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Fiat : Abschied aus Italien

  • -Aktualisiert am

Fusioniert: Die neue, internationale Gruppe „Fiat Chrysler Automobiles“ Bild: AFP

Es ist ein Fanal: Italien riskiert durch den Abschied von Fiat den Verlust größerer Teile seiner Industrie.

          3 Min.

          Die 1899 in Turin gegründete Aktiengesellschaft Fiat SpA hat am Freitag ihre letzte Hauptversammlung in Italien abgehalten. Künftig treffen sich die Aktionäre in Amsterdam, dem Sitz der Gesellschaft. Finanzverwaltung und Steuererklärungen von „Fiat Chrysler Automobiles“ gibt es nun in London. Noch ist nicht klar, ob der gesamte Konzern zumindest teil- oder zeitweise vom Turiner Stammsitz der historischen Fiat-Gruppe gelenkt wird oder ob nicht binnen kurzer Zeit allein Detroit das Sagen hat.

          Längst eingetreten ist, was sich vor wenigen Jahren weder italienische Ökonomen noch Gewerkschafter vorstellen konnten: Italien ist im Moment keine bedeutende Autonation mehr, zumindest gemessen an der Autoproduktion. 2013 wurden weniger als 400.000 Autos gefertigt. Von den einst fünf Autofabriken ist eine völlig aufgegeben, die anderen vier, mit einer theoretischen Produktionskapazität von 1,4 Millionen Autos, liegen meist still. Die Beschäftigte beziehen vom Staat außerordentliche Unterstützungszahlungen für „Kurzarbeit Null“, weil die regulären Fristen für das italienische Kurzarbeitergeld längst überschritten sind.

          Bei der Feier zum hundertjährigen Bestehen des Fiat-Konzerns im Jahr 1999 schien die Welt noch in Ordnung. Der Konzern allein beschäftigte in Italien 123.000 von insgesamt 221.000 Mitarbeitern. Routinemäßig stellte er im Verlauf eines Jahres 5500 Menschen ein. In Italien gab es 18 Fabriken für die Autosparte, 10 für Lastwagen, 7 für Traktoren, 33 für Zulieferteile und 17 für Züge. Längst sind die Sparten für Flugzeugmotoren oder Züge verkauft. Lastwagen und Traktoren sind unter dem Kürzel „CNH Industrial“ abgespalten worden – und schon abgewandert.

          Ein nationaler Champion

          Im 20. Jahrhundert gab es keine Zweifel daran, dass die Geschicke von Fiat und italienischer Wirtschaft eng miteinander verwoben waren. Fiat trug zur Industrialisierung des Landes bei. Es war aber auch ein nationaler Champion, der lange Zeit von der Politik protegiert wurde. So durfte Giovanni Agnelli vom Notenbankgouverneur eine Abwertung der italienischen Lira verlangen. So wurde es Ford verwehrt, Alfa Romeo zu übernehmen. Japanische Autos wurden vom italienischen Markt ferngehalten, und auf Fiats Wunsch musste in ganz Europa die Einführung von Abgaskatalysatoren für Kleinwagen verzögert werden.

          Auch wegen dieser politischen Protektion war Fiat schließlich auf die Globalisierung nicht vorbereitet. Auch deswegen wurde nach der Präsentation von Erfolgsmodellen die Entwicklung neuer Produkte hinausgezögert, um kurzfristig etwas mehr zu verdienen. Während in anderen Branchen wohlklingende italienische Luxusnamen reüssierten, ließ Fiat eine wohlklingende Marke wie Alfa Romeo mit Standardware auf Einheitsplattformen verhungern.

          Danach hat Fiat-Chef Sergio Marchionne in zehn Jahren den Fiat-Konzern völlig umgekrempelt. Er hatte freie Hand – nach vier Jahren mit existenzgefährdenden Verlusten. Nicht alles, was Marchionne anpackte, wurde ein großer Erfolg. Dennoch kann er heute sagen: „Wir haben Fiat eine neue Unternehmenskultur und neue Führungsprinzipien gegeben.“ Für die Zukunft, nach der Fusion mit Chrysler zum siebtgrößten Autokonzern der Welt, gilt der Leitsatz: „Wir begnügen uns nicht damit, mittelmäßig zu sein.“

          Leider sind die bei Fiat vertretenen Gewerkschaften wie der überwältigende Teil von Italiens Politikern nicht bereit, eine derart radikale Wende mitzutragen. Marchionne ist ihnen kein Vorbild. Im Gegenteil, er hat sich wegen klarer Worte und unbequemer Entscheidungen unbeliebt gemacht. Die Gewerkschaften schwelgen noch in der Vergangenheit, als die Fiat-Fabriken mit bis zu 50.000 Arbeitern zum Studienobjekt des kommunistischen Theoretikers Antonio Gramsci wurden oder als monatelange Riten um Tarifverhandlungen das ganze Land in Atem hielten.

          Nun hat Marchionne den Italienern und ihren Gewerkschaften noch einmal eine letzte Chance gegeben. Endlich soll der Mythos der Marken Alfa Romeo und Maserati konsequent ausgeschöpft werden. Die italienischen Mitarbeiter sollen nicht mehr Billigautos herstellen, sondern Luxus „made in Italy“. Doch die Gewerkschaften haben gleich gezeigt, dass sie neue Chancen nicht ergreifen wollen. Als wegen erster Anfangserfolge bei Maserati Sonderschichten und die Versetzung von Personal aus der Kurzarbeit der Fiat-Fabriken nötig wurde, stellten sie erst einmal vielerlei Bedingungen wie in alten Zeiten.

          Fiat-Chef Marchionne blieb hart und ließ sich nicht erpressen, er verzichtete damit aber auf zusätzliche Produktion und zusätzliche Beschäftigung in Italien. Dabei sind in der neuen, internationalen Gruppe „Fiat Chrysler Automobiles“ offiziell nur noch ein Viertel der Mitarbeiter in Italien beschäftigt – mit bis zur Hälfte der 60.000 Beschäftigten in „Kurzarbeit Null“. Italien riskiert tatsächlich, einen größeren Teil seiner Industrie und Industriearbeitsplätze zu verlieren. Genau deswegen ist der Wegzug von Fiat ein Fanal.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

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