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Fernreisen : Busfahrer gesucht

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Fernbusse am Frankfurter Bahnhof: Die ersten Unternehmer schulen jetzt Hausfrauen um, weil ihnen die Fahrer ausgehen Bild: Wonge Bergmann

Der Boom der Fernbuslinien befeuert das Geschäft der Bushersteller. Und macht die Fahrer hochbegehrt. 2000 von ihnen könnten sofort eingestellt werden. Doch woher nehmen?

          Jetzt sollen es also die Hausfrauen richten. Sie sollen zu Busfahrern umgeschult werden. Ausgerechnet. Kaum eine Branche ist so stark von Männern dominiert. Der Frauenanteil liegt bei nur 10 Prozent. Doch der Boom bei den Fernbussen rüttelt nun auch an dieser Herrendomäne.

          Seit Anfang 2013, als der Fernbusmarkt liberalisiert wurde, hat sich die Zahl der Fernbuslinien mehr als verdreifacht. An Spitzentagen fahren jetzt täglich etwa 800 Busse durch Deutschland, 200 mehr als noch vor einem halben Jahr. Gleichzeitig gehen derzeit viele Busfahrer in Rente, während zu wenige junge Leute den Beruf erlernen wollen. „70 Prozent der Busunternehmer sagen, dass der Fahrermangel das größte Problem für sie ist“, sagt Wolfgang Steinbrück, Präsident des Busverbandes BDO und selbst Busunternehmer in Thüringen. 2000 Fahrer könnten bundesweit sofort eingestellt werden. In den nächsten Jahren werden bis zu 7000 fehlen, schätzt er.

          Das regt zu kreativen Lösungen an. Steinbrück selbst beschäftigt derzeit fünf spanische Busfahrer, die sein Sohn persönlich in ihrer Heimat abgeholt hat. Sie waren wegen der dortigen Wirtschaftskrise arbeitslos geworden. Andere suchen in Rumänien nach Busfahrern für Deutschland. Oder schulen eben Hausfrauen um.

          Ein saarländischer Busunternehmer kam auf diese Idee. Die Frauen werden im Reisebus, aber auch im Schülerverkehr eingesetzt, fahren dann familienfreundlich zwischen 7 und 8 Uhr morgens und dann wieder mittags zwischen 12 und 14 Uhr. So stopfen sie die Lücken, die von den fehlenden Fernbusfahrern gerissen werden.

          Früher wurde der Busführerschein beim Wehrdienst gemacht

          Denn es gibt auch zwischen den Busunternehmen einen harten Kampf um die Fahrer – vor allem um diejenigen, die serviceorientiert und kontaktfreudig sind. Das ist auf Fernbusstrecken besonders gefragt. Für den Einsatz dort wird daher teilweise über Tarif bezahlt. Busgesellschaften, die nur Schüler und Ausflugsgruppen transportieren, verlieren deshalb Fahrer an die Fernbusbetreiber. Der Unternehmer aus dem Saarland hat die Hausfrauen damit gelockt, dass er die hohen Kosten von bis zu 8000 Euro für den Bus-Führerschein übernommen hat.

          Diese Kosten und die bürokratischen Hürden wie der vorgeschriebene Gesundheitscheck sind ein großes Hindernis, um mehr Fahrer zu bekommen. Bei Bruttolöhnen zwischen 1900 und 2300 Euro kann sich kaum ein Bewerber den Führerschein leisten. Die Busunternehmen haben angesichts enger Gewinnspannen auch nicht viel Geld dafür übrig. Früher hatten viele Kandidaten ihren Busführerschein schon im Wehrdienst bei der Bundeswehr gemacht. Seitdem es die Wehrpflicht nicht mehr gibt, fehlt eine wichtige Nachwuchsquelle für die Branche. Verstärkt springen nun die Arbeitsagenturen ein und übernehmen die Führerscheinkosten für Arbeitslose, bei denen eine Umschulung zum Fahrer Sinn macht.

          Das ist dringend nötig, denn viele Fahrer sind älter und gehen bald in Rente. Die abschlagsfreie Rente mit 63 verschärft die Lage zusätzlich, weil sie viele von ihnen in Anspruch nehmen.

          Während die Busunternehmer nicht wissen, wo sie ihre Mitarbeiter herbekommen sollen, freuen sich die Bushersteller über die steigende Nachfrage. Denn viele Reisebusse erfüllen zurzeit weder die gesetzlichen Vorgaben wie behindertengerechte Zugänge noch die Qualitätsanforderungen wie drahtloses Internet (W-Lan) oder bestimmte Sitzabstände. Zudem steigt der Bedarf stetig. Daher wird nun eifrig bestellt.

          Der boomende Markt hat nicht nur Vorteile für die Hersteller

          Marktführer Daimler (mit den Busmarken Mercedes und Setra) hat 2014 doppelt so viele Doppelstockbusse verkauft wie 2013. Die Nummer zwei MAN (MAN und Neoplan) verkaufte 2012, vor der Liberalisierung, gerade einmal zehn Reisebusse in Deutschland. Dieses Jahr sollen es 130 werden. Das wären fast 30 Prozent mehr als 2014. Die Werke könnten dies noch ohne neue Mitarbeiter und Erweiterungen stemmen, da die Kapazitäten vorher nicht ausgelastet gewesen seien, heißt es.

          Ungetrübt ist die Freude über die vielen Bestellungen freilich nicht. MAN berichtet, dass die Busunternehmer weniger einzeln bestellen, sondern Rahmenverträge des größten Betreibers „Mein Fernbus Flixbus“ nutzen. Das drücke die Preise um bis zu 15 Prozent. Zudem orderten die Unternehmer weniger Busse für den Touristikverkehr. Und schließlich sorgten die viel höheren Laufleistungen der Fernbusse im Vergleich zum Ausflugsverkehr für sinkende Preise bei gebrauchten Bussen. Für diesen Markt befürchtet deshalb MAN, das dort auch aktiv ist, Einbußen. Die Bussparten von Daimler und MAN leiden außerdem unter dem starken Einbruch des Lateinamerika-Geschäfts, einem der wichtigsten Märkte.

          Der Verkauf von Fernbussen kompensiert das nicht. Sie machen nur fünf bis zehn Prozent aller produzierten Busse aus. So erwarten beide Hersteller für 2015 keine großen Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Die Fernbusbegeisterung ist einfach noch zu klein.

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