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Filialnetz der Commerzbank : Schlechte Lagen, falsche Märkte

Das Filialnetz der Deutschen Bank ist kleiner, aber effizienter als das der Deutschen Bank, meint die UBS. Bild: dpa

Zu viele Filialen an unattraktiven Standorten. So lautet das Ergebnis eines Vergleichs mit Wettbewerbern. Das Kundenverhalten in Corona-Zeiten erlaubt jetzt einen Strategieschwenk.

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          Die Kritik des zweitgrößten Aktionärs Cerberus hat verfangen. Sie wird von vielen anderen Aktionären bis hin zum Bund dem Vernehmen nach zumindest im Grundsatz geteilt: Die Commerzbank hat im Privatkundengeschäft zu lange auf unprofitables Wachstum gesetzt und Kosteneinsparungen aufgeschoben. Jetzt stehen dem Vernehmen nach neben Einschnitten in die Belegschaft Filialschließungen in der Commerzbank auf der Liste der Einsparungen ganz oben. Das ist kein Wunder, wenn man die Ergebnisse einer Studie der Schweizer Großbank UBS aus dem Jahr 2019 sieht, die gerade in Bankenkreisen kursiert.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach den Erkenntnissen der UBS-Analysten hat die Commerzbank gemeinsam mit der Hypo-Vereinsbank unter sechs großen privaten Banken in Deutschland anhand von vier Kriterien das schlechteste Filialnetz. Die Deutsche Bank schneidet in der UBS-Studie am besten ab, gefolgt von der Targobank Santander Deutschland und der Postbank. Das Commerzbank-Netz aus rund 1000 Zweigstellen, das gemessen an der Zahl der Filialen seit Amtsantritt des nun bald abtretenden Vorstandsvorsitzenden Martin Zielke im Jahr 2016 kaum verändert wurde, hat nach Ansicht der UBS-Analysten vor allem zwei Schwächen: Die Filialen adressieren im Vergleich mit Wettbewerbern die falschen regionalen Märkte, das heißt sie sind von zu wenig Menschen mit zu wenig Einkommen innerhalb von fünfzehn Minuten erreichbar. Und sie liegen zu nah beieinander und nehmen sich Geschäft weg, kannibalisieren sich also gegenseitig.

          Kleinere, aber feinere Filialen

          Die Commerzbank hat in den vergangenen Jahren versucht, ihr Filialnetz zu verändern: Die Zahl der Standorte blieb zwar in etwa gleich, aber es sollten besser gelegene, kleinere Lokale die Effizienz des Filialnetzes heben. Die neue Strategie, die in diesen Tagen vorbereitet und am Mittwoch im Aufsichtsrat diskutiert wird, sieht nun einen Schwenk vor.

          Zwar wird die Commerzbank nicht zu einer filiallosen Direktbank schrumpfen. Sie hält dem Vernehmen nach weiterhin daran fest, dass der Großteil der Kunden nicht auf persönliche Beratung in schwierigen Lebenslagen, etwa dem Hauskauf auf Kredit, verzichten will. Aber es kursieren Szenarien, dass immerhin bis zu 450 von 1000 Filialen geschlossen werden könnten.

          Wettbewerber kürzen radialer

          Mit einem solchen radikalen Schnitt würde die Commerzbank das nachvollziehen, was Wettbewerber schon getan haben. Die Deutsche Bank hat ihr Filialnetz zwischen 2016 und 2019 um 27 Prozent auf nun rund 500 Filialen (ohne Postbank) gestrafft. Auch große Sparkassen wie die Stadtsparkasse München oder die Sparkasse Köln-Bonn verringerten ihre Filialen in diesem Zeitraum um 16 Prozent und 11 Prozent. Die Corona-Krise beschleunigt nun ein neues Kundenverhalten. Viele Leute haben bisher noch Online-Banking abgelehnt, weil die Sicherheit ihrer Daten ihnen nicht geheuer war. Andere Kunden hatten keine Lust, das Call-Center ihrer Bank anzurufen und in einer Warteschleife zu veröden. Doch nach Erkenntnissen der Unternehmensberatung McKinsey, die die Commerzbank berät, haben viele Leute in der Corona-Krise gute Erfahrung mit dem bislang oft verschmähten Zugängen zur Bank gemacht.

          Auf der anderen Seite hatte die Commerzbank, wie viele andere Banken auch, während des Lockdowns und der damals eingeschränkten Einsatzfähigkeit von Mitarbeitern, die zum Teil ihre Kinder zuhause betreuen mussten, 300 von 1000 Filialen geschlossen und weitere 400 nur eingeschränkt in Betrieb. Viele andere Banken lassen solche ursprünglich wegen Corona geschlossenen Filialen nun ein für alle mal geschlossen. Die Hamburger Volksbank zum Beispiel hat gerade entschieden, 13 von 28 Geschäftsstellen blieben geschlossen. Dazu passt, dass die Unternehmensberatung Oliver Wyman damit rechnet, dass die deutschen Banken aufgrund des durch Corona beschleunigt veränderten Kundenverhaltens bis 2025 ihr Zweigstellennetz nicht um 33 Prozent, sondern sogar um 45 Prozent ausdünnen werden. Statt noch 28384 Bankfilialen wie Ende 2019 gäbe es dann schon 2023 bundesweit nur noch weniger als 20000 Bankfilialen.

          Zielke zögerte zu lang

          Am Ende hat Commerzbank-Chef Zielke offensichtlich verstanden, dass der Wandel des Kundenverhaltens auch die Commerzbank zu tieferen Einschnitten zwingt, als er sie im September 2019 für möglich hielt. Damals wollte die Commerzbank 200 Filialen bis 2023 schließen und netto 4300 Arbeitsplätze abbauen. Vor allem ein stärkerer Personalabbau, wie jetzt mit bis zu 11000 angeblich wegfallender Stellen geplant, aber ist langwierig, weil dafür Verhandlungen mit dem Betriebsrat nötig sind. Diese Zeit wollten die Aktionäre Zielke an der Spitze der Commerzbank nicht mehr geben. Deshalb erklärte er am Freitag seinen Rücktritt spätestens zum Jahresende.

          An diesem Mittwoch wird der Aufsichtsrat nun über Zielkes Rücktritt befinden. Vielleicht entbindet er ihn sofort von seinen Aufgaben und beruft einen neuen Vorsitzenden. Der Finanzinvestor Cerberus, mit gut 5 Prozent zweitgrößter Aktionär, hielt es für besser, wenn gründlich nach einem neuen Vorstandsvorsitzen gesucht würde und interne Kandidaten wie Roland Boekhout und Bettina Orlopp sich mit Bewerbern von außen messen müssten. Der Aufsichtsrat muss auch ein neues Mitglied für den zum 3. August ausscheidenden Vorsitzenden Stefan Schmittmann finden und dann aus seinem Kreis einen neuen Vorsitzenden wählen. 

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