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Postcon wird verkauft : Die Post bekommt einen neuen Gegenspieler

Die Beteiligungsgesellschaft Quantum Capital Partners (QCP) übernimmt die Postcon, den mit Abstand größten Rivalen des Bonner Marktführers. Bild: Postcon

Der Finanzinvestor Quantum übernimmt Postcon, den größten Konkurrenten der Post auf dem Briefmarkt. Damit zieht sich die niederländische Post aus dem deutschen Markt zurück. Quantum scheint einen guten Riecher zu haben.

          Ein Finanzinvestor will es auf dem Briefmarkt mit der Deutschen Post aufnehmen: Die Beteiligungsgesellschaft Quantum Capital Partners (QCP) übernimmt die Postcon, den mit Abstand größten Rivalen des Bonner Marktführers. Am Sonntag ist der Vertrag mit der niederländischen PostNL unterschrieben worden, die sich nach einem jahrelangen Auf und Ab wieder vom deutschen Markt zurückzieht. Wie die Unternehmen am Montag mitteilten, erwarten sie den Abschluss der Transaktion bis Ende dieses Jahres. Zum Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          „Wir blicken positiv in die Zukunft und sind überzeugt, unsere Marktposition gerade unter unserem neuen Eigentümer Quantum Capital Partners weiter ausbauen zu können“, sagte Postcon-Geschäftsführer Rüdiger Gottschalk, der seit 2013 an der Spitze steht und weitermachen soll. Das Unternehmen hat im vorigen Jahr nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Briefe bewegt und inklusive diverser Beteiligungen 537 Millionen Euro umgesetzt. Das entspricht einem Anteil von rund 10 Prozent am deutschen Briefmarkt. Zur aktuellen Ertragslage gab es auf Nachfrage keine Angaben.

          Postcon ist auf Post angewiesen

          „Postcon ist in einem herausfordernden Marktumfeld der führende alternative Briefdienst in Deutschland“, sagte Steffen Görig, Gründer und Chef von Quantum. Man werde den „Wachstumspfad“ fortsetzen, Betrieb und Verwaltung effizienter gestalten. Ein Ziel sei es, das Geschäft auf der letzten Meile, also der Zustellung an die Endkunden, weiter zu entwickeln. Um Empfänger überall in der Republik zu erreichen, ist Postcon teils auf das Zustellnetz der Post angewiesen, die vorsortierte Briefe mit entsprechenden Rabatten in die Briefkästen befördert.

          „Wir sind zuversichtlich, dass wir das volle Wachstumspotential der Postcon realisieren können“, meinte Görig. Quantum hat sich gegen mehrere weitere Kaufinteressenten durchgesetzt. Neben verschiedenen Finanzinvestoren hatten sich im Briefgeschäft tätige Zeitungsverlage für Postcon interessiert. Insgesamt kommen die alternativen Anbieter nach Angaben der Bundesnetzagentur auf rund 16 Prozent des leicht schrumpfenden deutschen Briefmarktes, wobei der Marktanteil der Postkonkurrenz tendenziell steigt.

          Postcon beschäftigt insgesamt rund 3500 Menschen, inklusive der Beteiligungen sind es 5300 Mitarbeiter. In zehn großen Sortierzentren werden die Briefe versandfertig gemacht. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Ratingen bei Düsseldorf konzentriert sich auf Geschäftskunden und Behörden, deren Sendungen Postcon teils mit eigenen Leuten zu den Kunden befördert. Als Referenzkunden nennt das Unternehmen unter andrem die Allianz und die Ergo-Versicherungen, den Online-Händler Zalando, den ADAC und den TÜV Rheinland.

          Erwartungen wurden nicht erfüllt

          Ein Schwerpunkt ist die Rhein-Ruhr-Region, wo rund 1200 Zusteller in ihrer auffallenden orangefarbenen Dienstkluft für Postcon unterwegs sind. Auch in Berlin gehören Postcon-Mitarbeiter zum Straßenbild: dort allerdings in den grünen Uniformen der vor drei Jahren vollständig übernommenen Pin Mail, die an der Spree auch privaten Briefeschreibern eine Alternative bietet. Knapp 900 Zusteller arbeiten in der Hauptstadt für die hundertprozentige Postcon-Tochtergesellschaft. Lücken im eigenen Zustellnetz werden teils durch Partnerunternehmen geschlossen.

          Mit rund 120 Anbietern hat sich Postcon dafür im Zustellverbund Mail Alliance zusammengeschlossen. Deren Würzburger Dachgesellschaft wird zu 87 Prozent von den Ratingern kontrolliert, die übrigen Anteile liegen bei zwei verlagseigenen Briefdiensten. In der Zustellung ist Postcon für die Verlage ein zentraler, manche sagen auch „systemrelevanter“ Partner. Neben nationalen und internationalen Geschäftsbriefen befördert das Unternehmen auch Kataloge und Reklame sowie kleinere Warensendungen, die in den Briefkasten passen. Ein kleines, aber lukratives Segment sind nachweispflichtige Behördenbriefe wie Postzustellungsaufträge.

          Die niederländische Muttergesellschaft hatte es bald nach der Liberalisierung des Briefmarktes nach Deutschland gezogen. Der Markteinstieg im Jahr 2000 hat die Erwartungen aber offenbar nicht erfüllt. Mehrfach gab es Rückschläge, und es musste restrukturiert werden. Viele Jahre lagen die Erträge deutlich unter der Null-Linie. Doch seit Geschäftsführer Gottschalk am Ruder ist, scheint es aufwärts zu gehen. Trotzdem stellte PostNL das Geschäft im vorigen Sommer zum Verkauf.

          Guter Zeitpunkt für Verkauf

          Der Rückzug sei ein weiterer Schritt in der Strategie, sich auf die „Kernmärkte“ in den Niederlanden und Belgien zu konzentrieren und die Transformation von PostNL in einen Logistik-Dienstleister für den Online-Handel zu unterstützen, sagte Vorstandschef Herna Verhagen am Montag. Für den neuen Eigentümer könnte der Zeitpunkt kaum besser sein. Die Portoerhöhung der Deutschen Post wird es auch Konkurrenten erlauben, stärker zuzulangen oder dem Gelben Riesen Kunden abzujagen.

          Zudem eröffnet die geplante Reform des Postgesetzes neue Chancen: Wenn es so kommt, wie es in den jüngst veröffentlichten Eckpunkten des Bundeswirtschaftsministeriums steht, wird der Wettbewerb auf dem Briefmarkt kräftig an Fahrt gewinnen. Quantum scheint jedenfalls einen guten Riecher gehabt zu haben.

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