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Finanzkrise : Banken suchen händeringend Liquidität

  • -Aktualisiert am

Zusätzliche Maßnahmen der EZB nötig Bild: dpa

Lage ernst, aber nicht hoffnungslos: Angesichts der weiterhin hohen Zinsen am Geldmarkt erhoffen sich Händler von der EZB zusätzliche Maßnahmen, um die Unsicherheit und das Misstrauen der Banken untereinander aus der Welt zu schaffen.

          An den europäischen Geld- und Kreditmärkten ist die Situation weiter angespannt. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, kommentierte ein hochgestellter Manager einer Großbank. Marktteilnehmer wiesen darauf hin, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zusätzliche Maßnahmen ergreifen könne, um die ungewöhnlich hohen Risikoprämien und die starken Schwankungen der Geldmarktzinsen zu verringern.

          Die EZB stellte der Kreditwirtschaft am Mittwoch im Rahmen ihres wöchentlichen Refinanzierungsgeschäfts zusätzlich rund 34 Milliarden Euro zur Verfügung. Bei der Auktion hatte sich ein durchschnittlicher Jahreszins von 4,29 Prozent ergeben - verglichen mit dem aktuellen Leitzins von 4 Prozent. Nach Angaben aus Handelskreisen war der Aufschlag auf den Leitzins damit so hoch wie nie zuvor seit Einführung des Euro im Jahre 1999. Trotz der Liquiditätsspritze mussten für Tagesgeld am Mittwochmittag 4,3 Prozent Zinsen gezahlt werden, deutlich mehr als der von der EZB erhobene Leitzinssatz von 4 Prozent. Auch Dreimonatsgeld war mit 4,7 Prozent weiterhin ungewöhnlich teuer.

          Liquiditätssicherung vor allen Renditeüberlegungen

          Darin spiegelt sich wider, dass Banken geradezu händeringend nach Liquidität suchen. Die Ursache dafür ist der nahende letzte Handelstag des Quartals. Auch unter normalen Umständen führten viele Banken vor diesem Stichtag ihre Ausleihungen zurück, erläutern Fachleute. Denn an diesem Tag wird aus dem Volumen der gewährten Kredite berechnet, wie viel Eigenkapital eine Bank nach den Vorschriften der Bankaufsicht vorhalten muss. Insofern könnte sich die Lage am Geldmarkt zu Beginn des neuen Quartals etwas entspannen, hieß es.

          Außerdem geht die Anspannung, die nun schon seit mehreren Wochen andauert, aber darauf zurück, dass die Banken weiterhin Liquidität horten. Derzeit sei sich keine Bank sicher, dass sie einen Liquiditätsbedarf, der sich im Tagesverlauf ergebe, am Markt eindecken könne, erläutert ein Geldhändler. Deshalb verzichteten viele Banken darauf, Liquidität auszuleihen. Dies gelte insbesondere für Laufzeiten jenseits einer Woche. „Die Sicherung der Liquidität geht derzeit allen Renditeüberlegungen voraus“, sagte der Großbank-Manager.

          EZB könnte Misstrauen der Banken entschärfen

          Knappheit herrscht dabei nicht nur am eigentlichen Geldmarkt, an dem sich Banken unbesicherte Kredite geben. So ist auch das Repo-Geschäft - das sind Kredite, die mit Wertpapieren besichert sind - weitgehend ausgetrocknet. Die Ausnahme bilden lediglich Kredite, die mit erstklassigen Staatsanleihen unterlegt sind. Ähnliches gilt für den Devisenswap-Markt, über den Banken normalerweise überschüssige Zentralbankguthaben in ausländischer Währung in Euro tauschen können, um eine Unterdeckung in Euro-Zentralbankguthaben auszugleichen.

          Um die Verspannung zu lockern, die über die höheren Zinsen auf die gesamte Wirtschaft durchzuschlagen droht, hat die EZB bislang mehrfach zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt - insbesondere dreimonatige Kredite. Der Erfolg ist begrenzt: So unterliegen die Tagesgeldzinsen weiterhin großen Schwankungen (siehe Grafik), was die Unsicherheit am Geldmarkt noch steigert. Zudem verharrt der Dreimonatszins auf unerwünscht hohem Niveau. Geldhändler räumen ein, dass die EZB das grundlegende Problem, nämlich Unsicherheit und Misstrauen der Banken untereinander, nicht alleine aus der Welt schaffen könne. Gleichwohl könne sie dazu beitragen, die Lage zu entschärfen.

          Schwankungen der Tagesgeldzinsen verringern

          Als mögliche Maßnahme gilt, dass die EZB ihren Zins für die „marginale Kreditfaszilität“, über die sich die Banken bei ihr jederzeit Liquidität zu einem erhöhten „Strafzins“ beschaffen können, von derzeit 5 auf beispielsweise 4,5 Prozent senkt. Gleichzeitig könnte sie den Zins der Einlagenfaszilität, zu dem Banken überschüssige Liquidität bei ihr anlegen dürfen, von derzeit 3 auf beispielsweise 3,5 Prozent anheben. Das würde die Schwankungen der Tagesgeldzinsen vermutlich verringern.

          Weiter könnte die EZB neben Dreimonatsgeld auch Liquidität mit ein- und zweimonatiger Laufzeit zur Verfügung stellen und damit den Dispositionsspielraum der Banken erweitern. Zudem könnte die EZB den Geschäftsbanken Devisenswaps anbieten, um diesen Markt wieder in Gang zu bringen. Ferner könnte die EZB zusätzliche Wertpapiere als Besicherung von Wertpapieren akzeptieren.

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