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Fernbus-Markt : Roadjet nimmt es mit Flixbus auf

  • -Aktualisiert am

Massagesessel mit Sitzheizung: Roadjet versucht, sich über zusätzlichen Luxus von Flixbus abzugrenzen. Bild: Roadjet/Yannik Michael

Das Start-up Roadjet steigt mit einem Luxusangebot in den Fernbus-Markt ein. Mit Massagesesseln und schnellem W-Lan will es Bahn- und Flixbus-Kunden überzeugen.

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          Flixbus hat viele konkurrierende Anbieter vom deutschen Fernbusmarkt verdrängt. Das Start-up Roadjet GmbH aus Ludwigsburg bei Stuttgart wagt den Versuch, im Fernreisemarkt in Deutschland mitzumischen. Die Gründer Muhammed Simsek, 35 Jahre, und Mujib Bazhwal, 36 Jahre, setzen hingegen nicht auf das hart umkämpfte Niedrigpreis-Segment, sondern auf Premium. „Es gibt viele, die fühlen sich beim bisherigen Angebot nicht wohl, denen reicht etwas mehr Beinfreiheit nicht aus“, sagt Simsek. Ihn treibt die Idee schon seit Jahren um. Er ist gelernter Fahrzeugbaumeister, stammt aus einer Unternehmerfamilie und war in der Vergangenheit selbst viel unterwegs. Er wittert eine Nische, weil der klassische Fernbus bei vielen noch ein schlechtes Image habe. „Es gibt viele, die fühlen sich da nicht wohl.“

          Das Unternehmen, das von den beiden Gründern und einem Start-up-Fonds des Landes Baden-Württemberg finanziert wird, geht einen besonderen Weg. Es hat einen eigenen Bus auf Basis eines Chassis von Scania entwickeln lassen. Statt 96 Sitzen gibt es Platz für 44 Passagiere, die die Fahrt auf Massagesesseln mit Sitzheizung verbringen. In Corona-Zeiten ist somit jedenfalls die Frage nach dem Abstand geklärt. Außerdem gibt es Highspeed-Internet sowie einen Wasch- und Umkleideraum. Ein derartiger Bus kostet deutlich mehr als 500.000 Euro in der Anschaffung.

          Flixbus hat einen Marktanteil von mehr als 95 Prozent

          Roadjet will vom 3. August an den Betrieb mit der Strecke Stuttgart–Berlin aufnehmen. Bis Ende des Jahres sollen vier weitere Strecken hinzukommen, so von Stuttgart nach Hamburg und nach München. Die ersten fünf Strecken wolle man auf jeden Fall betreiben, mit eigenen Bussen und eigenen Fahrern. Auf längere Sicht seien auch Strecken im Franchise mit anderen Busunternehmern in Lizenz denkbar. Zuerst müsse das Unternehmen jedoch Erfahrungen sammeln, sagt Simsek. Über die Höhe ihres Investments machen die beiden Gründer keine Angaben. Anders hingegen die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Das Land habe bislang rund 100 Start-ups mit Hilfe seines Fonds unterstützt, im Schnitt mit 200.000 Euro je Unternehmen.

          Christoph Gipp vom Marktforschungsinstitut IGES in Berlin sagt: „Der neue Anbieter hat eine große Aufgabe, er muss sehr schnell seine Marke bekannt machen.“ Der deutsche Fernbusmarkt wurde im Jahr 2013 liberalisiert, um vor allem bei der Deutschen Bahn für mehr Wettbewerbsdruck zu sorgen. Zahlreiche Unternehmen standen da schon mit eigenen Angeboten in den Startlöchern.

          Doch nach und nach dominierte Flixbus den Markt und verdrängte die meisten. Nach Angaben von IGES hat Flixbus inzwischen einen Marktanteil von mehr als 95 Prozent. Der Anbieter ist die Alternative für Leute, die viel Zeit haben und günstig reisen wollen. Flixbus hat weder eigene Fahrer noch Busse, sondern kooperiert mit privaten Busunternehmen.

          Zu Beginn soll der Bus zwischen Stuttgart und Berlin verkehren.
          Zu Beginn soll der Bus zwischen Stuttgart und Berlin verkehren. : Bild: Roadjet/Yannik Michael

          „Der Fernbusmarkt erholt sich nach der Corona-Auszeit langsam wieder“, sagt Gipp. „Alle Anbieter sind in Deutschland an den Markt zurückgekehrt.“ Seit Ende Mai ist Flixbus nach der Zwangspause wieder auf deutschen Straßen unterwegs und bedient inzwischen rund 250 deutsche Ziele – das entspricht in etwa der Hälfte des Streckennetzes vor Corona, wie ein Sprecher mitteilt. Hinzu kämen auch einige europäische Ziele.

          „Es wird spannend sein, zu beobachten, wie das Konzept angenommen wird“

          Basierend auf der Nachfrage, plane man weitere Ziele aufzunehmen. In Deutschland nutzen laut Gipp im Schnitt rund 20 Millionen Fahrgäste im Jahr einen Fernbus. „Am Markt herrscht großer Wettbewerb. Die Bahn hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Sie hat mit vielen Sonderangeboten geworben und profitiert auch von der Mehrwertsteuersenkung für die Tickets.“

          Der Markteintritt von Roadjet sei eine Premiere. „Komfort ist wichtig. Fernbusse hatten zuerst mit W-Lan im Bus und mit der Fahrradmitnahme gepunktet. Da hat aber die Bahn nun aufgeholt.“ Das Segment sei attraktiv. Auf der Strecke von Stuttgart nach Berlin fahre man zwar zwei Stunden länger. Die Zeit könne ein Passagier aber zum Arbeiten nutzen. Roadjet will nicht über den Preis mit anderen Busangeboten konkurrieren, sondern zielt auf die Bahn als eigentliche Konkurrenz.

          Im Inneren des Roadjet-Busses: Weil die Sitze weiter auseinander stehen als üblicherweise in Reisebussen sollen die Abstandsregeln kein Problem darstellen.
          Im Inneren des Roadjet-Busses: Weil die Sitze weiter auseinander stehen als üblicherweise in Reisebussen sollen die Abstandsregeln kein Problem darstellen. : Bild: Roadjet/Yannik Michael

          Seit mehr als einem Jahr greift die französische Mitfahrplattform Blablacar unter dem Namen Blablabus den deutschen Platzhirsch Flixbus an. Der Geschäftsführer von Blablabus, Christian Rahn, sagt zu dem neuen Anbieter im Premiumsegment: „Es wird spannend sein, zu beobachten, wie das Konzept angenommen wird.“ Er glaube jedoch, dass sich Fernbusse in Deutschland vor allem über einen günstigen Preis und eine höhere Flexibilität behaupten werden.

          Blablabus gehört zum französischen Unternehmen Comuto, das in Deutschland zuerst mit einer Mitfahrplattform aktiv war. Der Anbieter ist inzwischen auch wieder in Deutschland und Frankreich unterwegs. Mit Blablabus würden aktuell europaweit 400 Ziele auf nationalen und internationalen Verbindungen angefahren, sagt Rahn. Es würden jetzt weniger deutsche Städte als vor der Aussetzung des Angebots infolge der Corona-Krise angefahren. „Allerdings war die Netzwerkoptimierung bereits vor Corona geplant“, lässt der Manager mitteilen.

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