https://www.faz.net/-gqe-7b6jx

Fernsehen im Internet : Die TV-Industrie hofft auf Mr. Smart

Eher steif als smart: die Figur der neuen Werbekampagne Bild: Smarter Fernsehen

Eine neue Werbekampagne im Fünfziger-Jahre-Stil soll das hochmoderne Internetfernsehen voranbringen. Doch die dafür vorgesehene Comicfigur steht allzu steif da und verspricht nicht übermäßig viel Action.

          2 Min.

          Irgendwas muss schiefgelaufen sein: Da präsentieren die Fernsehhersteller eine der größten Innovationen seit Tonfilm und Farb-TV, und das Publikum mag sich nicht recht damit anfreunden. Das internetfähige Fernsehen hat bis heute (zu) wenige Fans, obwohl sich die Marketingabteilungen der Produzenten viel Mühe geben. Online-TV-Geräte heißen Smart-TVs, und das erinnert nicht von ungefähr an das internetfähige Telefon, das Smartphone heißt und sich verkauft wie geschnitten Brot.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Internet-Fernseh-Kombination hat nicht entfernt einen solchen Erfolg aufzuweisen, obwohl sie schon einige Jahre auf dem Markt ist. In jedem dritten Haushalt steht heute einer Studie des Branchenverbandes GFU zufolge ein Smart-TV. Es gebe großen Nachholbedarf, findet Aufsichtsratschef Hans-Joachim Kamp. Nur 58 Prozent der netzfähigen Fernseher seien hierzulande überhaupt an das Netz angeschlossen. Andere Länder sind da deutlich weiter: Großbritannien mit 86 Prozent, Frankreich mit 79 Prozent, die Niederlande mit 76 Prozent und die Türkei mit 73 Prozent. Dies habe auch damit zu tun, dass die Deutschen im Schnitt etwas älter seien als beispielsweise die Türken, sagt Kamp und weiß genau: Daran liegt es eigentlich nicht. „Smart-TV ist in vielen deutschen Haushalten noch immer graue Theorie“, formuliert es der Vorstandssprecher der Elektronikkette Euronics, Benedict Kober, und trifft damit schon eher den Punkt.

          Form der Werbung wie von vorgestern

          Nun soll es eine Werbekampagne richten, die offiziell zur Internationalen Funkausstellung im September im Berlin startet und bis zum Jahresende läuft. Dazu haben sich Hersteller, Händler und Elektronikverbände in einer Brancheninitiative namens „Smarter Fernsehen“ zusammengetan mit dem Ziel, „Verbrauchern dieses interaktive Fernseherlebnis näherzubringen“. Auf der gleichnamigen Homepage und in Elektronikmärkten will man die Kundschaft von den Segnungen des Internetfernsehens überzeugen.

          Dazu haben die Reklamemacher auf eine Anmutung gesetzt, die teilweise an den Werbestil der fünfziger und sechziger Jahre erinnert. „Smarter fernsehen zeigt, was in ihrem Fernseher steckt“, verspricht eine Anzeige, in der eine fröhliche Cartoon-Familie auf einen überdimensionalen Flachbildschirm mit Logos von Facebook, Skype, Twitter und Youtube blickt. Im Text darunter heißt es: „Verpassen war gestern - Sie bestimmen, wann das Programm beginnt.“ „Smarter fernsehen mit der roten Taste der Fernbedienung.“ „Kleine Clips ganz groß - Smarter fernsehen kann Youtube.“

          Dass die Werber ausgerechnet eine Illustrationsform ausgewählt haben, die wirkt wie von vorgestern, hat offenbar auch mit den Unterstützern zu tun. Es sei nicht einfach gewesen, alle im Wettbewerb stehenden Vertreter aus Handel und Industrie an einen Tisch zu bekommen, konstatiert der Bundesverband Technik des Einzelhandels (BVT). Und so musste man offensichtlich Kompromisse eingehen. „Die Kampagne sollte sich in der Tonalität von der Werbung der Hersteller unterscheiden“, sagt eine Sprecherin der PR-Agentur Fischer-Appelt, in deren Händen die Gestaltung lag. So sei beispielsweise das neue Smart-TV-Logo von „größtmöglicher Neutralität“ geprägt.

          Die Branche hat es allemal nötig

          „Größtmöglich neutral“ ist auch Mr. Smart, der als sogenannter Kampagnenbotschafter auftritt. Mr. Smart ist nicht der Kompagnon aus dem Geheimdienst-Comicduo Clever und Smart - dazu steht die Figur allzu stocksteif da, und auch die dicke Hornbrille weist nicht auf übermäßig viel Action hin.

          Schon bald werden es die Kunden aber häufiger mit Mr. Smart zu tun bekommen, im Internet und - wie es in der Werberwelt heißt - am „point of sale“, also in den Märkten der beteiligten Handelskooperationen Electronic-Partner, Euronics, Expert und Telering. Fürs Erste ist Optimismus Pflicht. „Jeder, der ein Smart-TV ausprobiert, ist auch ein Multiplikator“, sagt GFU-Mann Kamp. Deshalb sei jetzt die gemeinsame Kampagne, deren Kosten man nicht beziffern will, besonders wichtig. Nötig hat es die Branche allemal. Im vergangenen Jahr fuhren die TV-Hersteller auf der ganzen Welt einen Verlust von mehr als 10 Milliarden Euro ein. Ob der steife Mr. Smart mit seinen „wirklichkeitsnahen Szenarien“ für Smart-TV diesen Trend nachhaltig umzukehren vermag? Das steht auf einem anderen Bildschirm

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?
          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.