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Festnahme bei Huawei : Jetzt zieht Amerika im Handelskrieg alle Register

Ist auf Ersuchen der amerikanischen Regierung in Kanada festgenommen worden: die Tochter des Huawei-Gründers Meng Wanzhou. Bild: EPA

Auf Ersuchen Washingtons wurde die Tochter des Huawei-Gründers verhaftet. Vordergründig geht es um die Sanktionen gegen Iran. Doch der Schritt ist auch ein harter Schlag gegen die technologische Wettbewerbsfähigkeit von Amerikas schärfstem Konkurrenten.

          Die Nachricht erwischte China am Donnerstagmorgen wie ein Paukenschlag. Was da aus Übersee zu lesen war, klang unglaublich. Aber dennoch real genug, dass an den Börsen in Schanghai und Hongkong die Aktienkurse um bis zu 3 Prozent fielen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Am 1. Dezember sei auf Ersuchen der amerikanischen Regierung auf dem Flughafen in Vancouver Meng Wanzhou festgenommen worden, hatte das kanadische Justizministerium am Mittwoch mitgeteilt. Die Chinesin ist Finanzvorstand des Technologiekonzerns Huawei aus Shenzhen nahe Hongkong im Süden Chinas.

          Wer Huawei als das wichtigste Unternehmen der Volksrepublik bezeichnet, hat nicht Unrecht. Es ist der einzige Anbieter des Landes, dessen Produkte auf der Welt führend sind. Neben Smartphones, von denen Huawei weltweit etwas weniger verkauft als der südkoreanische Anbieter Samsung und mehr als iPhone-Hersteller Apple, baut Huawei Mobilfunknetze wie etwa in Deutschland und entwickelt die 5G-Technologie so schnell wie kein anderes Unternehmen in der Welt.

          Sinnbild für Verdacht der Spionage

          Sensationell macht die Festnahme von Huaweis Finanzvorstand jedoch erst die Tatsache, dass es sich bei Meng Wanzhou um keine einfache Angestellte handelt. Sie ist die Tochter von Unternehmensgründer Ren Zhengfei. Der wurde vor 74 Jahren in der bis heute ärmlichen Provinz Guizhou geboren und hat angeblich einst in einer Einheit der Volksbefreiungsarmee gedient, die auf Spionage mithilfe von Cyberkriegsführung spezialisiert war.

          Für die Falken in der amerikanischen Regierung und im Kongress ist Ren dass Sinnbild für den Verdacht, Peking wolle mithilfe von Unternehmen wie Huawei Regierungen und Konzerne überall auf der Welt ausspionieren, deren Technologie stehlen und im Konfliktfall ganze Länder wie Deutschland lahmlegen, in dem es deren Funknetze abschalten lasse.

          Der Grund, den Washington für die Festnahme der Gründertochter Meng Wanzhou angegeben hat, lässt aufhorchen: es geht um angebliche Verstöße gegen die Sanktionsauflagen gegen den Iran. Im April war bekannt geworden, dass das amerikanische Justizministerium in der Sache gegen Huawei ermittelt. Finanzvorstand Meng war im Jahr 2007 Vorstandssekretärin der Hongkonger Firma Skycom Tech gewesen, die zu Huawei gehört und die Geschäfte im Iran macht. Ob diese Rolle mit der jetzigen Festnahme zusammenhängt, ist bisher nicht bekannt.

          Das Leben schwer gemacht

          Klar ist, dass auch im Fall des chinesischen Technologiekonzerns ZTE Amerika unter Berufung auf Verstöße gegen die Iran-Sanktionen gegen das Unternehmen vorgegangen war. Im Frühjahr hatte das Handelsministerium in Washington verfügt, dass der 80.000 Mitarbeiter große Staatskonzern, der wie Huawei ebenfalls in Shenzhen angesiedelt und auch in der Entwicklung der 5G-Technik aktiv ist, keine Mikroprozessoren aus den Vereinigten Staaten mehr beziehen dürfe. Daraufhin musste ZTE vorübergehend den Betrieb weitgehend einstellen. Später hob Präsident Donald Trump den Bann wieder auf, nachdem ihn der chinesische Präsident Xi Jinping darum am Telefon eindringlich gebeten hatte.

          Dass hinter der Festnahme von Huawei-Gründertochter Meng mehr stecken könnte als der Verstoß gegen Sanktionsauflagen, hat mit dem Konflikt zu tun, der in diesem Jahr offen zwischen der größten und der zweitgrößten Wirtschaft der Welt ausgebrochen ist. Amerika sieht China als größte Bedrohung an und fürchtet, der Rivale könnte den Vereinigten Staaten in nicht allzu ferner Zukunft seinen technologischen Vorsprung rauben.

          Wegen den – bisher unbewiesenen – Spionagevorwürfen hat Washington Huawei in Amerika bereits mit so vielen Handelshemmnissen das Leben schwer gemacht, dass der Weltkonzern aus China dort vergleichsweise nur sehr wenige Einnahmen erzielt. Viel wichtiger für Huawei ist der Markt in Europa. Und genau dort hat Washington kürzlich auf Alliierte wie die Bundesregierung eingewirkt, beim Aufbau des neuen 5G-Netzes auf die Technik der Chinesen zu verzichten.

          Der Kampf der Supermächte hat gerade erst begonnen

          Diese sind derzeit bei allen drei großen deutschen Mobilfunkanbietern einer von zwei der wichtigsten Zulieferer. Bei der Telekom ist Huawei sogar der wichtigste Technologiepartner. Bei ihrem Vorstoß in Berlin habe die Amerikaner offensichtlich den Verdacht angeführt, Peking könne den Privatkonzern Huawei mithilfe seines starken Zugriffs auf die chinesische Wirtschaft missbrauchen, um Wirtschaftsspionage zu betreiben. So laufen zum Beispiel die Daten all jener Roboter und Automaten über das 5G-Netz, die künftig in der vernetzten deutschen Industrie die Produktion steuern (Industrie 4.0). Fachleute äußern schon seit langem Bedenken, dies mache die deutsche Wirtschaft anfällig für Abhörattacken fremder Mächte.

          Die chinesische Botschaft in Kanada hat am Mittwoch „entschiedenen Widerspruch“ gegen die Festnahme von Meng Wanzhou eingelegt. Huawei selbst teilte mit, man sei sich „nicht darüber bewusst“, gegen Sanktionsauflagen in den Geschäftsbeziehungen mit Iran verstoßen zu haben. Man wisse auch nichts über ein Fehlverhalten seiner Managerin.

          Liefern die Kanadier den Huawei-Finanzvorstand an Amerika aus, soll Meng Wanzhou vor einem Bundesgericht in New York erscheinen. Bis dahin dürften allerdings reichlich Telefongespräche zwischen Peking und Washington stattfinden.

          Erst am Samstag hatte Trump seinen Amtskollegen Xi Jinping in Buenos Aires am Rande des G20-Gipfels getroffen und vereinbart, dass beide Ländern in den folgenden 90 Tagen versuchen würden, den Handelskonflikt zu lösen. Am Dienstag allerdings hatte Trump bereits wieder getwittert, er sei ein „Tariff-Man“ (Mann der Strafzölle) und werde die amerikanische Wirtschaft beschützen. Bereits zu diesem Zeitpunkt fielen in der Folge in Amerika und China die Börsenkurse.

          Es wirkt, als könnten die Aktienmärkte in den folgenden Wochen noch ein paar weitere Turbulenzen erleben. Die Aktie von Huawei ist zum Glück für die Anteilseigner des Konzerns nicht börsennotiert. Schlaflose Nächte dürften diese derzeit dennoch haben. So wie viele Anleger überall auf der Welt. Schließlich verstetigt sich derzeit mit jedem Tag der Eindruck, dass die Hochphase im Kampf der Supermächte um die Vorherrschaft in der Welt gerade erst begonnen hat.

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