige Stütze für die Refinanzierung – verglichen mit einem Neugeschäft von rund 8,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Über die Bank werden rund ein Drittel aller weltweit verkauften Fahrzeuge des Konzerns finanziert. „Wohl dem, der gegenwärtig seine absehbaren Verpflichtungen aus dem Mittelzufluss (Cashflow) stemmen kann“, beschreibt ein Finanzmanager die Stimmungslage. Grundsätzlich sind in der augenblicklichen Situation Unternehmen mit einer hohen Eigenkapitalquote und einem hohen Bestand an flüssigen Mitteln im Vorteil, den viele Unternehmen in den zurückliegenden ertragsstarken Jahren ausbauten.

          Die niedrigen Kaufpreise nutzen

          Der Stuttgarter Bosch-Konzern beispielsweise braucht sich auf seiner Einkaufstour bisher keine Beschränkungen auferlegen. Alle Akquisitionen des laufenden Geschäftsjahres seien aus Eigenmitteln finanziert worden, heißt es bei Bosch – und das war mindestens ein Volumen von 2 Milliarden Euro. Weitere Zukäufe sind zu erwarten, da Bosch-Chef Franz Fehrenbach ausdrücklich erklärt hat, die niedrigen Kaufpreise zu nutzen, um die Diversifizierung des immer noch stark auf die Autoindustrie fokussierten Konzerns voranzutreiben. Mit einer Eigenkapitalquote von etwas mehr als 50 Prozent würde Bosch auch in der aktuellen Situation keine Probleme haben, einen günstigen Kredit zu bekommen, meint Bosch-Chefvolkswirt Adolf Ahnefeld und verweist auf das überdurchschnittlich gute Langfrist-Rating.

          Nicht minder robust gibt sich der Versorgungskonzern RWE. Er verfügt über eine milliardenschwere Kasse. Konkurrent Eon beschaffte sich zwischen September 2007 und diesem Juni mehr als 14 Milliarden Euro durch Anleihe-Plazierungen an den internationalen Finanzmärkten, Bayer hat den Schering-Kauf aus dem Jahr 2006 noch vor Eintritt der Turbulenzen an den Kapitalmärkten langfristig finanziert. Nach Angaben von Finanzvorstand Klaus Kühn können die in den nächsten Jahren anstehenden Refinanzierungen weitgehend aus eigener Kraft aus dem geschäftlichen Mittelzufluss organisiert werden.

          Eher zögerliche Kreditvergabe

          Der Elektronik- und Industriekonzern Siemens hat nach eigenen Angaben noch keine wesentlichen direkten negativen Einflüsse ausgemacht. Die von der Siemens Financial Services (SFS) insbesondere für das eigene Unternehmen bestrittenen Finanzdienstleistungen sind, gemessen am Gesamtgeschäft, relativ. Derzeit besteht ohnehin kein Refinanzierungsbedarf. Zu einem relativ günstigen Zeitpunkt vor der Eskalation auf den Finanz- und Kreditmärkten hat Siemens im Juni Anleihen für unterschiedliche Laufzeiten in Höhe von insgesamt 3,4 Mrd. Euro begeben. Damit haben die Münchener genügend Luft zum Atmen erhalten, um eine andauernde Krise ohne Blessuren zu überstehen. Zudem dürfte der Konzern mit guten Kreditratings von „AA-“ (Standard & Poor’s) beziehungsweise „A1“ (Moody’s) kaum Probleme haben, im Fall eines Liquiditätsbedarfs Geldgeber zu finden.

          Zwar werde eine gewisse Unruhe bei den Banken bemerkt, beobachtet die MAN AG. Allgemein werde eher zögerliches Handeln bei der Kreditvergabe registriert. Betroffen ist der Industriegüterkonzern und Nutzfahrzeughersteller nach eigenen Aussagen ebenfalls nicht, weil auch er über genügend Mittel verfügt und somit keinen kurzfristigen Finanzbedarf hat.

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